Sonntag, November 28, 2021
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Langsamer Fortschritt Hoffnung auf Corona-Medikamente wächst

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Monatelang gelingt es den Ärzten kaum, Schwerkranken mit Covid-19 mit Medikamenten zu helfen. Doch langsam gibt es immer mehr Möglichkeiten, das Virus zu bekämpfen.

Da waren zunächst die nachweislich wirksamen Impfstoffe. Die ersten Medikamente, die das Coronavirus direkt angreifen, sind jetzt in der EU zugelassen. Experten bewerten die Studien zu den Medikamenten positiv. Sie schützen zwar nicht vor einer Ansteckung, können aber einen schweren Krankheitsverlauf verhindern.

„Die Medikamente sind eine Säule im Kampf gegen das Coronavirus“, sagt Pharmazie-Professor Thorsten Lehr von der Universität des Saarlandes. „Es ist gut, dass wir diese Mittel endlich haben.“ Doch eine Trendwende für die Pandemie sieht der Wissenschaftler aus Saarbrücken darin nicht. „Impfen ist der billigere und definitiv viel bessere und effizientere Weg.“

Auch wenn die Medikamente gerade erst zugelassen sind – in Deutschland gibt es sie schon seit Monaten. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte Anfang 2021 bereits 200.000 Dosen Antikörper-Medikamente für 400 Millionen Euro gekauft. Diese wurden jedoch selten genutzt. „Wir haben im vergangenen Jahr keinen besonderen Einfluss gesehen“, sagte Lehr. Für die vierte Welle spielen sie bisher, wenn überhaupt, nur eine untergeordnete oder zusätzliche Rolle.

Wie die Antikörper-Medikamente wirken

Die EU hat kürzlich grünes Licht für zwei Antikörper-Medikamente gegeben: Ronapreve vom Schweizer Pharmakonzern Roche und Regkirona vom Hersteller Celltrion aus Südkorea binden das Spike-Protein Sars-CoV-2 an Infizierte, damit der Erreger nicht in die Körperzellen eindringen kann. Damit soll eine Ausbreitung verhindert und die Viruslast so gering wie möglich gehalten werden.

Beide Medikamente müssen als Infusion verabreicht werden – meist im Krankenhaus. Nach Angaben des Münchner Universitätsklinikums rechts der Isar wird dort neuerdings auch ambulant behandelt.

Diese Antikörper funktionieren im Grunde wie die, die sich nach einer Impfung oder Infektion bilden – nur werden sie von einem Pharmaunternehmen hergestellt, nicht von Ihrem eigenen Körper. „Der Antikörper hat absolut die gleiche Wirkung“, sagt Lehr.

Mit Ronapreve, einem Antikörper-Cocktail aus Casirivimab und Imdevimab, zeigen Studien: Das Risiko für Hochrisikopatienten, nach einer Corona-Infektion ins Krankenhaus zu kommen oder sogar zu sterben, sinkt um 70 Prozent. Zudem soll die Viruslast bei Neuinfizierten um 90 Prozent und das Risiko, überhaupt Symptome zu entwickeln, um etwa die Hälfte gesenkt werden.

Regkirona mit dem Regdanvimab-Antikörper bewirkt bei Patienten mit leichten bis mittelschweren Symptomen eine schnellere Genesung und seltener einen schwereren Verlauf. Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) verweist beispielsweise auf eine Studie, nach der rund drei Prozent der behandelten Patienten in Kliniken eingewiesen werden mussten, Sauerstoff erhielten oder sogar starben. Bei den Patienten, die das Medikament nicht erhalten hatten, waren es gut elf Prozent.

Wie wird die Wirkung bewertet

„Die Medikamente haben eine sehr gute Schutzwirkung, liegen aber mit einer Wirksamkeit von rund 75 Prozent gegen schwere Verläufe noch unter der Wirksamkeit von mRNA-Impfungen – insbesondere nach einer Auffrischimpfung“, sagt Lehr. Zudem muss noch nachgewiesen werden, wie wirksam die Medikamente in der Realität sind. Da Ergebnisse aus klinischen Studien in der Regel nicht eins zu eins übertragbar sind, kann die Wirksamkeit geringer sein.

Und noch ein Haken: Die beiden Mittel sind nicht für alle Corona-Erkrankten geeignet, sondern eigentlich nur für Patienten, bei denen ein schwerer Verlauf droht – die aber noch keine oder nur wenige Symptome haben. „Wenn sie zu spät eingesetzt werden, wirken die Produkte deutlich schlechter“, erklärt Lehr. Auch der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité hatte Ende September gesagt, die Verabreichung des Antikörperwirkstoffs sei „fast immer zu spät“. Denn bei einem durchschnittlichen Patienten vermehrte sich das Virus im Körper stark, sobald die Symptome einsetzten.

Was gibt es sonst noch gegen Corona

Nach Angaben des US-amerikanischen Biotech-Branchenverbandes Bio werden weltweit mehr als 600 Medikamente gegen Covid-19 erforscht. Die meisten von ihnen wurden ursprünglich gegen andere Krankheiten entwickelt, so der Verband Forschender Arzneimittelhersteller in Deutschland. Zehn Vorbereitungen befinden sich in unterschiedlichen Stadien des Zulassungsverfahrens bei der EMA.

Bis vor kurzem war das einzige in der EU zugelassene Medikament das antivirale Remdesivir des US-Unternehmens Gilead (Handelsname Veklury). Anders als Ronapreve und Regkirona wird das ursprüngliche Anti-Ebola-Mittel nicht bei leichten Infektionen verabreicht, sondern bei Corona-Patienten mit Lungenentzündung, die ebenfalls Sauerstoff benötigen (aber noch nicht invasive Beatmung). Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) oder des Gemeinsamen Bundesausschusses der Ärzte, Kliniken und Krankenkassen schätzen den Nutzen des Medikaments mittlerweile als eher überschaubar ein.

Zudem werden in Deutschland andere Mittel eingesetzt, die nicht direkt auf das Coronavirus abzielen, sondern Komplikationen, die der Erreger auslöst. Das entzündungshemmende Dexamethason soll beispielsweise eine überschießende Immunreaktion bei Patienten, die auf der Intensivstation invasiv beatmet werden, eindämmen. Bei einer solchen Reaktion kann das Immunsystem das Virus übersehen und das körpereigene Gewebe angreifen.

Auch Medikamente wie Baricitinib (Eli Lilly), Anakinra (Sobi) oder Tocilizumab (Roche), die sich im Zulassungsverfahren der EMA befinden, zielen auf die Folgen einer Viruserkrankung ab. Diese Mittel werden besonders in schweren Fällen gegeben. „Auch eine zu frühe Herunterregulierung des Immunsystems ist gefährlich, denn dann gäbe es keine körpereigene Abwehr gegen Sars-CoV-2 mehr“, sagt Lehr.

Darüber hinaus gibt es zwei antivirale Medikamente, die „eine recht ordentliche Wirksamkeit gezeigt haben“, sagte Lehr. Also Präparate, die den Virus-Replikationszyklus direkt unterbrechen sollen. Bei Molnupiravir (MSD/Merck), das ursprünglich gegen Grippe entwickelt wurde, zeigte die sogenannte Phase-III-Studie eine Halbierung der Zahl der Covid-Patienten, die ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten. Erst am Dienstag gab die EMA bekannt, dass sie mit den Zulassungstests beginnen werde.

Laut Testergebnissen des Herstellers hat Paxlovid (Pfizer) die Krankenhauseinweisungen und Todesfälle bei Hochrisikopatienten um fast 90 Prozent reduziert. Die US-Regierung hatte kürzlich angekündigt, zehn Millionen Dosen davon für 5,3 Milliarden US-Dollar (4,7 Milliarden Euro) zu kaufen.

Was ist über Nebenwirkungen bekannt

Über die Antikörper-Mittel sagt Lehr: „Die Substanzen sind relativ sicher.“ An der Einstichstelle der Infusion kann es zu Reizungen kommen, jedoch sind bisher keine nennenswerten Nebenwirkungen bekannt. Dies bedeutet, dass diese Mittel Ausnahmen sind – bei den anderen Medikamenten können durchaus unerwünschte Folgeerscheinungen auftreten. „Es gibt kein Medikament ohne Nebenwirkungen – und das funktioniert auch nicht.“

Studien zu den Medikamenten vor ihrer Zulassung sind in der Regel zwischen 1000 und 2000 Patienten groß. Zum Vergleich: Mit dem Impfstoff von Biontech nahmen insgesamt 43.000 Probanden an der wichtigen Phase-III-Studie teil, mit Moderna waren es rund 30.000. So wurden die Medikamente vor der Zulassung an weit weniger Menschen getestet als die Impfstoffe.

Zudem wurden die Impfstoffe seit ihrer Zulassung zum Jahreswechsel 2020/2021 millionenfach verabreicht und parallel überwacht. Dabei wurden auch seltene Nebenwirkungen festgestellt – und die neuen Erkenntnisse beim Einsatz der Impfstoffe berücksichtigt. Bei Medikamenten ist es noch ein weiter Weg, bis das Nebenwirkungsprofil ähnlich gut untersucht ist. „Es gibt viele Medikamente, die erst nach der Zulassung Probleme gezeigt haben“, erklärt Lehr. Deshalb werden sie auch langfristig überwacht.

Und das ist noch nicht alles: Wer tatsächlich ernsthaft erkrankt, bekommt unzählige andere Medikamente. Anfang November machte in den sozialen Medien ein Foto aus Großbritannien die Runde mit Dutzenden von Vorbereitungen, die nötig waren, um einen Covid-Patienten einen Tag lang auf der Intensivstation zu behandeln. Dazu zählen Schmerzmittel und Anästhetika ebenso wie künstliche Ernährung oder die Stabilisierung des Kreislaufsystems bei beatmeten Covid-Patienten. Und auch diese Medikamente haben alle Nebenwirkungen.

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