Donnerstag, Januar 20, 2022
StartGESUNDHEITRegierung für Normalisierung Kann Spanien Corona jetzt problemlos ertragen?

Regierung für Normalisierung Kann Spanien Corona jetzt problemlos ertragen?

- Anzeige -


Die spanische Regierung will aus dem Pandemiemodus aussteigen und Covid-19 wie eine Grippe behandeln. Tatsächlich ist die Impfrate des Landes hoch und Omicron ist „milder“ als Delta, aber kann es sich das Land jetzt leisten, zur Normalität zurückzukehren?

Ein Radiointerview des spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez sorgte für Aufsehen, weil der Regierungschef eine Rückkehr zur Normalität und eine künftige Behandlung von Covid-19 wie eine Grippe forderte. Man müsse berücksichtigen, dass sich Covid-19 von einer Pandemie zu einer Volkskrankheit entwickle, sagte er. Sánchez will keinen Alleingang seines Landes, sondern eine Diskussion in der EU anstoßen. Es stellt sich jedoch die Frage, ob Spanien seine Lage nicht zu optimistisch einschätzt.

Bei einer 7-Tages-Inzidenz von aktuell knapp 1.800 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner mag die Haltung der Regierung in Madrid aus deutscher Sicht zunächst etwas seltsam erscheinen. Doch der beiläufige Blick in die nahe Zukunft ist nicht ganz unberechtigt, denn Spanien hat eine der höchsten Impfraten der Welt.

Nach offiziellen Angaben sind 81 Prozent der Bevölkerung „vollständig“ geimpft, 86 Prozent haben mindestens eine Impfung erhalten. Besonders hoch sind die Raten bei der gefährdeten älteren Bevölkerung, bei der fast 100 Prozent der über 60-Jährigen zweimal geimpft werden.

Insgesamt haben 90 Prozent der über 12-Jährigen zwei Dosen im Oberarm und 37 Prozent der unter 12-Jährigen wurden bereits einmal geimpft. Auch bei den Boostern legt das Land ein ordentliches Tempo vor, 82,5 Prozent der 60- bis 69-Jährigen sind geboostert, 90 Prozent der über 70-Jährigen haben bereits die dritte Dosis im Oberarm.

Doch Sars-CoV-2 hat bereits bewiesen, dass es auch kleine Impflücken bestraft. Dies zeigt sich vor allem in der starken Zunahme der Krankenhauseinweisungen in Spanien. Anfang November wurden wöchentlich rund 1.500 Covid-19-Patienten ins Krankenhaus eingeliefert, einen Monat später waren es doppelt so viele. Jetzt sind es rund 13.500.

Viele von ihnen sind wohl wegen einer Corona-Infektion nicht im Krankenhaus, dort wurden sie aber erst bei der Aufnahme positiv getestet. Ein Indiz dafür ist, dass die Mehrheit der registrierten Fälle asymptomatisch verläuft. Auch die hohe Testpositivrate von 39 Prozent spricht für viele unerkannte Infektionen.

Laut den neuesten Zahlen des UK Statistics Office könnte dies bei bis zu 50 Prozent der Fall sein. Omicron war in Spanien für 51 Prozent der Neuinfektionen vor Weihnachten verantwortlich, und wie in Großbritannien lassen sich dort fast alle Fälle auf die Virusvariante zurückführen. Die Situation ist also durchaus vergleichbar.

Die große Masse führt aber immer noch dazu, dass viele Infizierte auf Intensivstationen landen. Anfang November kamen jede Woche rund 150 Corona-Patienten hinzu, vier Wochen später 500. Mittlerweile werden in Spanien rund 1.300 Neuaufnahmen intensivmedizinisch aufgenommen, mehr als in Deutschland. Aktuell kommen in Deutschland auf 1 Million Einwohner rund 36 intensive Corona-Fälle, in Spanien 48.

Das Land zählt mittlerweile mehr Neuaufnahmen als die Spitzen der dritten und vierten Welle im Frühjahr und Sommer 2021. Vor einem Jahr mussten die Intensivstationen des Landes allerdings knapp 2.400 neue Covid-19-Patienten verkraften.

Trotzdem ist die Belastung für Spaniens Krankenhäuser wieder sehr hoch. Laut „El País“ belegen Corona-Fälle in 26 von 50 Provinzen mehr als 25 Prozent der Intensivkapazitäten. Das bedeutet, dass dort die höchste Alarmstufe herrscht. Besonders betroffen sind die Kanarischen Inseln und die Provinzen Baskenland, Aragonien und Katalonien. In manchen Regionen gebe es sogar mehr Covid-19-Fälle auf Intensivstationen als vor einem Jahr, schreibt „El País“. Viele von ihnen wären jedoch immer noch mit der Delta-Variante infiziert worden.

Obwohl omicron weniger wahrscheinlich zu schweren Verläufen führen wird, werden sich die Intensivstationen weiter füllen, solange die Fallzahlen in Spanien so hoch sind wie jetzt. Man stehe jeden Tag zunehmend unter Druck und hoffe, dass die Zahl der Neuaufnahmen nicht weiter steige, sagte ein Klinikchef aus Barcelona der Zeitung.

Die Impfstoffe machen den Unterschied. Nach katalanischen Daten werden etwa viermal mehr Ungeimpfte als Geimpfte ins Krankenhaus eingeliefert, etwa siebenmal mehr auf Intensivstationen. Zu Beginn der Pandemie machten über 70-Jährige die Hälfte der Krankenhauseinweisungen aus, aber nachdem diese Altersgruppe geimpft wurde, sank der Anteil auf 15 Prozent. Delta hat es wieder auf 50 Prozent angehoben, und es geht mit den Auffrischungsschüssen wieder zurück.

Bislang konnten die Auffrischer eine deutlich steigende Zahl von Corona-Toten nicht verhindern. Am 1. Dezember hatte Spanien im 7-Tages-Durchschnitt 55 Opfer, jetzt sind es fast 100. Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, dass viele weitere Fälle Delta zugeschrieben werden können. Vor einem Jahr war die Zahl der Todesopfer im Land dreimal so hoch.

Dass hohe Impfraten der beste Weg für ein Land sind, die Omicron-Welle möglichst unbeschadet zu überstehen, sieht man noch besser im Nachbarland Portugal, wo 90 Prozent der Bevölkerung bereits zwei Impfungen erhalten haben. Alle über 60-Jährigen sind geimpft und 83 Prozent aufgefrischt.

In Portugal ist die Zahl der Covid-19-Patienten seit dem 1. November nur von 60 auf 160 gestiegen, obwohl das Land mit 2.300 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner eine noch höhere 7-Tage-Inzidenz als Spanien aufweist. Auch in Portugal steigt die Zahl der Todesopfer, aber deutlich langsamer. Aktuell sind es durchschnittlich 21 pro Woche, am 1. Dezember waren es rund 13. Am 1. Februar 2021 verzeichnete Portugal 300 Corona-Tote.

Wie Portugal und andere Länder mit hohen Impfraten wird Spanien die Omicron-Welle wahrscheinlich überstehen, ohne neue Höchststände bei Todesfällen und Intensivfällen zu erreichen. Das Gesundheitssystem steht jedoch weiterhin unter enormem Druck und zahlreiche Personalengpässe durch Infektionen und Quarantäne belasten die Wirtschaft und insbesondere das Schulwesen stark. Mit kaum mehr als einer Masken- und Abstandspflicht hat das Land bereits fast keine Einschränkungen, weitere Lockerungen erscheinen angesichts der angespannten Lage nicht ratsam.

Man kann, wie Sánchez wünscht, über eine endemische Zukunft diskutieren. Ob es aber schon durch eine Kombination aus Impfungen und überstandenen Infektionen aus der Omicron-Welle resultiert, ist alles andere als sicher. Der texanische Impfstoffforscher Peter Hotez fasst es in einem zusammen Twittern Auf den Punkt gebracht: Omikron werde, wie die Coronaviren der oberen Atemwege, zu keiner dauerhaften Immunität führen, schreibt er.

„Angenommen, diese Welle lässt im Februar nach, könnten wir Glück haben und einen ereignislosen Frühling haben. Aber dann wird eine neue Variante aus ungeimpften Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen auftauchen und im Sommer über den amerikanischen Süden fegen. Es sei denn, die G7-Führer erwachen aus dem Koma und sich verpflichten, weltweit zu impfen, dann haben wir vielleicht eine Chance, die Pandemie zu beenden.“

Auch die WHO warnt eindringlich davor, die Situation zu unterschätzen. Je mehr sich die Variante ausbreitet und vermehrt, „desto wahrscheinlicher ist es, dass sie eine neue Variante hervorbringt“, zitiert das „Ärzteblatt“ die WHO-Notfallexpertin Catherine Smallwood. „Wir befinden uns in einer sehr gefährlichen Phase. Wir sehen in Westeuropa sehr starke Anstiege der Infektionszahlen, deren Auswirkungen noch nicht ganz klar sind.“



ZUGEHÖRIGE ARTIKEL

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Anzeige

Am beliebtesten

Letzte Kommentare