Dienstag, Oktober 19, 2021
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Als Marcel Reich-Ranicki wütend auf Christa Wolf war

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Im Herbst 1987 saß Marcel Reich-Ranicki in der Alten Oper in Frankfurt – und hatte ein Problem. Die Schriftstellerin Christa Wolf hält eine Rede, für die er absolut keine Verwendung hat. Es gibt einen Zeitungsartikel – mit Konsequenzen.

ichIm Herbst 1987 saß Marcel Reich-Ranicki, Literaturchef der „FAZ“, anlässlich der Verleihung des Kleist-Preises in der Alten Oper in Frankfurt im Publikum und ärgerte sich entsetzlich über den Dunkelhaarigen Frau, die gerade zehn Jahre lang eine feierliche Rede beim in Westdeutschland lebenden Preisträger Thomas Brasch (1945–2001) gehalten hatte. Die Laudatorin heißt Christa Wolf, und Reich-Ranicki denkt ebenso wenig an diesen erfolgreichen DDR-Schriftsteller wie an die DDR insgesamt und die daraus zwangsläufig zensierte Literatur.

Zwei Wochen nach der Verleihung erklärt die Literaturkritikerin in der „FAZ“ unter der Überschrift „Macht Verfolgung kreativ?“ Warum Wolfs Rede ihn so ärgerte. Dass die Schriftstellerin in ihrer Laudatio behauptete, die DDR mit ihren vermeintlichen Widersprüchen sei für Braschs Schaffen verantwortlich, nennt er zynisch und unverfroren. Er bezeichnet Wolf als „DDR-Staatsdichter“, dessen künstlerische und intellektuelle Möglichkeiten weit überschätzt werden, und kritisiert ihre politisch ambivalente Haltung. Wolf wird nicht müde zu erklären, „dass es im Westen eher abscheulich und schrecklich ist, in der DDR aber trotz aller Mängel und Schwächen eher freundlich und hoffnungsvoll“. Dass Brasch nicht aufhören konnte, sich mit seinen Erfahrungen in der DDR auseinanderzusetzen, lag allein an seinem Leiden in dem Land, aus dem er „drangsaliert und tyrannisiert und aus dem er schließlich vertrieben wurde“.

Der 1920 in Polen geborene Jude Reich-Ranicki, der 1938 in Berlin das Abitur machte, dann nach Polen deportiert wurde und den Zweiten Weltkrieg in Warschau nur mit Glück überlebte, war in seiner Jugend ein überzeugter Kommunist. Bis er in den 1950er Jahren nüchtern entdeckte, dass auch Kommunisten Antisemiten sind und es immer Menschen geben wird, die die utopische Idee einer klassenlosen Gesellschaft für ihre Zwecke missbrauchen.

Für die Kritikerin war Christa Wolf das Aushängeschild einer Lügendoktrin: Wie viele andere Pseudo-Dissidenten kritisierte sie gelegentlich vorsichtig die realsozialistische DDR, blieb aber ihrem Staat und der SED bis zuletzt treu. Wieso den? Denn sie, das ehemalige BDM-Mädchen, war überzeugt, im besseren, nazifreien, antifaschistischen Teil Deutschlands zu sein – trotz aller Unfreiheiten dort.

Für das Schaffen von Thomas Brasch sei nicht die bedrückende DDR verantwortlich, meint Reich-Ranicki beim Anhören der Rede von Christa Wolf, sondern die „westliche, bürgerliche, kapitalistische Gesellschaft“. Dies hat Brasch mit Preisen überhäuft und ihm so seine kreative Arbeit ermöglicht. Sieht der von der Kritik so edel beschützte Thomas Brasch das auch so? Natürlich nicht!

Schließlich bezeichnet sich Brasch, der auch nach seinem Exodus aus dem sozialistischen Staat immer ein ambivalentes Verhältnis zu seiner Heimat hatte, als „DDR-Bürger und Sozialist“. Mit dieser Überschrift antwortete er Reich-Ranicki zwei Tage nach dem Erscheinen seines Angriffs auf Christa Wolf in der „Frankfurter Rundschau“. Brasch antwortet ironisch, dass er den Schutz des Kritikers nicht brauche. Er sei noch DDR-Bürger und alle bisherigen Konflikte zwischen ihm und der DDR seien „Konflikte darüber, wie der Sozialismus war, niemals um eine Alternative dazu“. Armer reicher Ranicki!

Es wird gesagt, dass das ganze Leben als Schriftsteller aus Papier besteht. In dieser Serie liefern wir Gegenbeweise

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