Donnerstag, Januar 20, 2022
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Antisemitismus: Wurde der Terror der RAF aus dem Geist des Judenhasses geboren?

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G.udrun Ensslin war empört. Der Mitbegründer und wahre Vordenker der Terrorgruppe Red Army Fraction jedenfalls schwor: „Diese Arschlöcher! Gut, dass diese Angelegenheit an die Neonazis weitergegeben wurde! „So schilderte der Schlüsselzeuge Gerhard Müller, einer der ganz wenigen Terroristen, die je einschlägige Aussagen gemacht haben, ein Gespräch zwischen Ensslin und Irmgard Möller am 13. April 1976, bei dem es gegen ein Uhr war es wurde die RAF gegründet.

Am 13. Februar 1970 zündeten unbekannte Täter mit einem Benzinkanister das Altenheim der Israelitischen Kulturgemeinschaft in München an. In dem Haus in der Reichenbachstraße 27 starben sieben Älteste, meist Holocaust-Überlebende. Angesichts der offen antisemitischen Propaganda der NPD und ihrer Gleichgesinnten hatte die Öffentlichkeit sofort den Eindruck, dass Rechtsextreme für die bisher schwerste antisemitische Attacke in der Bundesrepublik.

Von der widersprüchlichen Aussage des Kronzeugen Müller wusste die Öffentlichkeit damals nichts; es blieb – im Gegensatz zu seinen anderen Behauptungen über die Innenräume der ersten Generation der RAF – geheim. Darauf stieß der Terrorexperte Wolfgang Kraushaar bei seinen Recherchen zu den Wurzeln des deutschen Linksterrorismus. Dazu untersuchte er eine Serie von vier Angriffen auf israelische oder jüdische Ziele in oder von München aus, die sich innerhalb von elf Tagen im Februar 1970 in München ereigneten. Obwohl diese Angriffswelle 55 Tote forderte, wurde sie von der Öffentlichkeit fast vollständig vergessen.

Für sein 2013 erschienenes Buch „Wann wird der Kampf gegen die heilige Kuh Israel endlich beginnen?“ Seit 2013 wühlt der Historiker des Hamburger Instituts für Sozialforschung durch den antisemitischen Sumpf, in dem der linke Terrorismus seit 1967 gedeiht. Doch die Veröffentlichung von Kraushaars Buch wurde verschoben, weil sein Verlag Hamburger Edition die Manuskript im letzten Moment. Der Rowohlt-Verlag hat endlich den großen Band veröffentlicht.

Es ist nicht neu, dass der Hass auf Israel eine wesentliche Triebfeder des deutschen Linksterrorismus war. Viele Mitglieder der ersten beiden Generationen der RAF wurden in Camps ausgebildet, die von verschiedenen palästinensischen Gruppen in Jordanien oder im Jemen betrieben wurden. Die Zusammenarbeit antisemitischer Terroristen wie der PLO, der PFLP und anderer Gruppen mit ihren deutschen „Kameraden“ war bereits während ihres illegalen „Kampfes“ erkennbar.

Am 9. November 1969, dem 31. Jahrestag der „Reichskristallnacht“, zielte der erste potenzielle Großangriff deutscher Linksterroristen, der zum Glück nicht zustande kam, auf das Jüdische Gemeindehaus in West-Berlin. Wolfgang Kraushaar hat diesen längst vergessenen Mordversuch 2005 in einem aufsehenerregenden Buch ausführlich erläutert und konnte den Mordplan den „Tuparamros West-Berlin“, einer militanten Gruppierung um den „Kommunarden“ Dieter Kunzelmann zuordnen.

Allerdings spielt der linke Antisemitismus-Aspekt im heute vorherrschenden Narrativ über die RAF nur eine untergeordnete Rolle. Beispiele dafür tauchen in Stefan Austs Bestseller Baader Meinhof Komplex auf, scheinen aber in Bezug auf die zentrale These marginalisiert zu sein. Aust sieht aus seiner Sicht zweifellos richtig in der RAF vor allem eine Revolte ideologisierter Mittelstandskinder. Aber das ist nur ein Aspekt.

Noch weniger wichtig ist die Bedeutung, die andere Autoren dem Judenhass als Motiv für den linken Terrorismus beimessen. Der Journalist Willi Winkler etwa, der die Wut der RAF gegen Demokratie und Rechtsstaat ernsthaft als „große Geschichte deutscher Leidenschaft“ bezeichnet, schreibt ein zentrales Kapitel in seinem Buch „No More Auschwitz“. Das grenzt an aktive Täuschung. Denn gerade der Antizionismus ist eines der gängigen Motive der radikalen Teile der Studentenbewegung und des „antiimperialistischen“ Terrorismus, unter anderem in der westdeutschen Linken manchmal bis heute.

Nach dem palästinensischen Angriff auf die Olympischen Spiele 1972 schrieb Ulrike Meinhof in Haft ein Papier „über die Strategie des antiimperialistischen Kampfes“. Darin lobte er die Geiselnahme jüdischer Sportler als vorbildlich und griff die Bundesrepublik an, Israel „sein Reparaturkapital“ gezahlt und Waffen geliefert zu haben.

Die Terroristen haben, so Meinhof, „ein Volk als Geisel genommen, das gegen sie eine Vernichtungspolitik betreibt“ – in ihrer Interpretation ein legitimes Mittel. Der Angriff auf die im Gegensatz zu den Olympischen Spielen 1936 organisierten „Happy Games“ in München hätte die Parallelität der beiden Großereignisse deutlich gemacht.

Dieses Argument überzeugte damals nicht einmal Gudrun Ensslin, die wohl erkannte, dass sich die RAF nur durch ein solches Manifest weiter isolieren konnte. Jedenfalls argumentierte er im internen „Informationssystem“ gegen die Meinhof-Zeitung, die er fälschlicherweise dem ebenfalls inhaftierten Holger Meins zuordnete. Offenbar war der Hass auf Israel in der RAF-Führung allgegenwärtig.

Das Buch von Wolfgang Kraushaar beleuchtet nun erstmals die ideologische Bildung des bayerischen Kerns der RAF. Unter dem Namen „Tupamaros München“ unter der Führung des angeblichen „Hasch-Rebellen“ Fritz Teufel formierte sich Anfang der 1970er Jahre diese militante Gruppe, aus der Irmgard Möller, Rolf Heissler und Brigitte Mohnhaupt zum innersten Kern der RAF aufstiegen. Von dieser Gruppe wurden 1970/71 mindestens zwei Dutzend Feuer- und Bombenangriffe verübt, bei denen keiner allein durch das Glück schwer beschädigt wurde.

Das Neue an Kraushaars These besteht darin, diese Gewaltwelle, die weitgehend parallel zur Aufrüstungsphase der ersten Generation der RAF stattfand, in den Kontext der antiisraelischen und antisemitischen Angriffe palästinensischer Gruppen in und aus München zu stellen und eine Verbindung mit dem unerklärlichen Mordanschlag im Zusammenhang mit der Reichenbachstraße.

Überzeugende Beweise für seine These kann er jedoch nicht vorlegen. Kraushaar nennt elf Gründe, warum deutsche Linksextremisten aus der Gegend um „Tupamaros München“ den verheerenden Brand im jüdischen Altersheim entzündet haben könnten. Aber nichts davon ist mehr als intelligente Spekulation.

Die ausführliche und sehr gut lesbare Beschreibung der anderen drei Anschläge in jenen Februartagen erweckt den Eindruck, dass es einen Zusammenhang gibt. Aber dafür gibt es keine Beweise. Sehr vage Verbindungen durch den Nahost-„Tupamaros“-Kontakt, Ina Siepmann, ersetzen keine soliden Beweise. Es ist denkbar, manchmal sogar wahrscheinlich, dass Kraushaars Hypothesen richtig sind: Er kann diesen Zusammenhang nicht beweisen.

Viel weniger als seine Unterstellung, dass die Verantwortlichen der Olympischen Spiele 1972 im politischen und polizeilichen Bereich aus den Erfahrungen der zweieinhalb Jahre zurückliegenden Anschlagsserie keine ausreichenden Schlüsse gezogen und damit zur Katastrophe des Angriffs auf israelische Sportler beigetragen haben. Eine interne Beschreibung der Aufgaben, die sich im Archiv des Olympia-Anschlags im Münchner Hauptarchiv befindet, bezieht sich jedoch natürlich auf die Serie 1970. Angesichts des desaströsen Ergebnisses gibt es berechtigte Zweifel an der Richtigkeit der Fakten Schlussfolgerungen. Jedenfalls wurde die Flut antiisraelischer Gewalt nicht unterdrückt.

Kraushaars vorheriges Buch stieß auf sehr ähnliche Kritik Verena Becker und der Verfassungsschutz. „Verena Becker und der Verfassungsschutz“ (Hamburger Ausgabe) 2010 über sich selbst, in dem über mögliche Verbindungen zwischen der RAF-Terroristin Verena Becker und dem Verfassungsschutz spekuliert wird. Gut möglich, dass der 2010 verstorbene Fritz Teufel der Kopf hinter dem bis heute unaufgeklärten Anschlag war. Es wäre für ihn glaubwürdig gewesen. Aber das ist nichts weiter als ein Verdächtiger. Da Wolfgang Kraushaar trotz umfangreicher Recherchen in den Archiven und zahlreichen Gesprächen mit Zeitzeugen nichts Greifbares vorlegen kann, muss die Frage nach dem Autor offen bleiben.

Kraushaars Verdienst ist es jedoch, die oft verdrängte Geburt des deutschen Linksterrorismus aus dem Geist des Antisemitismus signalisiert zu haben. Denn die Baader-Meinhof-Gruppe und all ihre Sympathisanten und Nachfolger waren in Wirklichkeit, wie die britische Autorin Jillian Becker bereits 1977 definiert hatte, die „Söhne Hitlers“.

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