Donnerstag, Oktober 28, 2021
StartKULTUR UND KUNSTChronik einer Jugend zwischen Ost und West

Chronik einer Jugend zwischen Ost und West

- Anzeige -


VVor einem Vierteljahrhundert begann Julia Franck in rascher Folge hochgelobte Romane und Kurzgeschichten zu veröffentlichen. 2007 erhielt sie für „Die Mittagsfrau“ den Deutschen Buchpreis. Die Lebensgeschichte der Protagonistin Helene, die zwei Weltkriege erlebte und ihren kleinen Sohn auf einem Provinzbahnhof zurückließ, stand wochenlang auf der Bestsellerliste und wurde in 35 Sprachen übersetzt. Begeistert war bis auf wenige Ausnahmen auch die Literaturkritik, die sonst so leicht von kommerziellen Megaerfolgen irritiert wird.

Das änderte sich, als vier Jahre später Francks Buchpreis-Nachfolgeroman „Back to Back“ erschien. Auch hier ging es um eine Familientragödie, um psychische und physische Gewalt, um deutsch-deutsche Geschichte. Überorchestrierte Handlung, holzschnittartige Figuren, Kitsch, das ist die auffallend einheitliche Diagnose verschiedener Rezensenten. Ein Kritiker warf Franck sogar vor, im Dienste der Unterhaltungsindustrie „Geschichte und Erinnerungskultur missbraucht zu haben“.

Dann wurde es still um Julia Franck. Als nach Jahren immer noch kein neues Buch in Sicht war, machten sich Gerüchte breit. Vielleicht wären die Kritiken der 1970 in Ost-Berlin geborenen Autorin so schlecht ausgefallen, dass sie das Schreiben inzwischen komplett aufgegeben hat. Es schien passend, dass Franck dem Literaturarchiv in Marbach die Manuskripte ihrer früheren Romane und allerlei andere Dokumente überließ. Es war 2019, Franck war noch keine 50. Nachlasspflege zu Lebzeiten? Selbstkanonisierung, weil sowieso nichts kommt? Franck sagte damals in einem Radiointerview, sie habe sich entschieden, ihr Archiv aus Platzmangel zu Hause nach Marbach zu verlegen. Sonst sei sie „guter Laune, dass ein Roman entsteht“, der „vielleicht“ eines Tages öffentlich wird. Jetzt hat Franck die Fama definitiv zum Schweigen gebracht wegen ihrer Schreibkrise.

„Welten auseinander“, wie das Comeback hieß, ist jedoch kein Roman geworden, sondern gehört eher zum Genre der literarischen Selbsterforschung. Bemerkenswert ist, dass Franck bereits in früheren Büchern aus ihrer Biografie schöpfte, aber stets den Schutzmantel der Fiktionalität des Romans über den Bereich des Privaten breitete. Das Julia-Ich in den brandneuen Franck-Erinnerungen hingegen spricht mit ungefiltertem Authentizitätsanspruch über seine bedrückend bewegten ersten zweieinhalb Lebensjahrzehnte – eine Zeit zwischen Ost und West, emotionaler und materieller Vernachlässigung, Anthroposophie , Sozialhilfe, Kapitalismus, Juden- und Ossiwitze, kommunistische Parolen und bildungsbürgerliche Ansprüche. Es geht um Geschlechterrollen auf beiden Seiten der Mauer, Missbrauch, Liebe und Tod, den verzweifelten Kampf um Selbstbehauptung und den aufkeimenden Lebensentwurf als Schriftsteller.

Das Dilemma aller Autofiction, an dem alle modernen Selbstdarsteller der Literatur von Rousseau bis Karl Ove Knausgard und Annie Ernaux gearbeitet haben, bleibt: Das nackte Leben schreibt keine Geschichte von selbst, und schon gar keine gute. Denn dazu bedarf es eines Ichs, das sich unweigerlich transformiert, sobald es den Rohstoff seiner Gefühle und Erinnerungen aus der Lebenswelt sprachlich dreht und wendet und dabei Sinn, Unsinn oder „Wahrheit“ seiner eigenen Vita findet. Ein erzählerisch versierter Autor wie Franck ist sich natürlich bewusst, dass das Ergebnis dieses psychologischen literarischen Prozesses immer höchst subjektiv und grundsätzlich anfechtbar sein muss. Deshalb heißt es auf der ersten Seite: „Keine echte Person wird sich in einer der Figuren dieses Buches wiedererkennen.“ Manch ein reales Pendant zu einem der „Charaktere in diesem Buch“ wird wohl bewusst darauf verzichten, sich selbst wiederzuerkennen.

In dieser Rekonstruktion einer ungeschützten Kindheit und Jugend liest man sich schnell selbst fest. Ein Grund für die Faszination ist, dass Franck vor 51 Jahren mit einer Zwillingsschwester im Glanz und Elend der DDR-Bohème geboren wurde: Die Mutter ist die Schauspielerin Anna Katharina Franck, die sich 1978 mit vier kleinen Töchtern in den Westen abseilte. Vater ist der kurz vor dem Mauerfall verstorbene Regisseur Jürgen Sehmisch, der wie der Junge in „Die Mittagsfrau“ als Kind ganz allein auf einem Bahnsteig zurückgelassen wurde.

Die Verbindung zwischen Francks Eltern brach früh ab. Die Zwillinge sollen zu einer Pflegefamilie gehen. „Biermann hat wohl bei der Vermittlung geholfen.“ Klar, wer sonst. Ein paar Jahre später musste sich der Doppelgänger Franck Lottchen die echte Nina Hagen, eine Freundin seiner Mutter, in die pausbäckigen Wangen kneifen lassen. Auch Heiner Müller und Robert Havemann, der in der DDR zunächst zum Helden und schließlich zum Staatsfeind erklärt wurde, treten gelegentlich auf.

Die wahre Anziehungskraft dieser Geschichte basiert nicht auf ostalgischem Namensverlust. Die stärksten Passagen sind diejenigen, in denen Franck den Charakter ihrer Großmutter mütterlicherseits skizziert: Gemeint ist die 2009 verstorbene Bildhauerin Ingeborg Hunzinger, die ihrer Enkelin strengstens untersagte, ihre Oma zu nennen und die sich ansonsten jedem Stamokap-Femininitätsideal widersetzte. Inge wurde von den Nazis als „Halbjüdin“ verfolgt. Nach Kriegsende zog sie aus Überzeugung in die DDR, wo sie sich Ende der 1950er Jahre mit dem Regime einließ.

Darüber, dass der Stasis-Spion, dem Inge ein Zimmer als „Verschwörerwohnung“ vermietet, ein ganz anderes Verbrechen begangen hat, als Besuchern und Freunden zuzuhören, erzählt Franck schnörkellos und diskret. Manchmal scheint es, als hegte sie noch Wut auf ihre Großmutter, die stark, rücksichtslos, gerne rau und charmant war und ihre Tochter dennoch nicht beschützen konnte. Manchmal mischen sich Mitleid oder Bewunderung in die Inge-Passagen. Die Verarbeitung verschiedener Familientraumata, die von einer Frauengeneration überliefert wurden (die wenigen männlichen Figuren, wie der Vater der Autorin und ihre große Jugendliebe Stephan, spielen jeweils nur eine begrenzte Zeit eine Rolle) verbindet Franck mit einer Chronik von ihre individuell ambivalenten Gefühle.

Franck erwartet von ihren Lesern nicht nur zu Recht drastische, sondern auch eine gehörige Portion sprachliches Pathos. Das Schamgefühl wird immer wieder beschworen – ein klassischer Topos der Selbstauskunftsliteratur. Dass diese Scham manchmal willkürlich wirkt, lässt den Verdacht aufkommen: Es ist eine Untertreibung. Hinter Francks Schamoffensive steckt eigentlich ein ganz anderes Gefühl, nämlich Stolz. Es in einer Welt des Widerstands geschafft zu haben. Dieser Stolz wäre keineswegs anmaßend.

Julia Franck: Welten liegen auseinander. S. Fischer, 368 Seiten, 23 Euro.

ZUGEHÖRIGE ARTIKEL

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Anzeige

Am beliebtesten

Letzte Kommentare