Dienstag, Oktober 19, 2021
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Das Problem mit Sally Rooneys Israel-Boykott

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Boykott kennt viele Formen. Besonders viele Menschen kennen den Boykott Israels. Einer der perfidensten davon ist der kulturelle. Die irische Bestsellerautorin Sally Rooney nutzt es jetzt. Während die 30-Jährige ihre ersten beiden an internationalen Erfolgen kaum zu überbietenden Bücher „Conversations with Friends“ und „Normal People“ in 46 Sprachen, darunter auch Hebräisch, übersetzen ließ, änderte sie ihre Strategie für ihr neuestes Veröffentlichung.

„Schöne Welt, wo bist du“, das Anfang September auf Anhieb auf Platz 1 der Bestsellerliste der „New York Times“ schoss, dürfte keine hebräisch sprechenden Leser finden. Rooneys Agentin Tracy Bohan informierte darüber den israelischen Verleger Modan, der bereits Rooneys erste Bücher übersetzt hatte und nun die Veröffentlichung des dritten beantragte. Als Begründung nennt Rooney, wie die Zeitung „Haaretz“ berichtet, ihre Unterstützung für den Kulturboykott Israels, ein Ziel, das auch die Boykott-, Desinvestitions- und Sanktionsbewegung (BDS) verfolgt. Einige Unterstützer von BDS stellen die Existenzberechtigung Israels in Frage, der Deutsche Bundestag hat erklärt, dass Veranstaltungen, an denen auch BDS-Sympathisanten teilnehmen, von der öffentlichen Förderung ausgeschlossen werden sollen.

Rooneys Wechsel sollte keine Überraschung sein. Für die britische Autorin Kamila Shamsie unterzeichnete die Autorin bereits 2019 ein Verteidigungsschreiben in der „London Review of Books“, nachdem der zunächst verliehene Dortmunder Nelly-Sachs-Preis aufgrund ihrer Unterstützung durch BDS zurückgezogen worden war. Kurz nach dem bewaffneten Konflikt zwischen Israel und der palästinensischen Hamas in diesem Sommer war Rooney einer von tausend ersten, der eine Anklageschrift unterzeichnete, in der er den israelischen Staat eines Apartheid-Systems beschuldigte und ihn aufforderte, seine wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zu Israel abzubrechen.

Rooneys Bücher, die sich als Manifestationen eines Millennial-Sentiments irgendwo zwischen politischem Klassenbewusstsein, persönlicher Verletzlichkeit und selbstreflexivem Kitsch verorten lassen, offenbaren Sympathien für die Kritik ihrer Protagonisten an der israelischen Politik, die ihrem aktuellen Handeln kaum widersprechen. So lässt sie beispielsweise in ihrem Debüt zwei Freundinnen überlegen, ob Israel „netter“ sei als Palästina, und sie finden heraus, dass Nettigkeit fälschlicherweise als Maßstab deklariert wird, an dem es tatsächlich um Macht geht.

In ihrem Roman „Normal People“ nimmt Rooney einen Vorwurf vorweg, der sich nun gegen sie richten könnte: Dort wird der Protagonistin, mit der ihre Autorin sehr offen sympathisiert, vorgeworfen, sich für den Nahostkonflikt zu interessieren, nur um damit auf sich aufmerksam zu machen Parteien. Ihre Freundin, die sie gut kennt, hält dies für eine absurde Interpretation.

Rooneys Signal ist deprimierend, denn der gehypte Autor, der 2018 für den renommierten Man Booker Prize nominiert wurde und dessen Roman „Normal People“ zu einer Erfolgsserie gemacht wurde, gilt vielen jungen Lesern als Vorbild. Rooney ist nicht der Erste, der diese Form des Boykotts nutzt, indem er ihr ihre Talente beraubt. Auch die bereits erwähnte pakistanisch-britische Autorin Kamila Shamsie, die Amerikanerin Alice Walker, die Britin China Mieville, um nur einige zu nennen, verhinderten, dass ihre Bücher ins Hebräische übersetzt wurden. Besonders unfair erscheint der Boykott einer Sprache – er richtet sich gegen das Volk statt gegen die Institutionen und betrifft auch alle Hebräisch-Leser, die beispielsweise außerhalb Israels leben.

Auch wenn es Rooney nicht primär darum geht, eine Sprache zu ächten, sondern einen israelischen Verleger außer Acht zu lassen – die Übereinstimmung mit der hebräischen Sprache ist nicht nur ungünstig, sondern brutal. Wäre es nicht zumindest als Zeichen gegen Antisemitismus möglich gewesen, den Roman ohne Verlag oder mit einem internationalen Verlag ins Hebräische übersetzen zu lassen und dann beispielsweise als E-Paper frei zugänglich zu machen seine Leser? Wäre eine Publikation dem interkulturellen Dialog und dem künstlerischen Anspruch nicht viel förderlicher gewesen – gerade angesichts der Tatsache, dass sich die Charaktere in Rooneys Büchern kritisch mit Themen auseinandersetzen, die Rooney eindeutig wichtig sind?

So sehr ein Journalist geneigt ist, Vergleiche mit dem Nationalsozialismus wo immer möglich zu vermeiden, unterscheidet sich das Verbrennen von Büchern jüdischer Autoren nur graduell von der Weigerung, Bücher israelischer Autoren im Ausland zu veröffentlichen. Laut „Haaretz“ ist dies immer häufiger der Fall. Die eigene Kunst den israelischen Lesern vorzuenthalten, erscheint letztlich als noch arroganter.

Außerdem gibt es vielleicht nicht viel zu seufzen als „Schöne Welt, wo bist du?“, ein Titel, den Rooney Schillers „Die Götter Griechenlands“ gestohlen hat. Ein weiteres Zitat einer anderen Autorin, Natalia Ginzburgs, stellt Rooney vor ihren Roman: „Wenn ich etwas schreibe, denke ich normalerweise, dass es sehr wichtig ist und dass ich eine sehr großartige Schriftstellerin bin.“ Ob Rooney ein sehr großer Schriftsteller ist, ist eine offene Frage. Sie ist mit dieser Aktion sicherlich kein besonders toller Mensch. Marie-Luise Goldmann

Wieder Botho Strauß! Alles, was man von einem Botho Strauss erwartet: antike Mythologie, Theaterbühnengesten, aphoristische Seele, existenzielle Mystik, Unterhaltungskritik und die kargen Stimmungen des einsamen Herzens: „Verschwommene Glut am blaugrauen Schneehimmel“, ja“ Schneewind aus Nordwest, Gewitter“. In Botho Strauss‘ „Nicht mehr. Nicht mehr. Chiffren für sie “ist die poetische Beschreibung des Zustands einer verlassenen Frau.

Auch wenn man bei dieser Gertrud Vormweg kurz an Thomas Manns „verratene“ Rosalie von Tümmler denken könnte, das Prinzip von Strauss sind verschachtelte Chiffren, die einerseits der Figur Schutz bieten und ihr andererseits ermöglichen, eine Stimmung im Moment wiederzugeben. „Sollte ich jemals eine Geschichte erzählen, würde sie in einem ständigen Stimmungswandel untergehen, und dieser Wechsel wäre das Letzte, was sich im Stillstand des Vermissens noch bewegt.“

Noch interessanter als die Frage, warum Strauss hier (im Gegensatz zur „Widmung“) in eine weibliche Perspektive wechselt, ist, ob sich der Dichter in diesem von Modellen übersäten Dido codiert: „Wie viel Unerfahrenes hält ein Mensch aus?“ Heißt es an einer Stelle. Das romantisierte Schweigen war in früheren Arbeiten manchmal irritierend und unnötig verschleiert, in „Nicht mehr. Nicht mehr“, klappt es überraschend. Mara Delius

Botho Strauss: Nicht mehr. Nicht mehr. Chiffren für sie. Hanser, 160 Seiten, 22 Euro.

In Bruno Preisendörfers Epochenbüchern spielten Sinneserfahrungen seit jeher eine Rolle: In der Arbeit über Goethes Zeit lernte man, wie die Straßen noch ganz unklassisch rochen. Im Panorama der Lutherzeit war auch von Geschmackserlebnissen mit Gerichten aus dieser Zeit die Rede und manche davon schmeckten manchen Zeitgenossen zu „cool“ (zu süß).

In dem neuen Buch „Als Deutschland zum ersten Mal vereint wurde“ erfährt man, dass Berlin bei der Reichsgründung 1871 in Sachen Gestank seit Goethe nicht viel vorangekommen war. Der Kot der Häuser ergoss sich immer noch auf die Straßen. Am Ende der Bismarckschen Ära gab es in Berlin eine Kanalisation, die diesen Namen verdiente.

Das neue Buch dreht sich um Bismarck und schließt eine Tetralogie von vier Charakteren ab, die für Preisedörfer von besonderem Interesse sind. Aber so wie die früheren Bücher keine Goethe-, Luther- oder Bach-Biografien waren, handelt es sich hier um eine Bismarck-Biografie, sondern um eine Übersicht, in der auch Arbeiterinnen, Frauen und Außenseiter zu Wort kommen. Ebenso natürlich andere „Reichsgründer“, also jene Riesenfiguren, auf deren Schultern Deutschland heute noch steht. Da uns die Zeit der Reichsgründung sprachlich näher liegt als die Frühe Neuzeit und die Weimarer Klassik, ist dies wieder einmal ein sehr zitatreiches Buch und ganz nebenbei eines der am flüssigsten zu lesenden Preisedörfers. Matthias Heine

Bruno Preisendörfer: Als Deutschland zum ersten Mal vereint war. Reise in die Bismarcksche Zeit. Galiani, 448 Seiten, 25 Euro.

Ist die Verleihung des diesjährigen Literaturnobelpreises an Abdulrazak Gurnah, einen 72-jährigen Schriftsteller, der in Sansibar geboren wurde und seit Ende der 1960er Jahre in Großbritannien lebt, eine ästhetisch begründete Entscheidung oder ein politisches Signal? Und wenn letzteres zutrifft, dann ein Signal für was genau?

Je lauter die Stimmen des Nobelpreiskomitees in Stockholm in den letzten Jahren betonten, dass es bei der Wahl um literarische Verdienste ging, desto paradoxer hatte man den Eindruck, dass die Entscheidung immer ein Signal war. Nachdem die Schwedische Akademie 2018 wegen eines Skandals um sexuelle Belästigung und Korruption in die schlimmste Krise ihrer Geschichte gestürzt war und in diesem Jahr als Zeichen der Selbstreflexion und des Neuanfangs keinen Literaturnobelpreis erhalten hatte, 2019 hieß es, die Akademie wolle sich nicht nur personell reorganisieren, sondern auch inhaltlich verändern. Also weniger patriarchalisch und eurozentrisch werden – in der Geschichte der Nobelpreise gingen nur 16 von 118 an Schriftstellerinnen, und überdurchschnittlich viele Preisträger sind Europäer oder Amerikaner.

Der Preis ging 2018 und 2019 an Olga Tokarczuk aus Polen und Peter Handke aus Österreich, 2020 an die amerikanische Dichterin Louise Glück.

Nun geht die wichtigste Auszeichnung in der Literaturwelt an einen Schriftsteller afrikanischer Abstammung – den ersten schwarzen Autor nach Toni Morrison im Jahr 1993; „Endlich nicht mehr so ​​eurozentrisch!“ War die erste Reaktion auf Twitter. „Abdulrazak wer?“ Gefragt, viele aus Deutschland: Nur die Hälfte seiner englischsprachigen Romane wurde ins Deutsche übersetzt, zuletzt „Die Abtrünnigen“ vor fünfzehn Jahren – und das, obwohl Gurnah nicht nur die britische, sondern vor allem die deutsche Kolonialgeschichte im Osten ist Afrika wird thematisiert, jedoch ohne erwartetes Opfer-Täter-Schema.

Auch in Großbritannien, wo er seit seiner Flucht aus Sansibar 1964 lebt, ist Gurnah kein allzu gebräuchlicher Name, kein Vergleich zum Bekanntheitsgrad früherer britischer Nobelpreisträger wie Kazuo Ishiguro, Doris Lessing oder Harold Pinter: He sei nur einer der größten afrikanischen Schriftsteller bisher, der immer übersehen worden sei, sagte sein britischer Redakteur nach der Ankündigung am Donnerstag und erklärte, Gurnahs Thema sei das, was die Menschen entwurzelt. Noch vage war die Begründung der Akademie: In Gurnahs literarischem Universum ist alles in Bewegung – Erinnerungen, Namen, Identitäten, in den späteren Werken wie „Afterlives“ (2020) und im Frühwerk des ehemaligen Flüchtling „Memory of Departure“ (1987).

Die Stockholmer Betonung des Begriffs „Flüchtling“ wirkt ein wenig irreführend, wie eine zeitgenössische Einschließung eines Schriftstellers, der auch Akademiker ist und als solcher Professor für englische Literatur und postkoloniale Theorie an der University of Kent war. das Postkoloniale Studien haben in Großbritannien nach dem Zusammenbruch des Empire eine besondere Macht entwickelt, sowohl als wissenschaftlich produktive Nische als auch als politisch aktivistisches Feld. Edward Saids „Orientalism“ (1978) oder zehn Jahre später „The Empire Writes Back“, Werke, die einen kritischen Blick auf „die westliche Sicht“ der nicht-westlichen Welt werfen wollten, wurden diskutiert, verherrlicht oder anders gegen der Hintergrund der britischen Kolonialgeschichte umkämpft wie etwa in Amerika.

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