Freitag, Januar 21, 2022
StartKULTUR UND KUNSTDie falschen Reden von "Freundschaft": was uns Molière über die Gegenwart erzählt

Die falschen Reden von „Freundschaft“: was uns Molière über die Gegenwart erzählt

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DASob Komödie oder Tragödie tatsächlich besser altern, ist eine interessante Frage, die für jede Epoche neu beantwortet werden muss. Obwohl einige Witze zeitgebunden sein mögen, sind die einst äußerst tragischen Konflikte um konkurrierende Ideale – göttliche Gebote, weibliche Ehre und dergleichen – noch weiter entfernt.

Die Komödie, die Molière, geboren als Jean-Baptiste Poquelin am 15. Januar 1622, endgültig auf die gleiche Stufe wie die Tragödie erhob, hat einen entscheidenden Vorteil: Es geht weniger um große Leidenschaften als vielmehr um allzu menschliche Schwächen, zeitlose Laster wie die Gier, Neid, Gier oder Heuchelei, die immer wieder in neuen Formen und Verkleidungen auftreten. Ob Adelshof oder Bürgerhaus, in Molières Komödien kann sich jeder selbst oder, viel angenehmer, den Sitznachbarn als Spiegelbild sehen. Andere sind immer Heuchler.

Das soll nicht heißen, dass Laster keine Geschichte haben. Ein frommer Trüffel, der vorgibt, von höchster Moral zu sein, um sich in die Herzen und Häuser seiner schuldigen Gönner zu schleichen, scheint ein unglaubliches Klischee zu sein.

In Zeiten oder Gesellschaften, in denen das Einhalten der Gebote und religiösen Rituale normal ist, trifft Kritik eher eine empfindliche Stelle. 1664 verursachte Tartufo, das speziell für die Eröffnung des neuen Parks von Versailles geschrieben wurde, am Hof ​​Ludwigs XIV. einen Skandal und wurde verboten. Aktueller klingen heute diejenigen Passagen, in denen die Täuschung so weit getrieben wird, dass die Welt bereits vollständig aus alternativen Fakten besteht.

Als die blinde Madame Pernelle nicht an Tartufos Demaskierung glauben will, ist ihr Sohn Orgon, der gerade Zeuge der Täuschung geworden war, verzweifelt: „Ich glaube fast, sie wollen mich nicht verstehen. / Ich habe es gesehen, Mama! Ja , gesehen, gesehen! / Mit den beiden Augen hier. Also? Ist das nicht sinnvoll? / Ich habe es gesehen! Wie laut soll ich schreien? – Perelle: Ich habe das oft genug erlebt, dass das, was man am Ende klar zu sehen glaubte, nur eine leere Illusion war. – Orgon: Unglaublich!“ (Deutsch von Arthur Luther).

Ein Werk wie „Il Misantropo“ von 1666 spricht uns noch direkter an. Die brillant artikulierte Kritik des Außenseiters Alceste an höflich-höflicher Unaufrichtigkeit, ständiger Schmeichelei und Nach-Mund-Geschwätz ist im Zeitalter der sozialen Medien hochaktuell. Ebenso die Kritik an einem leeren Diskurs von „Freundschaft“, der damals wie heute nur auf der nützlichen Gegenseitigkeit von herzlich geteilten Likes und Inhalten beruht.

Zugleich zeigt Molière mit Alceste, wie leicht radikale Kritik am Nicht-Authentischen an Konventionen und Etikette in ewig mürrische Heuchelei umschlagen kann, eine Haltung, die heute gerade bei denen, die Social Media aus Prinzip ablehnen, keine Seltenheit ist. „Und ich würde gerne in abgelegene Wüsten fliehen / um die Lüge zu vermeiden, nicht mit Menschen zusammen zu sein“, sagt Alceste.

Was Philinte darauf erwidert, kann angesichts der aktuellen Turbulenzen in virtuellen Debatten dennoch als pflichtbewusste Mahnung gewertet werden: „Wer unter den Menschen lebt, sollte immer moderat bleiben.“

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