Sonntag, Oktober 17, 2021
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Die Schwachstelle im System

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mmanche Leute sind wie Viren. Du kommst irgendwo hin. Und dann entzünden sie eine Familie, ein Dorf, ein Land. Dann beginnt das Fieber. Bertil Kras ist so ein Mensch. Henning Mankell (1948–2015) hat es erfunden, lange bevor es Henning Mankell wurde. Also Kurt Wallanders Mankell.

Bertil Kras erscheint im Traum des Erzählers von „The Crazy“. Mankells dritter Roman erscheint erst jetzt auf Deutsch; das Original erschien 1977 – zwölf Jahre bevor der Moralist und Philanthrop Mankell seine Polizeistation in Ystad eröffnete, in der über das Schicksal von Mördern verhandelt wurde, die wie Viren Schwachstellen im gesellschaftlichen Immunsystem Schwedens aufdeckten.

Bertil Kras kommt aus Stockholm in eine Stadt im Norden. Da ist ein Sägewerk. Und eine eiternde Wunde im Wald. Ein stiller Ort. Bertil Kras ist Kommunist. Als er im Sägewerk anheuert, ist der Krieg gerade vorbei, aber in den Köpfen und Seelen der Menschen wütet er noch. Im Wald war einst das Lager, in das Schwedens Nazi-Regierung Kommunisten gesteckt hatte.

Bertil will sich daran erinnern. Das wollen die Leute nicht. Dann brennt das Sägewerk. Und das Dorf. Bertil ist ein Mankell-Modellheld. Einsam und verloren im Kampf gegen die gleichgültige Gesellschaft. Und „The Crazy“ ist ein Roman – gebaut in der Nähe des Pathos – vor den Reinigungskuren, denen Mankell sein Schreiben unterzog und ohne die er nie weltberühmt geworden wäre. Elmar Krekeler

Henning Mankell: Der Verrückte. Übersetzt aus dem Schwedischen von Andrea Fredriksson-Zederbauer. Zsolnay. 512 Seiten, 26 Euro.

Wie man sagt, hat Uwe Wittstock das Pulver nicht erfunden. In seinem ersten Buch überhaupt, in dem der Name Marcel Reich-Ranicki gar nicht auftaucht, bedient er sich nun auch einer Erzählmethode, die, von Florian Illies eingeführt und von Oliver Hilmes weitergeführt, sich mittlerweile großer Beliebtheit erfreut: die Synchron-Minimalistin Darstellung eines kurzen historischen Abschnitts. Es ist kein Jahr wie Illies, es ist keine Olympiawoche wie Hilmes.

Es geht vielmehr um die dreißig Tage, die Adolf Hitler nach dem 30. Januar 1933 brauchte, um seine uneingeschränkte Herrschaft zu begründen und zu festigen. Diese Tage sind hart, vor allem wenn man sich genau anschaut, was sie in Deutschland und seinen Bewohnern in die damalige Literaturwelt mitgebracht haben: Not und Tod; Verzweiflung, Unsicherheit, Verrat. Hier kommt viel Bekanntes hoch.

Wittstock führt aber auch Tiefbohrungen durch. Zum Beispiel, wenn er berichtet, wie Gabriele Tergit und ihr Mann es geschafft haben, sich am 4. März vor einem Angriff der SA zu schützen. Oder erzählt ausführlich, wie kläglich die Preußische Akademie der Künste sich selbst abgeschafft hat. Ob Benn, der eine so unrühmliche Rolle spielte, wirklich aus materiellen Interessen gehandelt hat, bleibt abzuwarten. Insgesamt als Handbuch geeignet, nicht besonders inspiriert geschrieben. Tilman Krause

Uwe Wittstock: 33. Februar. Der Literaturwinter. CH Beck, 288 Seiten, 24 Euro.

Boykott hat viele Formen. Der Israel-Boykott ist vielen bekannt. Einer der perfidensten ist der kulturelle. Die irische Bestsellerautorin Sally Rooney nutzt es jetzt. Während die 30-Jährige ihre ersten beiden an internationalen Erfolgen kaum zu überbietenden Bücher „Conversations with Friends“ und „Normal People“ in 46 Sprachen, darunter auch Hebräisch, übersetzen ließ, änderte sie ihre Strategie für ihr neuestes Veröffentlichung.

„Schöne Welt, wo bist du“, das Anfang September auf Anhieb auf Platz 1 der Bestsellerliste der „New York Times“ schoss, dürfte keine hebräisch sprechenden Leser finden. Rooneys Agentin Tracy Bohan informierte darüber den israelischen Verleger Modan, der bereits Rooneys erste Bücher übersetzt hatte und nun die Veröffentlichung des dritten beantragte. Als Begründung nennt Rooney, wie die Zeitung „Haaretz“ berichtet, ihre Unterstützung für den Kulturboykott Israels, ein Ziel, das auch die Boykott-, Desinvestitions- und Sanktionsbewegung (BDS) verfolgt. Einige Unterstützer von BDS stellen die Existenzberechtigung Israels in Frage, der Deutsche Bundestag hat erklärt, dass Veranstaltungen, an denen auch BDS-Sympathisanten teilnehmen, von der öffentlichen Förderung ausgeschlossen werden sollen.

Rooneys Wechsel sollte keine Überraschung sein. Für die britische Autorin Kamila Shamsie unterzeichnete die Autorin bereits 2019 ein Verteidigungsschreiben in der „London Review of Books“, nachdem der zunächst verliehene Dortmunder Nelly-Sachs-Preis aufgrund ihrer Unterstützung durch BDS zurückgezogen worden war. Kurz nach dem bewaffneten Konflikt zwischen Israel und der palästinensischen Hamas in diesem Sommer war Rooney einer von tausend ersten, der eine Anklageschrift unterzeichnete, in der er den israelischen Staat eines Apartheid-Systems beschuldigte und ihn aufforderte, seine wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zu Israel abzubrechen.

Rooneys Bücher, die sich als Manifestationen eines Millennial-Sentiments irgendwo zwischen politischem Klassenbewusstsein, persönlicher Verletzlichkeit und selbstreflexivem Kitsch verorten lassen, offenbaren Sympathien für die Kritik ihrer Protagonisten an der israelischen Politik, die ihrem aktuellen Handeln kaum widersprechen. So lässt sie beispielsweise in ihrem Debüt zwei Freundinnen überlegen, ob Israel „netter“ sei als Palästina, und sie finden heraus, dass Nettigkeit fälschlicherweise als Maßstab deklariert wird, an dem es tatsächlich um Macht geht.

In ihrem Roman „Normal People“ nimmt Rooney einen Vorwurf vorweg, der sich nun gegen sie richten könnte: Dort wird der Protagonistin, mit der ihre Autorin sehr offen sympathisiert, vorgeworfen, sich für den Nahost-Konflikt zu interessieren, nur um ihn auf sich aufmerksam zu machen Parteien. Ihre Freundin, die sie gut kennt, hält dies für eine absurde Interpretation.

Rooneys Signal ist deprimierend, denn der gehypte Autor, der 2018 für den renommierten Man Booker Prize nominiert wurde und dessen Roman „Normal People“ zu einer Erfolgsserie gemacht wurde, gilt vielen jungen Lesern als Vorbild. Rooney ist nicht der Erste, der diese Form des Boykotts nutzt, indem er ihr ihre Talente beraubt. Auch die bereits erwähnte pakistanisch-britische Autorin Kamila Shamsie, die Amerikanerin Alice Walker, die Britin China Mieville, um nur einige zu nennen, verhinderten, dass ihre Bücher ins Hebräische übersetzt wurden. Besonders unfair erscheint der Boykott einer Sprache – er richtet sich gegen das Volk statt gegen die Institutionen und betrifft auch alle Hebräisch-Leser, die beispielsweise außerhalb Israels leben.

Auch wenn es Rooney nicht primär darum geht, eine Sprache zu ächten, sondern einen israelischen Verleger außer Acht zu lassen – die Übereinstimmung mit der hebräischen Sprache ist nicht nur ungünstig, sondern brutal. Wäre es nicht zumindest als Zeichen gegen Antisemitismus möglich gewesen, den Roman ohne Verlag oder mit einem internationalen Verlag ins Hebräische übersetzen zu lassen und dann beispielsweise als E-Paper frei zugänglich zu machen seine Leser? Wäre eine Publikation dem interkulturellen Dialog und dem künstlerischen Anspruch nicht viel förderlicher gewesen – gerade angesichts der Tatsache, dass sich die Charaktere in Rooneys Büchern kritisch mit Themen auseinandersetzen, die Rooney eindeutig wichtig sind?

So sehr ein Journalist geneigt ist, Vergleiche mit dem Nationalsozialismus wo immer möglich zu vermeiden, unterscheidet sich die Verbrennung von Büchern jüdischer Autoren nur graduell von der Weigerung, Bücher israelischer Autoren im Ausland zu veröffentlichen. Laut „Haaretz“ ist dies immer häufiger der Fall. Die eigene Kunst den israelischen Lesern vorzuenthalten, erscheint letztlich als noch arroganter.

Außerdem gibt es vielleicht nicht viel zu seufzen als „Schöne Welt, wo bist du?“, ein Titel, den Rooney Schillers „Die Götter Griechenlands“ gestohlen hat. Rooney zieht ihrem Roman eine andere Autorin vor, Natalia Ginzburgs: „Wenn ich etwas schreibe, denke ich normalerweise, dass es sehr wichtig ist und dass ich eine sehr großartige Autorin bin.“ Ob Rooney ein sehr großer Schriftsteller ist, ist eine offene Frage. Sie ist mit dieser Aktion sicherlich kein besonders toller Mensch. Marie-Luise Goldmann

Wieder Botho Strauß! Alles, was man von einem Botho Strauss erwartet: antike Mythologie, Theaterbühnengesten, aphoristische Seele, existenzielle Mystik, Unterhaltungskritik und die kargen Stimmungen des einsamen Herzens: „Verschwommene Glut am blaugrauen Schneehimmel“, ja“ Schneewind aus Nordwest, Gewitter“. In Botho Strauss‘ „Nicht mehr. Nicht mehr. Chiffren für sie “ist die poetische Beschreibung des Zustands einer verlassenen Frau.

Auch wenn man bei dieser Gertrud Vormweg kurz an Thomas Manns „verratene“ Rosalie von Tümmler denken könnte, das Prinzip von Strauss sind verschachtelte Chiffren, die einerseits der Figur Schutz bieten und ihr andererseits ermöglichen, eine Stimmung im Moment wiederzugeben. „Sollte ich jemals eine Geschichte erzählen, würde sie in einem ständigen Stimmungswandel untergehen, und dieser Wechsel wäre das Letzte, was sich im Stillstand des Vermissens noch bewegt.“

Noch interessanter als die Frage, warum Strauss hier (im Gegensatz zur „Widmung“) in eine weibliche Perspektive wechselt, ist, ob sich der Dichter in diesem von Modellen übersäten Dido codiert: „Wie viel Unerfahrenes hält ein Mensch aus?“ Heißt es an einer Stelle. Das romantisierte Schweigen war in früheren Werken, in „Nicht mehr. Nicht mehr“, klappt es überraschend. Mara Delius

Botho Strauss: Nicht mehr. Nicht mehr. Chiffren für sie. Hanser, 160 Seiten, 22 Euro.

In Bruno Preisendörfers Epochenbüchern spielten Sinneserfahrungen seit jeher eine Rolle: In der Arbeit über Goethes Zeit lernte man, wie die Straßen noch unklassisch rochen. Im Panorama der Lutherzeit war auch von Geschmackserlebnissen mit Gerichten aus dieser Zeit die Rede und manche davon schmeckten manchen Zeitgenossen zu „cool“ (zu süß).

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