Samstag, Januar 15, 2022
StartKULTUR UND KUNSTElternschaft: was Paw Patrol unseren Kindern antut

Elternschaft: was Paw Patrol unseren Kindern antut

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mAnfang der 1940er-Jahre und als Mutter zweier kleiner Kinder stößt sie immer wieder auf Bücher für selbsterwachsene Kinder, in diesem Fall in den 1980er-Jahren in West-West-Deutschland. Die Bücher sind meist ideologisch gefärbt, etwa Michael Endes „Momo“ von 1973, Luis Murschetz‘ „Der Maulwurf Grabowski“ von 1972 oder Otfried Preusslers „Die dumme Augustine“ von 1971. Wimmelbilder des inzwischen in München im Alter verstorbenen Ali Mitgutsch von 86. Seit 1969 wurden acht Millionen seiner Wimmelbildbücher verkauft.

Wenn man heute „Augustinus“ von Preußler vorliest, der von einer Zirkusfamilie spricht, verstehen die Kinder nicht mehr viel: Warum spielt die Mutter nicht wie der Vater? Warum kümmert sie sich als einzige um die drei Kinder und findet das gar nicht lustig? Nach der Lektüre war mir schon mit vier Jahren klar: Ich will das nicht, am Ende bin ich derjenige, der im Zirkus auftritt. Preussler hatte sein Ziel erreicht, den Volltreffer.

Der bayerische Karikaturist Ali Mitgutsch wurde diese Woche in unzähligen Nachrufen gefeiert – und wieder einmal wird deutlich, dass zu wenig über die Bedeutung und Wirkung der Geschichten gesprochen wird, die wir unseren Kindern vorlesen oder auf Streaming-Portalen zeigen. Mitgutschs Bücher hatten eine ebenso grundlegende Wirkung wie die von Preussler. Aber anders als viele andere Autoren der Zeit tarnte er sich in seinen Motiven nicht als Anarchist: Seine Bilder sind anarchisch. Er schuf Bilder mit versteckten Objekten, in denen er Mädchen und Jungen tatsächlich freien Lauf ließ, als ob jede Figur ein eigenes Leben hätte, eine Figur, die der Künstler nicht kontrollieren könnte.

Wer Mitgutschs Wimmelbildbücher kennt, kann den Zeichentrickfilm, den man als Kind mit beiden Händen gedreht und Leerzeichen darauf geöffnet hat, noch hören, so wie es Kinder heute tun, wenn sie „Paw Patrol“ zum ersten Mal sehen – man hat nie genug . Auch nach über dreißig Jahren ist die Erinnerung an Ihren Lieblingsort noch frisch: ein Strand voller Menschen, jeder anders als der andere. Aber alle sind fast unnatürlich überdreht, euphorisch und voller Leben. Und keine Manieren.

Ein dicker Mann hat einen Privatstrand angelegt: Kein Zutritt. Ein Kind pinkelt mitten am Strand, Leute machen auf einem Liegestuhl rum, ein anderes Kind zieht seinen Badeanzug aus und gleich vom Dock streckt es sein nacktes Gesäß der Sonne entgegen. Natürlich gibt es auch einen FKK-Strand. Anarchie lebte schöner. Und weit entfernt von der im aktuellen Mainstream stets versteckten leistungsorientierten Kinderbuchkultur – mit der „Zaubertierschule“ oder „Petronella“.

Doch wie reagieren Kinder heute auf Bücher, die viel über die Rolle erzählen, die das hemmungslose Ego in unserer Gesellschaft spielt? Was wollen wir unseren Kindern mitgeben? Ist es immer noch die freche, mutige und sogar rücksichtslose Seite von Mitgutsch? Seine Welt ist für meine Kinder viel irritierender als damals für mich. Sie haben schon viel mehr gesehen, denken aber in „Teams“, weil sie das aus den Kurzfilmen der amerikanischen Zeichentrickserie „Paw Patrol“ kennen, die Folge für Folge postuliert, dass die Welt aus einem Chef besteht, der was sagt zu tun und ein Team, das für eine gute Sache zusammenarbeitet, jemanden rettet, einen Konflikt löst. Aber Gut und Böse sind meist unvereinbar. Das Gute gewinnt immer. Wenn man versucht, Kindern zu erklären, dass jeder zunächst einmal gut ist, aber auch böse sein kann, bekommt man nur Fragezeichen. Schlimmer ist jedoch die Art und Weise, wie diese Serien die Grenzen der Körperlichkeit auflösen und suggerieren, dass Menschen (hier der Hund) immer mit Technologie oder magischer Technologie „arbeiten“ und jederzeit repariert werden können. Wie Erwachsene werden auch Kinder mit „Zoes Zauberschrank“ oder „Pyjamas“ zu Netflix-Abonnenten und gewöhnen sich früh an die Ästhetik.

Doch diese Form der Mitgutsch-Verwirrung mit dem banalen Nicht-Benehmen dutzender rotziger Kinder wirkt auf Kinder fantastischer als die „Maluna“-Fee: Im Pool stößt ein Junge einen anderen Jungen mit Walkman ins Wasser und taucht auf überrascht. Der Täter merkt jedoch nicht, dass er von einem Mädchen mit flatternden Haaren von hinten ins Wasser geworfen wird.

Aber nicht alle Kinder schauen „Paw Patrol“ (obwohl man es kaum verbannen kann, eine Art Gruppenzwang auch in der Kita). Auch der Unterschied zu heutigen Büchern ist schnell erklärt. Denken Sie an die preisgekrönten Frühjahr-Sommer-Herbst-Winter-Wimmelbilder von Rotraut Susanne Berner. Sie sind das zeitgenössische Äquivalent und zeigen die ganze Verliebtheit. Es sind schöne Bücher, Kinder lieben es, Niko, den entflohenen Papagei, zu suchen. Aber darüber hinaus ist es eine fast sichere Welt. Das Schwierigste: Andrea liest ein Buch und läuft gegen einen Laternenpfahl. Aber: Menschen berühren sich kaum. Niemand flippt aus.

Die wahren Gefahren lauern in der Welt von Mitgutsch. Er bat die Kinder: Luft ablassen, kämpfen, Körper spüren. Heute fahren Hunde in „Paw Patrol“ mit hypertechnisierten Geräten und lösen jedes Problem, mit vollautomatischen Kränen oder Superkräften, von denen Kinder wissen, dass sie sie nicht haben. Aber Ali Mitgutsch hat uns gesagt, was in uns brennt. Seine Bücher werden uns immer daran erinnern: Das Leben ist hart, nimm es als eine orgiastische Party. Sei mutig, frech und frei.

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