Mittwoch, Oktober 27, 2021
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Fetisch im Dreivierteltakt

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Der hat sich schon selbst ins Auge gestochen oder – wie der Komponist Jean-Baptiste Lully 1687 mit tödlicher Blutvergiftung – in den Fuß gestochen. Der Dirigentenstab, der früher als Tanzmeister ein echter Stock war, ist nicht nur ein Arbeitsinstrument, sondern auch eine Waffe. Manchmal fliegt es im Eifer der Musikschlacht einfach unkontrolliert durch den Raum.

Der Taktstock mutierte sogar zum Fetisch. Nicht so sehr die, die heute von Männern und Frauen verwendet werden. Sie sind fast immer gleich: 20 bis 45 Zentimeter lang, zwei bis vier Millimeter im Durchmesser. Sie laufen spitz zu und bestehen aus leichtem und stabilem Fiberglas oder Carbon. Der Griff besteht normalerweise aus Kork. Bis in die 1920er Jahre waren Taktstöcke natürlich auch Geschenkartikel für ganz besondere Dirigieranlässe.

Bereits im 19. Jahrhundert entwickelte sich der Taktstock zu einem dekorativen Handwerk. Als Ehrengeschenk eines Chores oder als faltbarer Taktstock für einen reisenden Operndirigenten wurden sie aus Holz, leider oft aus den Tropen, in edleren Ausführungen aus Gold, Silber, Perlmutt oder auch Elfenbein gefertigt, was jetzt verpönt ist. Eine der bedeutendsten und größten Sammlungen historischer Taktstöcke kommt nun im Berliner Auktionshaus Bassenge unter den Hammer: die Sammlung des Ballettkritikers Jan Stanislaw Witkiewicz mit über 100 Taktstöcken.

Da ist der goldene Taktstock der Frau des Weißen Raja auf Borneo, exotisch verzierte Essstäbchen von amerikanischen Bürgermeistern und Bandführern, falt- und ausziehbar von Offizieren des 2. Liedkreis. Eine war speziell einer Aufführung von Händels Oratorium „Israel in Egypt“ gewidmet, eine andere der Operette „The Pirates of Penzance“ von Gilbert & Sullivan.

1924 wurde Queen Mary mit einem silberbesetzten Taktstock dirigiert. Einer trägt Bischofsinsignien, ein anderer wurde vom Mandolinen-Frauenclub „Trofeo“ verschenkt. Und manche sehen eher aus wie Zepter oder Marschallstab. Ein schlecht verzierter Stock mit dem Monogramm „AS“ im Originaletui der Musikfirma Ferdinand Julius Hermann Altrichter soll 1902 dem Komponisten Arnold Schönberg angeboten worden sein.

Auffällig ist jedoch Lot 2720: Der Taktstock eines österreichisch-deutschen Dirigenten wird dem Komponisten und „Wiener Walzerkönig“ Johann Strauss (Sohn) zugeschrieben oder stammt zumindest aus seiner Familie. Es ist ein 35 Zentimeter langer Holzstab mit Schellack und kunstvoll geschnitzten Elfenbein-Endstücken. Den breiten Griff ziert ein Eierstabring, Kränze aus Lorbeer- und Eichenlaub, ein Stillleben mit Musikinstrumenten inklusive einer Leier, die kürzere Spitze trägt einen mit Akanthusblättern bedeckten Kronenfuß (Taxe 2800 Euro).

Ja, dass es (in gutem Zustand, mit kaum Gebrauchsspuren) einmal die sanfte Welle des Donauwalzers gesetzt hat, das kann man sich sehr gut vorstellen.

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