Montag, Januar 24, 2022
StartKULTUR UND KUNSTHerbert Achternbusch zum Gedenken: Eine schwer fassbare Avantgarde

Herbert Achternbusch zum Gedenken: Eine schwer fassbare Avantgarde

- Anzeige -


mDass Kunst extrem gefährlich ist, verdanke ich Herbert Achternbusch. Als 15-jähriger Nerd war ich bei der Uraufführung von Achternbuschs Skandal-Meisterwerk „Das Gespenst“ in den Hofer Filmtagen schockiert und gerade auf dem Weg zum linkspubertären Radikalen tief in meinen religiösen Gefühlen verletzt. Die wiedergeborene Christusgestalt, die sich durch ein gott-, lieb- und freudloses Bayern des 20. Jahrhunderts schleppte, hatte so viel Verachtung und Gift für religiösen Kitsch, der alles zusammenhielt, dass es selbst für Nicht-Fundamentalisten schwer zu ertragen war. Er nagte an den Nerven der Aufklärung und ihrer vorgetäuschten Toleranz.

„The Ghost“ begann mit knisternden Bildern auf dem Viktualienmarkt. Wer später den Regisseur bewundern wollte, brauchte nur hundert Meter weiter zum „Weissen Bräuhaus“, um den wie ein Mönch leuchtenden Achternbusch zu entdecken. Oft saß er vor dem Franz-Josef-Strauss-Gedächtnisbild und trank ein Bier. Was er dem „SZ-Magazin“ noch in Form der rhetorischsten Frage gestand: „Wohn ich nicht in München, um ins Wirtshaus zu gehen?“

Das antwortete er existenziell. Wenn es nicht da wäre, lohnte sich ein 300-Meter-Spaziergang. Es wurde im „Gasthaus Isarthor“ gefunden. Auch dort gerne allein, aber mit Blick auf ein Bier. Seine Kunstdrucke wurden im einst wegweisenden bayerischen Concept Store Ludwig Beck verkauft, und so war die Achterbusch-Welt klein und ländlich, aber von einer subversiven Weltoffenheit, die ihresgleichen sucht.

Seit der Bayerischen Räterepublik und dem Proto-Dadaisten Karl Valentin war der individuelle Anarchismus eine lokale Tradition, die bodenständig und doch im Reich der Ideale verwurzelt war. Lokaldichter, Münchner Original und schwer fassbare Avantgarde, Achternbusch hat Maßstäbe des Mutes gesetzt, vor dem blutleere zeitgenössische Kunst flieht. „The Ghost“ war eine böse und harte Liebeserklärung an das Christentum. Ein letzter großer katholischer Film. Herbert Achternbusch starb im Alter von 83 Jahren in München.

ZUGEHÖRIGE ARTIKEL

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Anzeige

Am beliebtesten

Letzte Kommentare