Montag, Januar 24, 2022
StartKULTUR UND KUNSTMuseen und ihr Frauenproblem: Gibt es mehr Gleichberechtigung?

Museen und ihr Frauenproblem: Gibt es mehr Gleichberechtigung?

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S.Schaut man sich den neusten Kompass der Kunst an, der seit 1970 Ruhm und Rang zeitgenössischer Künstler an Resonanz und nicht an Preisen misst, sind seit Jahren nur zwei Frauen konstant unter den Top 10: Rosemarie Trockel und Cindy Sherman. In den Vorjahren wurden Louise Bourgeois und Pipilotti Rist gesichtet. Zu den Kletterinnen unter den Top 100 gehören Haegue Yang, Hito Steyerl und Valie Export; den höchsten Punktzuwachs findet man bei acht Künstlerinnen, darunter Louise Bourgeois, aber auch Yayoi Kusama, Alicja Kwade und Anne Imhof. Glaubt man dieser Liste, setzt sich der Trend der letzten Jahre fort, dass Künstlerinnen die Aufmerksamkeit von Galeristen, Museen, Auktionshäusern und Sammlern erregen – und auch teurer werden.

Das ändert jedoch nichts daran, dass laut Barnebys nur Männer in den Top 10 der Preischarts der teuersten lebenden Künstler mit Preisen im zweistelligen Millionenbereich stehen. Die teuersten lebenden Künstler hingegen bleiben alle unter 10 Millionen. Umso bemerkenswerter ist der Rekordpreis von 10,5 Millionen Euro, den das Ölgemälde „Propped“ (1992) der englischen Künstlerin Jenny Saville am 5. Oktober 2018 bei Sotheby’s erzielte und damit zum teuersten lebenden Künstler auf dem Markt versteigert. Der weibliche Akt auf einem Barhocker, der ein schnörkelloses Selbstporträt der Künstlerin von unten zeigt, stammt aus der bedeutenden Sammlung des 2014 verstorbenen David Teiger, der dem MoMA als begeisterter Mäzen und Kunstsammler eng verbunden war.

Rechnet man die bereits verstorbenen Künstlerinnen und Künstler in die Tabelle mit ein, so belegen laut Barnebys Georgia O’Keeffe, Louise Bourgeois und Tamara de Lempicka mit deutlich über zweistelligen Millionenbeträgen die Spitzenplätze. Allen drei Künstlern gemeinsam ist bei aller Unterschiedlichkeit eine erotisch aufgeladene Ikonographie, seien es die sinnlichen Blumen von O’Keeffe, die ab dem 23 Sommer 2022 im Gropiusbau in Berlin) oder Tamara de Lempickas provokative Freizügigkeit gegenüber der neuen Zielfrau. Ob bejahend oder kritisch, obsessiv, offensiv oder provokativ – der Umgang der Künstlerinnen mit ihrer weiblichen Identität lässt sich zumindest als Indikator für einen Emanzipationsprozess interpretieren, der erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann.

Bereits 1971 waren die ungleichen Teilhabebedingungen Ausgangspunkt von Linda Nochlins provokativem Essay „Why Have There Been No Great Women Artists?“, mit dem die amerikanische Kunsthistorikerin zur Mitbegründerin der feministischen Kunstgeschichte wurde. 50 Jahre später spricht man immer noch davon. In der Kunstzeitschrift „Monopol“ versuchte Saskia Trebing eine Bestandsaufnahme der Geschlechterungerechtigkeit in der Kunst, die zeigt, wie wenig sich geändert hat. So verdienstvoll und wichtig wie die Wiederentdeckung „vernachlässigter“ Künstler, oft im Alter, folgt oft ein Narrativ der Überwindung von Widerständen, das nicht unbedingt das echte Ergebnis würdigt.

Dass es in der Kunst, wie in fast allen anderen Lebensbereichen, um eine systemische Benachteiligung von Frauen ging und geht, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben. 2019 leistete die Londoner Tate Gallery dazu einen sensationellen und umstrittenen Beitrag, der ein Jahr lang ausschließlich Kunst von Frauen zeigte. Es sind immer die gleichen sinnlosen Argumente gegen die Quote, die solche radikalen Maßnahmen mit billiger Empörung begleiten. Und man hat den Eindruck, dass die öffentliche Diskussion nur einen Meter vorankommt.

Aber wie ist die Situation wirklich? Wo sind wir in den Museen? Welche Förderung von Künstlerinnen ist sinnvoll, was eher fraglich? Ein Blick auf die Arbeit der Museen zeigt, dass es zwar spürbare Fortschritte gibt, aber noch viel aufzuholen ist, um große Frauen in der Kunst zu würdigen. Einzelne Projekte stachen in den letzten Jahren heraus – seien es die „Fantastischen Frauen“, mit denen die Schirn Kunsthalle Frankfurt 2020 erstmals den Beitrag von Frauen zum Surrealismus würdigte, oder die „Vergessenen Bauhaus-Frauen“, die im Zentrum der Weimarer Klassik-Stiftung standen. Aktuell entsteht eine Ausstellung, die auch diesen Bedürfnissen gerecht wird: Frauen im Design von 1900 bis heute, die mit „Here we are!“ auf Sichtbarkeit und Gleichberechtigung pochen. im Vitra Design Museum (bis 6. März 2022).

Im vergangenen Jahr wurden auch die Künstler der Alten Nationalgalerie vor 1919 in ihrem „Kampf um Sichtbarkeit“ unterstützt, während die gläserne Bühne der Neuen Nationalgalerie 2022 ganz weiblich ist. Um die gläserne Decke des künstlerischen Olymps zu durchbrechen, müssen manche Künstler erst aus dem Schatten ihrer prominenten Ehemänner geholt werden, wie die gefeierte Sophie Taeuber-Arp-Ausstellung im MoMA (bis 12. März 2022) und das grandiose Doppel Anni and Die Ausstellung von Josef Albers im Musée d’Art Moderne de Paris demonstrierte dies eindrucksvoll.

Schließlich muss das bereits 1990 von Adrian Piper angeprangerte „Triple Denial of Black Artists“ überwunden werden, das einer Künstlerin wie Lynette Yiadom-Boakye mit ihrer fantastischen Einzelausstellung im K20 in Düsseldorf (bis 13. Februar 2020) mit großer Nonchalance gelingt , 2022). Ebenso wichtig ist es aber auch, die geschlechtsspezifische Kodierung des kulturell geprägten Blicks auf den weiblichen Körper nach allen Regeln der Kunst zu hinterfragen. Dies erfordert einen Perspektivwechsel im doppelten Wortsinn: im Sinne eines grundsätzlichen Perspektiv- und Richtungswechsels und im Sinne eines Perspektivwechsels zwischen den Geschlechtern. Sehen und gesehen werden ist eine Bedingung für die Möglichkeit gleicher Rechte, auch und vor allem in der Kunst.

Dass dies nicht immer gelingt und auch nicht immer gelingen kann, zeigt ein Blick auf viele weitere Exponate, die sich im Sog der Debatten wohlfühlen, ihnen aber einen Bärendienst erweisen. Zwei aktuelle „Frauenausstellungen“ geben uns ein differenziertes Bild und verdeutlichen die Unterschiede. „Frauenkörper“ im Kurpfälzischen Museum in Heidelberg (bis 20. Februar 2022) und „Second View“ im Bode-Museum in Berlin (bis auf Weiteres) widmen sich dem überwiegend männlichen Frauenbild. Gemeinsam ist den Exponaten jedoch, dass auch die Bedingungen und Kontexte berücksichtigt werden, in denen Frauen gemalt oder dargestellt wurden.

Die von Dagmar Hirschfelder kuratierte Ausstellung „Frauenkörper“ erzählt noch einmal die Entwicklung des weiblichen Akts von Dürer bis Cindy Sherman. Dieser Ansatz ist nichts Neues. Umso überraschender, weil Hirschfelder während seiner Ausstellung nach Berlin berufen wurde und nun die dortige renommierte Kunsthalle leitet. Dabei steht die Frau nicht als Künstlerin im Mittelpunkt, sondern als Objekt der Malerei. Rund 130 Akte zeigen nicht nur, wie sich Körperideale im Laufe von 500 Jahren verändert haben, sondern auch, wie sehr die Darstellung der Frau und die Vorstellung von Weiblichkeit aus der Sicht von meist männlichen Künstlern und Auftraggebern geprägt wurden.

So wie sich seit der Frühen Neuzeit die weibliche Nacktheit in den eleganten Mantel künstlerischer Schönheit hüllt, können sich seither auch Schmerz, Gewalt und Erotik miteinander vermischen, um nicht nur ästhetische, sondern auch voyeuristische Bedürfnisse in biblischer Form zu befriedigen und mythologische Szenen oder historische. Erst mit der Moderne und dem Zugang zu Bildungs- und Ausstellungsmöglichkeiten für Künstlerinnen und Künstler begann eine Auseinandersetzung mit Identität und weiblicher Sexualität. Schließlich haben seit den 1960er Jahren aktuelle Körperdebatten auch Eingang in die Kunst der feministischen Avantgarde gefunden.

Im Gegensatz zu diesem konventionellen Projekt steht der innovative und umweltfreundliche Ansatz von María López-Fanjul y Díez de Corall. Seine Ausstellungsreihe „Der zweite Blick“ stellt die altehrwürdige Sammlung des Bode-Museums einer aktuellen Fragestellung. Nach „Typen der Liebe“ stehen diesmal Frauen im Mittelpunkt einer interdisziplinären Untersuchung, die aus geschlechterwissenschaftlicher und feministischer Kunstgeschichte neue Akzente setzt. Obwohl es in der Skulpturensammlung und im Museum für byzantinische Kunst keine einzige bekannte Künstlerin gibt, gibt es zahlreiche Darstellungen von Frauen. Anhand von 62 Beispielen werden ihre Geschichten erzählt und mit Hilfe von Raumtexten kontextualisiert, die sonst oft hinter stereotypen Rollenbildern verborgen bleiben. Eine Reihe von neun Videobeiträgen, in denen sich engagierte Berlinerinnen und Berliner mit einem Kunstwerk ihrer Wahl aus dem Bode-Museum auseinandersetzen, schlägt den Bogen in die Gegenwart.

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