Donnerstag, Januar 27, 2022
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Nachruf Herbert Achternbusch: Sein „Geist“ erschreckte den Minister

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UndAlexander Kluge kollidierte einst mit Herbert Achternbusch vor laufender Kamera. In einer BR-Sendung 1983 erklärte Kluge, der große Meister des neuen deutschen Films, seinem Kollegen aus dem Bayerischen Wald in bestem Standarddeutsch seine Idee, das Filmmaterial des anderen zu schneiden. Kluge wedelt begeistert mit dem Zeigefinger, während Achternbusch unter seinem Hut aussieht wie eine Katze, die von einem übereifrigen Kätzchen heimgesucht wird. Bis Achternbusch eine verächtliche Geste in Richtung Kamera macht und sagt: „Genug, wenn du dich aus der Ferne stärkst“. Subtext: Du darfst meinen Arsch lecken. Inzwischen ist er in München tot, wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet.

Staat, katholische Kirche und Fernsehen hielten Feuer einst für gefährlich, weil in seinem Film „Der Geist“ Jesus Christus (Achternbusch) vom Kreuz herabsteigt und ein Leben als Kellner bei einer Ordensschwester beginnt 70er und 80er Jahre stark in Mode. Das hätte ihm schmeicheln sollen. Er fand es immer noch abstoßend, das „Oberklasse-Gezwitscher“, das er, wie er es nannte, hinter sich gelassen zu haben glaubte.

Er hatte ein Problem mit den schlecht versteckten Widersprüchen zwischen Selbstverständnis und Produktion. Nicht mit offen angenommenen Paradoxien, denn sie beschrieben nur die Welt und ihren surrealen Überbau. Das macht seine Filmarbeit bis in die Gegenwart so zeitlos und antiquiert: So nah am Dokumentarischen wie Guckkastentheater, kommen seine Filme meist mit wenigen Einstellungen aus, Tableaus werden zu Kreuzwegstationen, an deren Ende Der bizarre Tod des Protagonisten sticht heraus, meist gespielt von Achternbusch selbst.

Am 23. November 1938 in München als unehelicher Sohn eines begeisterten Nazi-Sportlehrers und eines stets scherzhaften Zahnarztes geboren, wuchs Herbert bei seinen Großeltern im Bayerischen Wald auf. Nach der Schwangerschaft einer Mitschülerin studierte er zunächst Malerei an den Kunsthochschulen Nürnberg und München und wechselte dann zum Schreiben: „Die Schlacht von Alexandria“ (1971) galt als Weckruf für die junge Frau.

Aber erst im Film fand er seine universelle (nicht) historisch-heilsame autobiografische Sprache. Die heutige Berufswelt vergleicht Achternbusch sowohl mit Goethe als auch mit dem kanadischen Underground-Regisseur und ehemaligen schwulen Pornostar Bruce LaBruce, und das zu Recht: für die kosmische Absurdität, die er mit seinen Subversionen misst, die von einfachen Wortspielen bis zu tiefsten Abgründen reichen. Trinken Sie einen Schnaps für jeden von Hitler getöteten Juden („Das letzte Loch“) und tauchen Sie dann in einen Vulkankrater ein, der gleichzeitig höllische Buße und hyperkarnevale Witze ist. In „The Beer Fight“ verkleidet sich Achterbusch als Polizist und raubt das Oktoberfest aus, das zum Welttheater wird.

„Dieser Bereich hat mich ruiniert und ich werde bleiben, bis Sie es wissen“, heißt es im „Servus Bayern“. Für den dadaistischen Wortdieb war immer der „Zähler“ aus „Zone“ oder „Gegenwart“ ausschlaggebend. Vertrautheit und Entfremdung von der eigenen Herkunft verschränkten sich, ohne ein psychologisches Ermüdungstheater zu inszenieren.

Ausreisen wollte der Bayer offenbar nur, „Auf nach Tibet“, in Amerika („Hick’s Last Stand“) oder in Grönland („Servus Bayern“). Das erste, was er dort tat, war, durch ein Fernglas zurück in seine Heimat zu blicken, wo „er nicht einmal sterben wollte“. Ein Urteil, das die bayerische Regierung als „Durcheinander“ ansah, weshalb sie die bereits bewilligten Mittel kürzte.

Auch auf Bundesebene hat das Tradition, Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann hat dem Regisseur das Preisgeld vorenthalten, Achternbusch hat den deutschen Staat vor Gericht gebracht und nach zehn Jahren Kämpfen gewonnen. „Das hat mich ruiniert“, sagte er einerseits. Andererseits war er von seiner Arbeit nicht beeindruckt.

Der einst Verleumdete wurde schließlich von seiner Heimatstadt München gefeiert. Als er 60 wurde, wurde die ganze Stadt mit den Bonmots von Achternbusch geschmückt, 2008 widmeten ihm die Filmfestspiele eine Retrospektive: Dort gab es fast alle 29 Filme zu sehen, was eine echte Sensation war, denn nur eine Handvoll wurde auf veröffentlicht DVD bis heute. In diesem Moment saß er gequält auf dem Podest vor seinem Wasserglas und beantwortete Fragen in seiner eigenen Mischung aus Komfort und Eleganz.

Man sagt ihm, er könne zwischen 16 und drei Bier am Tag bekommen, was sehr selten ist, weil man entweder tot trinkt oder gar nichts trinkt. „Ja, die sind nur etwas Seltenes“, sagt Achternbusch, „auch wenn ich trinke“.

Mit Pathos wollte er nichts zu tun haben, dennoch schuf er einige der pompösesten weiblichen Monologe der Filmgeschichte. Die Hauptfigur war oft Annamirl Bierbichler, Josefs Schwester und Achternbuschs Lebensgefährtin für acht Jahre. Er arbeitete lieber mit Laien wie Ihnen, er schätzte es, „wenn man Sätze setzt und nicht interpretiert“.

Er war ein Sprachgenie, ein Wortbeobachter, dem nicht entging, dass bayerische Redewendungen, ins Hochdeutsch übersetzt, „viel gefährlicher klingen“. Deshalb sprechen die Figuren diese seltsame Kunstsprache des Achternbusch, die ihre eigene widerspenstige Präsenz entfaltet, die weder populär noch dem bunten Hochdeutschen verwandt ist.

Es kann sein, dass Achternbusch in letzter Zeit geschwiegen hat, weil er geltende Aufmerksamkeitsgesetze umgangen hat, obwohl seine Werke noch auf deutschen Bühnen präsent waren (wie „Dogtown München“, 2017). Als er wirklich nur einmal gefühlt habe, sagte der Katholikenschreck dem BR, habe er gebetet, dass ihm eine Person geschickt werde. Und dann kam 1994 Tochter Naomi zur Welt. 2002 spielte sie in ihrem neuesten Film „The Clap of One Hand“ mit und steht ihrem Vater in stoischer Beobachtung und Darstellung des Zustands der Welt in nichts nach, wie in „Blind & Ugly“ von Tom Lass im Jahr 2017.

Er spielte einst mit Naomi in der Dokumentation BR tot. Sie ist hier die „Gastronomin“, sagt sie, und jetzt soll sie sich auf diese Decke im Gras legen, es ist ihr Grab und er ist tot. Es ist „wie schlafen, nur ohne zu schnarchen“, ist seine Richtung. Und Papa, der in seinen Filmen so oft den Tod seiner Figuren dargestellt hat, stellt das nicht in Frage, sondern tut, was sie sagt. Er wusste, dass die Unerfahrenen immer in der Lage waren, ihr Bestes zu geben, wenn sie nichts dachten oder fürchteten, sie taten es einfach. Denn das war die einzige Freiheit. Nun ist der schroffe Vorhut Herbert Achternbusch tot, er wurde 83 Jahre alt.

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