Montag, Oktober 18, 2021
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Wie Hitler seine Macht festigte

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Uwir Wittstock haben, wie man sagt, das Pulver nicht erfunden. In seinem ersten Buch überhaupt, in dem der Name Marcel Reich-Ranicki gar nicht auftaucht, bedient er sich nun auch einer Erzählmethode, die, von Florian Illies eingeführt und von Oliver Hilmes weitergeführt, sich mittlerweile großer Beliebtheit erfreut: die Synchron-Minimalistin Darstellung eines kurzen historischen Abschnitts. Es ist kein Jahr wie Illies, keine Olympiawoche wie Hilmes.

Es geht vielmehr um die dreißig Tage, die Adolf Hitler nach dem 30. Januar 1933 brauchte, um seine uneingeschränkte Herrschaft zu begründen und zu festigen. Diese Tage sind hart, vor allem wenn man sich genau anschaut, was sie für die damalige Literaturwelt in Deutschland und seinen Bewohnern mitgebracht haben: Not und Tod; Verzweiflung, Unsicherheit, Verrat. Hier kommt viel Bekanntes hoch.

Wittstock führt aber auch Tiefbohrungen durch. Zum Beispiel, wenn er berichtet, wie Gabriele Tergit und ihr Mann es geschafft haben, sich am 4. März vor einem Angriff der SA zu schützen. Oder erzählt ausführlich, wie kläglich die Preußische Akademie der Künste sich selbst abgeschafft hat. Ob Benn, der dabei eine so unrühmliche Rolle spielte, wirklich aus materiellen Interessen gehandelt hat, bleibt abzuwarten. Insgesamt als Handbuch geeignet, nicht besonders inspiriert geschrieben. Tilman Krause

Uwe Wittstock: 33. Februar. Der Literaturwinter. CH Beck, 288 Seiten, 24 Euro.

Boykott hat viele Formen. Besonders viele Menschen kennen den Boykott Israels. Einer der perfidensten davon ist der kulturelle. Die irische Bestsellerautorin Sally Rooney nutzt es jetzt. Während die 30-Jährige ihre ersten beiden an internationalen Erfolgen kaum zu überbietenden Bücher „Conversations with Friends“ und „Normal People“ in 46 Sprachen, darunter auch Hebräisch, übersetzen ließ, änderte sie ihre Strategie für ihr neuestes Veröffentlichung.

„Schöne Welt, wo bist du“, das Anfang September auf Anhieb auf Platz 1 der Bestsellerliste der „New York Times“ schoss, dürfte keine hebräisch sprechenden Leser finden. Rooneys Agentin Tracy Bohan ließ dies dem Isralischen Verlag Modan mitteilen, der bereits Rooneys erste Bücher übersetzt hatte und sich nun nach der Veröffentlichung des dritten erkundigte. Als Grund nennt Rooney, wie die Zeitung „Haaretz“ berichtet, ihre Unterstützung für den Kulturboykott Israels, ein Ziel, das auch die Boykott-, Desinvestitions- und Sanktionsbewegung (BDS) verfolgt. Einige Unterstützer von BDS stellen die Existenzberechtigung Israels in Frage, der Deutsche Bundestag hat erklärt, dass Veranstaltungen, an denen auch BDS-Sympathisanten teilnehmen, von der öffentlichen Förderung ausgeschlossen werden sollen.

Rooneys Wechsel sollte keine Überraschung sein. Für die britische Autorin Kamila Shamsie unterzeichnete die Autorin bereits 2019 ein Verteidigungsschreiben in der „London Review of Books“, nachdem der zunächst verliehene Dortmunder Nelly-Sachs-Preis aufgrund ihrer Unterstützung durch BDS zurückgezogen worden war. Kurz nach dem bewaffneten Konflikt zwischen Israel und der palästinensischen Hamas in diesem Sommer war Rooney einer von tausend ersten, der eine Anklageschrift unterzeichnete, in der er den israelischen Staat eines Apartheid-Systems beschuldigte und ihn aufforderte, seine wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zu Israel abzubrechen.

Rooneys Bücher, die sich als Manifestationen eines Millennial-Sentiments irgendwo zwischen politischem Klassenbewusstsein, persönlicher Verletzlichkeit und selbstreflexivem Kitsch verorten lassen, offenbaren Sympathien für die Kritik ihrer Protagonisten an der israelischen Politik, die ihrem aktuellen Handeln kaum widersprechen. So lässt sie beispielsweise in ihrem Debüt zwei Freundinnen überlegen, ob Israel „netter“ sei als Palästina und entdecken, dass Nettigkeit fälschlicherweise als Maßstab deklariert wird, an dem es tatsächlich um Macht geht.

In ihrem Roman „Normal People“ nimmt Rooney einen Vorwurf vorweg, der sich nun gegen sie richten könnte: Dort wird der Protagonistin, mit der ihre Autorin sehr offen sympathisiert, vorgeworfen, sich für den Nahostkonflikt zu interessieren, nur um damit auf sich aufmerksam zu machen Parteien. Ihre Freundin, die sie gut kennt, hält dies für eine absurde Interpretation.

Rooneys Signal ist deprimierend, denn der gehypte Autor, der 2018 für den renommierten Man Booker Prize nominiert wurde und dessen Roman „Normal People“ zu einer Erfolgsserie gemacht wurde, gilt vielen jungen Lesern als Vorbild. Rooney ist nicht der Erste, der diese Form des Boykotts nutzt, indem er ihr ihre Talente beraubt. Auch die bereits erwähnte pakistanisch-britische Autorin Kamila Shamsie, die Amerikanerin Alice Walker, die Britin China Mieville, um nur einige zu nennen, verhinderten, dass ihre Bücher ins Hebräische übersetzt wurden. Besonders unfair erscheint der Boykott einer Sprache – schließlich richtet er sich gegen das Volk statt gegen die Institutionen und betrifft auch alle Hebräisch-Leser, die beispielsweise außerhalb Israels leben.

Auch wenn es Rooney nicht primär darum geht, eine Sprache zu ächten, sondern einen israelischen Verleger außer Acht zu lassen – die Übereinstimmung mit der hebräischen Sprache ist nicht nur ungünstig, sondern brutal. Wäre es nicht zumindest als Zeichen gegen Antisemitismus möglich gewesen, den Roman ohne Verlag oder mit einem internationalen Verlag ins Hebräische übersetzen zu lassen und dann beispielsweise als E-Paper frei zugänglich zu machen seine Leser? Wäre eine Publikation dem interkulturellen Dialog und dem künstlerischen Anspruch nicht viel förderlicher gewesen – gerade angesichts der Tatsache, dass sich die Figuren in Rooneys Büchern kritisch mit Themen auseinandersetzen, die Rooney eindeutig wichtig sind?

So sehr ein Journalist geneigt ist, Vergleiche mit dem Nationalsozialismus wo immer möglich zu vermeiden, unterscheidet sich das Verbrennen von Büchern jüdischer Autoren nur graduell von der Weigerung, Bücher israelischer Autoren im Ausland zu veröffentlichen. Laut „Haaretz“ ist dies immer mehr der Fall. Die eigene Kunst den israelischen Lesern vorzuenthalten, erscheint letztlich als noch arroganter.

Außerdem gibt es vielleicht nicht viel zu seufzen als „Schöne Welt, wo bist du?“, ein Titel, den Rooney Schillers „Die Götter Griechenlands“ gestohlen hat. Rooney zieht ihrem Roman eine andere Autorin vor, Natalia Ginzburgs: „Wenn ich etwas schreibe, denke ich normalerweise, dass es sehr wichtig ist und dass ich eine sehr großartige Autorin bin.“ Ob Rooney ein sehr großer Schriftsteller ist, ist eine offene Frage. Sie ist mit dieser Aktion sicherlich kein besonders toller Mensch. Marie-Luise Goldmann

Wieder Botho Strauß! Alles, was man von einem Botho Strauss erwartet, ist wieder dabei: antike Mythologie, Theaterbühnengesten, Aphorismus Seelenfülle, existenzielle Mystik, Unterhaltungskritik und die kargen Stimmungen des einsamen Herzens: „Unscharfe Glut am blaugrauen Schneehimmel“, ja,“ Schneewind aus Nordwest, Gewitter“. In Botho Strauss‘ „Nicht mehr. Nicht mehr. Chiffren für sie “ist die poetische Beschreibung des Zustands einer verlassenen Frau.

Auch wenn man bei dieser Gertrud Vormweg kurz an Thomas Manns „verratene“ Rosalie von Tümmler denken könnte, das Prinzip von Strauss sind verschachtelte Chiffren, die einerseits der Figur Schutz bieten und ihr andererseits ermöglichen, eine Stimmung im Moment wiederzugeben. „Sollte ich jemals eine Geschichte erzählen, würde sie in einem ständigen Stimmungswandel untergehen, und dieser Wechsel wäre das Letzte, was sich im Stillstand des Vermissens noch bewegt.“

Noch interessanter als die Frage, warum Strauss hier (im Gegensatz zur „Widmung“) in eine weibliche Perspektive wechselt, ist, ob sich der Dichter in diesem von Vorbildern bedeckten Dido eincodiert: „Wie viel Unerfahrenes hält ein Mensch aus?“ Bedeutet es an einem Ort. Das romantisierte Schweigen war in früheren Werken, in „Nicht mehr. Nicht mehr“, klappt es überraschend. Mara Delius

Botho Strauss: Nicht mehr. Nicht mehr. Chiffren für sie. Hanser, 160 Seiten, 22 Euro.

In Bruno Preisendörfers Epochenbüchern spielten Sinneserfahrungen seit jeher eine Rolle: In der Arbeit über Goethes Zeit lernte man, wie die Straßen noch ganz unklassisch rochen. Im Panorama der Lutherzeit war auch von Geschmackserlebnissen mit Gerichten aus dieser Zeit die Rede, die manchen Zeitgenossen teilweise zu „cool“ (übertrieben süß) schmeckten.

In dem neuen Buch „Als Deutschland zum ersten Mal vereint wurde“ erfährt man, dass Berlin bei der Reichsgründung 1871 seit Goethe nicht viel weiter gestunken hatte. Der Kot der Häuser ergoss sich immer noch auf die Straßen. Am Ende der Bismarckschen Ära gab es in Berlin eine Kanalisation, die diesen Namen verdiente.

Das neue Buch dreht sich um Bismarck und schließt eine Tetralogie von vier Charakteren ab, die für Preisedörfer von besonderem Interesse sind. Aber so wie die früheren Bücher keine Goethe-, Luther- oder Bach-Biografien waren, handelt es sich hier um eine Bismarck-Biografie, eher um eine Übersicht, in der auch Arbeiter, Frauen und Außenseiter zu Wort kommen. Ebenso natürlich andere „Reichsgründer“, also jene Riesenfiguren, auf deren Schultern Deutschland heute noch steht. Da uns die Zeit der Reichsgründung sprachlich näher liegt als die Frühe Neuzeit und die Weimarer Klassik, ist dies wieder einmal ein sehr zitatreiches Buch und ganz nebenbei eines der am flüssigsten zu lesenden Preisedörfers. Matthias Heine

Bruno Preisendörfer: Als Deutschland zum ersten Mal vereint war. Reisen Sie in die Bismarck-Ära. Galiani, 448 Seiten, 25 Euro.

Ist die Verleihung des diesjährigen Literaturnobelpreises an Abdulrazak Gurnah, einen 72-jährigen Schriftsteller, der in Sansibar geboren wurde und seit Ende der 1960er Jahre in Großbritannien lebt, eine ästhetisch begründete Entscheidung oder ein politisches Signal? Und wenn letzteres zutrifft, dann ein Signal für was genau?

Je lauter die Stimmen des Nobelpreiskomitees in Stockholm in den letzten Jahren betonten, dass es bei der Wahl um literarische Verdienste ging, desto paradoxer hatte man den Eindruck, dass die Entscheidung immer ein Signal war. Nachdem die Schwedische Akademie 2018 wegen eines Skandals um sexuelle Belästigung und Korruption in die schlimmste Krise ihrer Geschichte gestürzt war und in diesem Jahr als Zeichen der Selbstreflexion und des Neuanfangs keinen Literaturnobelpreis erhalten hatte, 2019 hieß es, die Akademie wolle sich nicht nur personell reorganisieren, sondern auch inhaltlich verändern. Also weniger patriarchalisch und eurozentrisch werden – in der Geschichte der Nobelpreise gingen nur 16 von 118 an Schriftstellerinnen, und überdurchschnittlich viele Preisträger sind Europäer oder Amerikaner.

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