Freitag, Juni 24, 2022
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Abtreibung: 100 Kilometer bis zur nächsten Arztpraxis

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Der Bundestag debattiert über Paragraf 219a – das Werbeverbot für Abtreibungen soll abgeschafft werden. Das ändert jedoch nichts daran, dass Frauen in vielen Regionen keine Ärzte finden, die Abtreibungen vornehmen.

„Es ist nicht hinnehmbar, dass Frauen in einer so existenziellen Situation hier in unserer Stadt allein gelassen werden“, kritisiert Claudia Heltemes, Leiterin der Beratungsstelle pro familia in Trier. Die Psychologin berät regelmäßig Frauen, die aufgrund ihrer persönlichen Umstände unsicher sind, ob sie ihre Schwangerschaft fortsetzen oder abbrechen wollen.

Entscheiden sie sich nach ausführlicher Beratung für einen Schwangerschaftsabbruch, muss Claudia Heltemes die Frauen ins etwa 100 Kilometer entfernte benachbarte Saarland schicken. Es gibt zwei Praxen, in denen Abtreibungen durchgeführt werden. In Trier dagegen gibt es keine einzige Praxis, die das tut.

„Die Versorgungslage hat sich in den letzten 20 Jahren bundesweit verschlechtert“, berichtet Heltemes. „Die Region Trier ist eine der ärmsten in Deutschland, weil es hier früher keine Abtreibungen gab.“

Es gibt in Trier keine Klinik, die einen sogenannten Versorgungsvertrag mit einem Arzt zur Notfallversorgung nach einem Schwangerschaftsabbruch abschließen würde – eine Voraussetzung für die Approbation eines Arztes zum Schwangerschaftsabbruch in eigener Praxis. Das liegt auch daran, dass die Kliniken mit gynäkologischen Abteilungen von Katholiken geführt werden.

Bundesweit sinkt die Zahl der Ärzte, die Abtreibungen vornehmen, seit Jahren. Laut Statistischem Bundesamt gab es vor 20 Jahren noch rund 2.000 Arztpraxen, OP-Zentren und Kliniken, die den Eingriff durchführten. Bis 2018 hatte sich diese Zahl fast halbiert. Derzeit führen 1089 medizinische Einrichtungen in Deutschland Schwangerschaftsabbrüche durch.

Heltemes will das nicht akzeptieren. Sie setzt sich seit Jahren dafür ein, dass Frauen, die ihre Schwangerschaft abbrechen wollen, die freie Wahl haben, wo sie dies tun. Hundert Kilometer fahren zu müssen, ist eine Zumutung, findet sie. Eine Operation in Vollnarkose kann nur durchgeführt werden, wenn die Frau eine Begleitperson hat, aber: „Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch wünschen, können oder wollen sich nicht immer jemand anderem anvertrauen“, sagt Heltemes.

In der Gesellschaft ist das Thema Abtreibung immer noch tabu, Frauen wird suggeriert, sie würden „etwas Anrüchiges oder Illegales“ tun. Der Psychologe vermutet, dass wohl deshalb viele Ärzte zögern, das Verfahren anzubieten. Vor allem in katholischen Regionen wie Trier.

Tatsächlich sind Ärzte, die Abtreibungen durchführen, immer wieder Anfeindungen ausgesetzt. Abtreibungsgegner halten Mahnwachen vor Praxen oder veranstalten Gebetstreffen vor Beratungsstellen.

Klaus Doubek, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte (BVF), hält daher die Aufhebung des § 219a für nicht ausreichend. Der Berufsverband sieht „die dringende Notwendigkeit für den Gesetzgeber, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Anfeindungen und Belästigungen keinen Raum lassen – weder bei Frauen noch bei Ärzten.“

Die Berufsgenossenschaft sieht in der Aufhebung des § 219a den richtigen ersten Schritt. Gynäkologen müssen medizinische und sachliche Informationen über den Ablauf und die Methoden eines Schwangerschaftsabbruchs geben können. Für die Hilfesuchenden sei es „inakzeptabel, ihnen den direkten Zugang zu diesen Informationen zu erschweren“, sagt Doubek.

Grundsätzlich hält es der Bundesverband aus medizinischer Sicht für erforderlich, Frauen in der Situation einer ungewollten Schwangerschaft „auf hohem medizinischem und humanem Niveau“ zu versorgen.

Ein Schwangerschaftsabbruch birgt große physische und psychische Risiken, wenn er nicht von Spezialisten in einem professionellen medizinischen Umfeld durchgeführt wird: „Sichere Abtreibungen müssen als elementarer Bestandteil der Gesundheitsvorsorge angesehen werden“, sagt Klaus Doubek. Das Risiko, nach einem Schwangerschaftsabbruch psychische Probleme zu entwickeln, hänge „mit Tabu- und Stigmatisierungserfahrungen von Frauen zusammen“, erklärt die Ärztin.

Rund 350 Schwangere suchen jährlich Rat und Hilfe bei der Beratungsstelle pro familia in Trier. Ihre Geschichten sind so unterschiedlich wie die Frauen selbst, sagt Psychologin Heltemes. Bei ihr sitzt die 16-Jährige in der Beratung, die sich zu jung für ein Kind fühlt, oder die dreifache Mutter, die am Existenzminimum lebt und sich ein weiteres Kind finanziell nicht leisten könnte. Jede Frau muss das Recht haben, frei über ihr Leben zu entscheiden.

Und auch ein Recht auf medizinische Versorgung dort, wo Sie sie brauchen. Dafür will Claudia Heltemes weiter kämpfen. Erst kürzlich versuchte sie, mit dem Chefarzt einer Klinik in Trier zu sprechen – bisher ohne Erfolg.

Aber der Berater weiß, dass Zeit drängt. Denn eine der beiden Adressen im Saarland, die Abtreibungen anbieten, könnte bald aus Altersgründen entfallen. Wird bis dahin niemand gefunden, müssen die Frauen für den Eingriff weiter wegfahren – nach Koblenz, Kaiserslautern oder Mainz.



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