Dienstag, August 16, 2022
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Ärzte ordnen Gerüchte ein Was lässt sich über Putins Gesundheit sagen?

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Schilddrüsenkrebs, Parkinson, Demenz: Um den Gesundheitszustand von Kreml-Chef Wladimir Putin ranken sich viele Gerüchte. Doch wie aussagekräftig sind solche Ferndiagnosen eigentlich? Experten erklären, was von außen erschlossen werden kann und was nicht.

Der russische Präsident scheint sich mit der rechten Hand an den Tisch zu klammern, während er mit seinem Verteidigungsminister spricht. Das April-Video ging um die Welt und löste neue Gerüchte über den Gesundheitszustand von Wladimir Putin aus. Da hatte es schon Rätselraten gegeben, weil der Kreml-Chef ausländische Gäste wie Bundeskanzler Olaf Scholz vor dem russischen Angriff auf die Ukraine Ende Februar an einem sechs Meter langen Tisch immer auf maximalen Abstand hielt.

Wollte er sich nicht ins Gesicht sehen lassen, fragten sich viele im Netz. Die Vermutungen reichten von Parkinson, Schilddrüsenkrebs, Schlaganfall bis hin zu Demenz, sobald Putins Gesicht aufgebläht oder sein Gang hölzern wirkte. Doch kann das äußere Erscheinungsbild eines Menschen tatsächlich etwas über seinen Gesundheitszustand aussagen? Welche Informationen liefert die Haut als größtes menschliches Organ?

„Nur durch den bloßen Anblick lassen sich nur wenige Diagnosen stellen“, sagt Christiane Bayerl von der Dermatologischen Gesellschaft. „Aber verschiedene klinische Anzeichen erregen Aufmerksamkeit“, fügte sie hinzu – weit entfernt vom Beispiel Putin. Hautärzte führen dann je nach Anzeichen Gewebeuntersuchungen, Keimabstriche oder Ultraschalluntersuchungen durch, um in die Haut zu schauen. Aber der Versuch, mit einem ungeschulten Auge Schlussfolgerungen zu ziehen, ist schwierig. „Leider wird vieles von Laien falsch interpretiert.“

So kann zum Beispiel eine Rotfärbung im Gesicht auf Bluthochdruck hindeuten, aber auch völlig belanglos sein. Eine gewisse Verteilung der Rötungen könnte wiederum ein Hinweis auf eine ziemlich weit verbreitete entzündliche Rosazea-Hauterkrankung sein, erklärt der Klinikdirektor aus Wiesbaden. „Ein sehr heller bronzefarbener Teint mit dunkel pigmentierten Handflächen weist auf eine Funktionsstörung der Nebennierenrinde hin.“ Anorexie und Mangelernährung zeigen ebenfalls eine erhöhte Pigmentierung.

Laut Bayerl ist die Haut bei einer Unterfunktion der Schilddrüse oft trocken, schuppig oder Ödeme – Flüssigkeitsansammlungen im Gewebe – treten um die Augen herum auf. Pollenallergiker haben beispielsweise mit geröteten Augen zu kämpfen. Tränensäcke können völlig ohne Krankheitsbild sein, solange sie nicht blutig-bräunlich sind. Auf äußere Merkmale und Veränderungen der Haut zu achten ist sinnvoll und für Dermatologen „tägliche Aufgabe“. Auch bei einer Reihe von neurologischen Erkrankungen gebe es Hautveränderungen, sagt Peter Berlit, Generalsekretär der Gesellschaft für Neurologie.

Andere externe Warnzeichen? „Unwillkürliche Bewegungen der Extremitäten oder spontane Muskelzuckungen können wichtige Krankheitssymptome sein.“ Scheint der Gang gestört zu sein, kann dies mitunter „zumindest Verdachtsdiagnosen zulassen“ – etwa Spastik oder Morbus Parkinson. Eine reduzierte Mimik kann unter anderem auf die Einnahme bestimmter Medikamente oder psychische Erkrankungen hindeuten. An äußeren Faktoren lässt sich eine Demenz jedoch nicht erkennen.

Auch Hausarzt Manfred Imbert sagt, dass aus Körperhaltung, Motorik, Bewegungsgeschwindigkeit oder Mimik Hinweise auf Krankheiten abgeleitet werden können. Aber: „Man hat nie eine Gewissheit, sondern zunächst nur eine Wahrscheinlichkeit.“ Und um äußere Auffälligkeiten einordnen zu können, bedarf es einiger Erfahrung, die dem Laien in der Regel fehlen dürfte, wie der niedergelassene Arzt betont. „Wenn ein Auto raucht und klappert, weiß auch der Laie, dass etwas nicht stimmt, aber es ist noch lange nicht klar, was genau los ist.“

Bei vielen Krankheiten gibt es eine ganze Reihe möglicher Symptome, die auch zu einigen anderen Störungen passen würden. Beispiel: „Nicht jedes Zittern ist Parkinson.“ Andererseits könnten ein starrer Gesichtsausdruck, verzögerte Reaktionen oder Schwindel sehr wohl auf Parkinson hindeuten. Auch bei einem Schlaganfall sind die äußeren Anzeichen ein bisschen „wie bei einem Chamäleon“, das seine Körperform und -farbe stark verändern kann.

Je nach Dauer der Durchblutungsstörung im Gehirn und je nach betroffenem Areal könne es zu Lähmungserscheinungen, manchmal zu Empfindungsstörungen und in anderen Fällen zu Sprachstörungen kommen, erklärt Imbert. „Grundsätzlich ist es enorm wichtig, dass Sie auf äußere Veränderungen bei sich selbst, Ihrem Partner, Ihnen nahestehenden Personen achten. Selbstbeobachtung kann eine wichtige vorbeugende Maßnahme sein“, betont Imbert, etwa mit Blick auf Muttermale oder Knötchen die Haut.

Schilddrüsenkrebs – zurück zu Putin-Gerüchten – ist äußerlich nicht sichtbar, es sei denn, es gibt im fortgeschrittenen Stadium dicke Knötchen am Hals. Der Mediziner hält es jedenfalls für „unzulässig“, aus Videoclips auf bestimmte Krankheiten schließen zu wollen. „Man sieht vielleicht, dass etwas nicht stimmt, aber darüber hinaus wäre alles Spekulation.“

Leo V.
Leo V.
Ich arbeite seit ca. 4 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik, Unterhaltung, Technik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
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