Donnerstag, Dezember 8, 2022
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"Alle Moskauer Emissionen" Was Russlands Krieg mit dem Klima macht

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In erster Linie verursacht Putins Angriff auf die Ukraine enormes menschliches Leid. Aber auch die Umwelt ist betroffen: Waldflächen von der Größe Hessens wurden bereits vernichtet. Zudem rüstet sich die Welt auf – mit gefährlichen Folgen für das Klima.

Ganze Panzerkolonnen russischer Truppen rollen durch den Donbass. Sie schießen auf Dörfer wie Vodyane oder Krasnohorivka und legen Städte und Wälder in Schutt und Asche. Währenddessen bombardieren russische Kampfflugzeuge, Drohnen und Marschflugkörper die Energieversorgung im ganzen Land – immer wieder brennen Öldepots, wie zuletzt in Cherson. Millionen Menschen leben zeitweise ohne Strom und Gas. Bei den Kämpfen in der Ukraine sind nach US-Angaben bereits 200.000 Soldaten beider Kriegsparteien gestorben, Tausende Zivilisten getötet oder verletzt worden. Russlands Krieg bringt in erster Linie gigantisches menschliches Leid mit sich. Übrigens schürt der Einmarsch Moskaus auch das Feuer einer weiteren – globalen – Krise.

Denn kaum etwas ist klimaschädlicher als Krieg und Militär. Laut Institut der deutschen Wirtschaft (IW) verbraucht der besagte russische T72-Panzer auf 100 Kilometern 250 Liter Kraftstoff – „auf befestigten Straßen deutlich mehr im Gelände“. Das macht aber nur einen Bruchteil der gesamten kriegsbedingten Emissionen aus. „Der Kampf selbst, etwa der ständige Beschuss durch Artillerie oder Marschflugkörper, setzt massive Emissionen frei“, erklärt Anselm Vogler, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg, im Gespräch mit The Aktuelle News. Hinzu kommen die Emissionen der russischen Logistik, sagt Vogler. Nicht nur Panzer, Kriegsschiffe und Kampfjets verursachen enorme CO2-Emissionen, „sondern auch der Transport der vielen Tonnen Munition, Treibstoff und Vorräte“.

Diese kriegsbedingten Klimaschäden wurden erstmals gemessen. Die „Initiative on GHG Account of War“ kommt im Auftrag der ukrainischen Regierung auf 100 Millionen Tonnen CO2, die durch Russlands Invasion in den ersten sieben Monaten verursacht wurden. Zum Vergleich: „Das entspricht den gesamten Treibhausgasemissionen der Niederlande im selben Zeitraum.“ Knapp die Hälfte davon entfällt auf den Wiederaufbau der Infrastruktur – die Zementproduktion ist besonders kohlenstoffreich. Die Initiative berücksichtigte auch die Vertreibung von rund 20 Millionen Menschen, die ihre Häuser verlassen mussten, und die Lecks in den Gaspipelines Nord Stream 1 und 2. Durch den Sabotageakt wurden Hunderttausende Tonnen Methan, das gefährlichste aller Treibhausgase, in die Atmosphäre freigesetzt. Wer dafür verantwortlich ist, ist noch unklar. Ein Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine ist jedoch kaum von der Hand zu weisen.

Es sind jedoch nicht nur die direkten Auswirkungen des Kampfes. „Der Krieg verkompliziert auch den Rahmen für eine wirklich globale Zusammenarbeit bei Klimazielen“, erklärt Vogler. Damit verstärkt er die Ambitionen in Europa, möglichst schnell auf erneuerbare Energien umzusteigen. „Allerdings zwingt es Europa auch dazu, Erdgas durch noch klimaschädlichere Energien wie Kohle zu ersetzen.“

Und dann gibt es noch die weltweite Aufrüstung. Der Westen beliefert die Ukraine mit Waffen, Russland hat bereits angekündigt, seinen Verteidigungshaushalt um 20 Prozent aufzustocken, die Nato will ihre schnellen Eingreiftruppen verstärken und die Bundeswehr erhält 100 Milliarden Euro für bessere Ausrüstung. Dadurch dürften die globalen CO2-Emissionen deutlich steigen – denn die Klimabilanz des globalen Militärs ist bereits erschreckend.

Laut einer neuen Studie der britischen Wissenschaftsorganisation Scientists for Global Responsibility (SGR) und der Organisation „Conflict and Environment Observatory“ (CEOBS) sind weltweite militärische Aktivitäten für 5,5 Prozent aller CO2-Emissionen verantwortlich. Anders ausgedrückt: Wenn die Streitkräfte der Welt ein Land wären, hätte es den viertgrößten CO2-Fußabdruck – größer als der von Russland. Forscher im Fachblatt „Nature“ gehen davon aus, dass die tatsächliche Leistung des globalen Militärs sogar dreimal so hoch sein könnte. Denn die Studie hat einen Haken: Sie basiert auf Schätzungen. Niemand weiß genau, was globale militärische Emissionen sind. Die nationalen Streitkräfte müssen darüber keine Rechenschaft ablegen, sie sind ausdrücklich von der Berichtspflicht des Pariser Klimaschutzabkommens ausgenommen. Militärische Supermächte wie die USA hatten dies aus Gründen der nationalen Sicherheit versucht.

Einige westliche Länder liefern jedoch Zahlen. Daraus errechnete die Politikwissenschaftlerin Neta Crawford von der Universität Oxford, dass das Pentagon der weltweit größte staatliche Emittent von Treibhausgasen ist. Die Emissionen der US-Streitkräfte machen drei Viertel der staatlichen CO2-Emissionen aus. Allein der Treibstoffverbrauch von US-Militärflugzeugen verursacht jährliche Emissionen, „die denen von sechs Millionen US-Autos entsprechen“, rechnen die Forscher in „Nature“. Dagegen ist die von der Bundeswehr vorgelegte Klimabilanz vernachlässigbar – allerdings ohne Berücksichtigung der Auslandseinsätze. Dass die Klimabilanz ansonsten deutlich höher ausfallen würde, zeigt ein Beispiel: Die Bundeswehr hat bei ihrem Einsatz in Afghanistan täglich 55.000 Liter Diesel verbrannt. Darüber berichtete der Ukraine-Podcast von NDR Info.

Die Treibhausgasemissionen der Streitkräfte sind immens. Streitkräfte sollten daher nach Möglichkeiten suchen, ihre Emissionen zu reduzieren, appelliert Vogler. Denn ohne Klimaschutz gibt es sowieso keine Sicherheit. „Das Militär kann 80 Millionen Bürger nicht vor Hitzewellen schützen – egal, wie stark es aufgerüstet wird.“ Klar sei aber auch: „Panzer und Kampfflugzeuge werden wohl auch mittelfristig nicht CO2-neutral betrieben werden können.“

Für die Ukraine können solche Überlegungen derzeit keine Rolle spielen. Bei der Verteidigung Ihres Landes geht es vor allem um die Einsatzbereitschaft der Systeme. Trotzdem behält die ukrainische Regierung die Klimabilanz im Auge – aus gutem Grund. Nach dem Krieg soll Russland für die ökologischen Schäden aufkommen, wie der ukrainische Umweltminister Ruslan Strilets auf dem Klimagipfel in Sharm el-Sheikh ankündigte. Dazu soll eine Datenbank aufgebaut werden, die sowohl Klima- als auch Umweltschäden systematisch erfasst. Bisher wurden mehr als 2200 Fälle von Umweltschäden dokumentiert.

Ganz oben in der Liste stehen alle gerodeten oder abgebrannten Waldgebiete. Rund 20.000 Quadratkilometer seien bereits zerstört, sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj den Vereinten Nationen. Das entspricht in etwa der Fläche von Hessen. Zudem wurden Felder durch Minen verseucht oder unbrauchbar gemacht.

„Aber es gibt auch eine lange Liste von Fällen von Boden-, Wasser- und Luftverschmutzung durch Angriffe“, erklärt Krzysztof Michalak, Leiter der OECD-Abteilung für grünes Wachstum und globale Beziehungen, im Gespräch mit The Aktuelle News. Der Experte nennt ein Beispiel: Wenn Raffinerien, Chemieanlagen oder Stahlwerke bombardiert werden, werden giftige Stoffe freigesetzt. Das verseuche nicht nur langfristig den Boden, sondern sei auch lange Zeit gefährlich für die menschliche Gesundheit, sagt Michalak. „Übrigens auch über die Landesgrenzen hinaus.“ Der giftige Treibstoff von Waffen führt auch zu einer giftigen Verschmutzung des Landes. Zu den Militärabfällen gehören auch nach der Zerstörung zurückgelassene Militärfahrzeuge. „Aber natürlich auch die ganzen ausgebombten Zivilfahrzeuge.“

Auch Umweltschutz ist kaum möglich, wenn die Infrastruktur nicht mehr funktioniert. „Wenn ein Ort angegriffen wird, hören die Müllwagen auf zu fahren“, erklärt Michalak. „Dann sammelt sich nicht nur der Hausmüll auf den Straßen, sondern auch der medizinische Abfall aus den Kliniken.“ Und er belastet die Umwelt ebenso wie all das Asbest und die Schwermetalle, die bei der Zerstörung von Gebäuden freigesetzt werden.

Die ukrainische Regierung hat das alles zusammengerechnet und kommt auf einen Verlust von 34 Milliarden Euro – bisher. Ob Russland wirklich für den Schaden aufkommen wird, bleibt abzuwarten. Dennoch dienen die Berechnungen der Ukraine einem wichtigen Zweck: Sie machen sehr deutlich, dass dieser Krieg nicht nur menschliches Leid verursacht, sondern auch Umwelt und Klima schädigt. „Alle kriegsbedingten Emissionen sind im Grunde Moskaus Emissionen“, sagt Vogler. Weil es Russland war, das einen Krieg begann und mit Panzerkolonnen in die Ukraine einmarschierte.

Leo V.
Leo V.
Ich arbeite seit ca. 4 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik, Unterhaltung, Technik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
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