Dienstag, August 16, 2022
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Anti-Atom-Bewegung: "Auf der Straße bekommen wir nichts mehr"

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Der Protest gegen die Atomenergie brachte immer wieder Tausende auf die Straße. Allerdings hat die Anti-Atom-Bewegung derzeit wenig gegen einen möglichen Weiterbetrieb. Warum ist das so?

Walter Schumacher blickt auf fünf Jahrzehnte Anti-Atom-Aktivismus zurück. Gegen den Bau von Atomkraftwerken protestierte er bereits Mitte der 1970er-Jahre: „Ich bin mehrfach bei Demonstrationen festgenommen worden“, sagt der 73-Jährige aus Aachen. Unter anderem organisierte er damals Sit-ins auf Autobahnen.

Bis vor wenigen Monaten sah es so aus, als würden Schumacher und seine Mitstreiter als sichere Sieger aus dem Kampf gegen die Atomkraft in Deutschland hervorgehen. Ende des Jahres sollen die letzten Reaktoren vom Netz gehen. Doch jetzt dreht sich der Wind – plötzlich ist von Streckenoperationen und Laufzeitverlängerungen die Rede.

Der russische Angriffskrieg und die daraus resultierende Energiekrise haben alte Gewissheiten in Frage gestellt. Das sahen am vergangenen Wochenende auch die Leser der Tageszeitung „taz“, deren eigene Geschichte eng mit der Anti-Atom-Bewegung verknüpft ist. Von der Titelseite lächelte ihnen die vertraute rote Sonne auf gelbem Grund entgegen – das Symbol der Anti-Atomkraft-Bewegung. Darunter war allerdings nicht der berühmte Slogan „Atomkraft? Nein danke“ zu lesen, sondern die „taz“ titelte: „Atomkraft? Der Leitartikel der Zeitung kommt zu dem Schluss, dass das Ausdehnen von Kernreaktoren angesichts der Energiekrise zu einem „notwendigen Übel“ werden könnte.

Der Stimmungsumschwung spiegelt sich auch in Meinungsumfragen wider. Als nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima ein schnellerer Atomausstieg beschlossen wurde, gab es noch eine große Mehrheit dafür. Im Strom ARD Deutschlandtrend Andererseits sprechen sich mehr als 80 Prozent der Befragten für längere Laufzeiten aus, rund 40 Prozent wollen sogar langfristig Atomkraft nutzen. Nur 15 Prozent der Befragten befürworten einen Atomausstieg bis Ende des Jahres.

„Das finde ich erschreckend“, sagt Anja Vorspel mit Blick auf solche Umfragen. Das muss am „kurzen Gedächtnis“ der Menschen liegen. Vorspel ist seit mehr als 40 Jahren in der Anti-Atomkraft-Bewegung aktiv. Bei der Gründung war sie Mitglied der Grünen, jetzt vertritt sie die Linkspartei im Düsseldorfer Stadtrat. Aus ihrer Sicht ist der Weiterbetrieb von Atomkraftwerken nicht notwendig, schließlich gebe es noch Möglichkeiten, Energie einzusparen: „Dass das Tempolimit nicht durchgesetzt wird, zeigt, dass kein wirkliches Interesse am Energiesparen besteht.“ sagt Vorspel.

Die Aachener Aktivisten von Walter Schumacher setzen bereits darauf, ob die Lebensdauer tatsächlich verlängert wird: „Ich persönlich bin mir sicher, dass es dazu kommt“, sagt Schumacher. In Belgien – unweit seiner Heimatstadt – hat die Regierung beschlossen, die Kernkraftwerke bis 2035 am Laufen zu halten.

Während in Deutschland wohl nur von vergleichsweise kurzer Zeit die Rede sein dürfte, verschiebt Belgien seinen Atomausstieg um ganze zehn Jahre. Aktivist Schumacher kann sich nur damit trösten, dass die beiden als „Abbruchreaktoren“ bekannten Öfen Tihange 2 und Doel 3 in den kommenden Monaten abgeschaltet werden sollen.

Unter den Aktivisten scheint jedoch keine große Proteststimmung zu herrschen – weder in Bezug auf Belgien noch in Bezug auf die deutsche Debatte. Walter Schumacher hat Zweifel, ob seine Bewegung überhaupt noch Massenproteste in Gang bringen kann: „Eigentlich bringen wir nichts mehr auf die Straße.“ Das liegt aus seiner Sicht unter anderem an der Altersstruktur: „Letztendlich ist hier alles grauhaarig“, sagt Schumacher über sich und seine Mitstreiter. Die Jüngeren sind aktiver gegen Braunkohle und bei Fridays For Future.

Er selbst wird nicht gegen die Streckoperation protestieren, der Einsatz dagegen erscheint ihm zu aussichtslos. „Wenn in Deutschland neue Atomkraftwerke gebaut würden, würde ich das anders sehen.“ Schumacher glaubt jedoch, dass es dazu nicht kommen wird. Anja Vorspel hingegen kann sich vorstellen, gegen längere Amtszeiten auf die Straße zu gehen. „Natürlich“, sagt sie und fügt lächelnd hinzu: „Wenn etwas zu alt ist, dann nicht die Atomkraftgegner, sondern die Atomkraftwerke.“



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Abgel T
Abgel T
Ich arbeite seit ca. 3 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
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