Mittwoch, Oktober 20, 2021
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Anwälte und Mediziner warnen vor Schizophrenie durch Cannabiskonsum

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Cannabis gilt als vergleichsweise harmlose Droge. Aber bei Jugendlichen kann der Wirkstoff das Gehirn schwer schädigen. Eine Reihe blutiger Verbrechen psychisch kranker Cannabiskonsumenten sorgt in Hamburg für Aufsehen.

Anfang Februar fanden Polizisten in einer Wohnung in Hamburg-Bramfeld die entsetzlichen Leichen zweier Frauen. Wie sich später im Prozess vor dem Landgericht herausstellte, erwürgte ein 29-Jähriger seine Freundin, zerstückelte ihre Leiche und tötete anschließend seine Mutter mit 63 Stichwunden. Der Deutsche ist schuldunfähig, hat schreckliche Wahnvorstellungen und ist geisteskrank. Laut einem Experten ist die Ursache der paranoiden Schizophrenie der langfristige Cannabiskonsum. Die Jury hatte den 29-Jährigen im September in die geschlossene Psychiatrie aufgenommen.

Die Vorsitzende Richterin Jessica Koerner appelliert mit dem Urteil an die Öffentlichkeit: Haschisch und Marihuana sind nicht so harmlos, wie sie oft dargestellt werden. Langfristiger Konsum birgt das Risiko schwerer psychischer Erkrankungen. Cannabis kann wie Kokain bei völlig unauffälligen Menschen mit einer bestimmten genetischen Veranlagung Schizophrenie und Wahnvorstellungen auslösen. „Leider scheint dieses Wissen in der Öffentlichkeit nicht weit verbreitet zu sein“, sagte der Richter.

Der Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Rainer Thomasius geht davon aus, dass Fälle von paranoider Schizophrenie, bei denen Betroffene gewalttätig werden, selten sind. Aber: Für die Strafkammer Hamburg ist es laut Körner mittlerweile der dritte Fall innerhalb weniger Monate, in dem ein wahnhafter Täter erstochen wurde. Im Juni hat das Gericht einen weiteren jungen Mann in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Er habe seine Mutter mit 30 Stichwunden getötet, sagte ein Gerichtssprecher. Ebenfalls im Sommer ordnete die Strafkammer die Festnahme eines Mannes an, der einer anderen Person mit einem Messer in den Rücken gestochen hatte. In diesem Fall stellte das Gericht gefährliche Körperverletzung fest.

Regelmäßiger Cannabiskonsum sei gerade bei Jugendlichen und Heranwachsenden sehr gefährlich, erklärt Thomasius, Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen bei Kindern und Jugendlichen am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE). Eine kürzlich vorgestellte Studie zeigte mit Hilfe bildgebender Verfahren am Menschen und Experimenten an Mäusen, dass die Entwicklung des Gehirns unter dem Einfluss des Cannabiswirkstoffs THC geschädigt wird. Die Folge sind nicht nur verminderte Intelligenz, Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit. Auch das Risiko, an Psychosen zu erkranken, steigt um den Faktor 3,2 und bei starkem Konsum von Cannabis mit einem Wirkstoffgehalt von über zehn Prozent um den Faktor 4,8. Das zeigte eine 2019 im Fachjournal „The Lancet Psychiatry“ veröffentlichte Studie.

Eine Studie aus Ulm zeigte, dass sich die Zahl der stationären Behandlungsfälle für psychotische Störungen durch Cannabiskonsum in der dortigen psychiatrischen Universitätsklinik zwischen 2011 und 2019 verachtfachte. „Das ist sehr beeindruckend“, sagte Thomasius. Es ist aber auch die einzige Studie zu diesem Thema, die er aus Deutschland kennt.

Polizeistatistiken aus Ländern, in denen der Cannabiskonsum legal ist, wie etwa einigen US-Bundesstaaten, zeigten eine Zunahme der Gewaltkriminalität im Zusammenhang mit der Droge, sagte Thomasius. Es ist jedoch unklar, wie seriös diese Statistiken aus dieser Sicht sind.

Laut einer neuen Studie ist die Zahl der Cannabiskonsumenten in Europa zwischen 2010 und 2019 um ein Viertel gestiegen. Auch Forscher des Zentrums für Interdisziplinäre Suchtforschung des UKE und der TU Dresden haben herausgefunden, dass das täglich oder fast täglich besonders riskant ist der Verbrauch ist gestiegen. Die Wissenschaftler werteten öffentlich verfügbare Daten aus der EU, Großbritannien, Norwegen und der Türkei aus. Auch der THC-Gehalt des Medikaments ist gestiegen. Bei Haschisch habe sie sich verdreifacht und bei Cannabisblüten fast verdoppelt, schreiben die Wissenschaftler im Fachmagazin „The Lancet Regional Health – Europe“.

„Möglicherweise ist der Anstieg des durchschnittlichen THC-Gehalts auch mit einem Anstieg der Gesundheitsrisiken für Verbraucher verbunden“, sagt Studienleiter Jakob Manthey. Das müsste weitere Untersuchungen klären. Inzwischen könnte der Cannabiskonsum auch in Deutschland bald legal sein. Dafür machen sich Grüne und FDP in den aktuellen Koalitionsverhandlungen stark.

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