Freitag, Juni 24, 2022
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"Atomkraft ist für schnelle Lösungen äußerst ungeeignet"

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Russland drosselt Deutschland das Gas, jetzt wird über den Weiterbetrieb deutscher Atomkraftwerke diskutiert. Warum das keine gute Idee ist, erklärt der Historiker Frank Uekötter.

Wollte eigentlich

Deutschland will die Atomkraft abschaffen, doch jetzt lässt der Kreml die Muskeln spielen und stoppt die Gaslieferungen an die Bundesrepublik. Bleiben also die letzten drei deutschen Atomkraftwerke über das Jahr hinaus am Netz, wie es Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) vorschlägt? Der Historiker Frank Uekötter, der sich seit Jahren mit der Geschichte der Atomkraft beschäftigt, rät davon ab.

Im Interview erklärt Uekötter, warum Lindner auf dem falschen Weg ist, warum Deutschland der Atomkraft etwas ganz anderes schuldet als nur Strom und welche Fehler bei der grünen Energiewende vermieden werden könnten.

theaktuellenews: Herr Professor Uekötter, der deutsche Atomausstieg steht kurz bevor, aber einige Politiker wollen ihn nicht so einfach gehen lassen. Bundesfinanzminister Lindner hat kürzlich zu einer „vorurteilsfreien“ Diskussion über die künftige Nutzung der Kernenergie aufgerufen. Was halten Sie davon?

Frank Uekötter: Christian Lindner macht es sich ziemlich leicht. Was er verlangt, ist auch nicht sehr hilfreich. Ein Atomkraftwerk kann man nicht einfach an- und ausschalten. Ein Weiterbetrieb der drei noch Strom produzierenden Kernkraftwerke in Deutschland über das Jahresende hinaus wäre ein ziemlicher Ritt, und der Bau neuer Reaktoren scheint auf absehbare Zeit nicht in Frage zu kommen. Im Gegenteil: Vielen Menschen ist gar nicht bewusst, wie gut es in Deutschland steht.

Weil die Bundesrepublik einen konkreten Exit-Plan hat?

Exakt. Seit der ersten rot-grünen Bundesregierung unter Gerhard Schröder gibt es einen verbindlichen Zeitplan für den Atomausstieg – im Prinzip seit mehr als zwei Jahrzehnten. Damit können wir in der Bundesrepublik bald einen klaren Schlussstrich unter das Thema Atomkraft ziehen. In Ländern wie Frankreich, Großbritannien, den USA und Japan wird die Frage, was mit den in die Jahre gekommenen Kernkraftwerken geschehen soll, noch viel Zeit, Geld und Nerven kosten.

Nun aber hat Russland den Gashahn zumindest teilweise zugedreht, und Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hat eine Alarmstufe für den Gas-Notfallplan ausgerufen. Würde ein Weiterbetrieb nicht ein wenig Erleichterung bringen?

Gaskraftwerke können je nach Bedarf flexibel ans Netz angeschlossen werden. Atomkraftwerke hingegen sind Grundlast – sie laufen am besten 24 Stunden am Tag. Dass die Kernenergie in einer Zeit der Planungseuphorie entstand, ist kein Zufall, denn sie erfordert an vielen kleinen und großen Stellen Planungssicherheit. Atomkraft ist für schnelle Lösungen äußerst ungeeignet. Improvisationstheater ist schön auf der Bühne, hat aber in der Energiepolitik nichts zu suchen.

Die drei genannten deutschen Kernkraftwerke sind nicht mehr die jüngsten. Bis zu welchem ​​Alter können Kernkraftwerke noch als „sicher“ bezeichnet werden?

Das ist eine gute Frage. Erfahrungswerte gibt es kaum, weil die meisten Kernkraftwerke in den letzten 50 Jahren gebaut wurden. Sicher ist, dass ältere Kernkraftwerke wartungsintensiver werden, um das Sicherheitsniveau zu halten. Die entscheidende Frage ist, ob sich solche Investitionen rechnen und ob Betreiber und Politik dazu bereit sind. In den USA gibt es inzwischen Anlagen, deren Betrieb seit 80 Jahren zugelassen ist. Selbst Experten wissen nicht, ob das klug ist. Kurz gesagt, wir treten in die kritischste Phase der Atomkraft überhaupt ein: Weltweit türmen sich veraltete Atomkraftwerke, während das öffentliche Bewusstsein für das Thema schwindet.

Die Nutzung der Atomkraft wird also zu einer Art Nischentechnologie?

Darauf deutet vieles hin. Was sich als großes Problem erweisen könnte, denn um ein Kernkraftwerk sicher und effizient zu betreiben, braucht man kompetentes Personal bis zum Schluss. Vor allem aber braucht eine Gesellschaft auch kritische Experten, die etwas von der Materie verstehen. Wenn sich Befürworter und Kritiker der Atomkraft konstruktiv austauschen, kann die Sicherheit erhöht werden. Durch einen solchen Austausch hat Deutschland seit den 1970er Jahren ein relativ hohes Sicherheitsniveau seiner Kernkraftwerke erreicht.

Während die letzten drei deutschen Kernkraftwerke nun voraussichtlich bis Ende des Jahres abgeschaltet werden, planen andere Länder neue Anlagen.

Meine persönliche Vermutung ist, dass Kernkraft bis Mitte dieses Jahrhunderts weit weniger wichtig sein wird als bisher. Der Bau eines Kernkraftwerks ist eine außerordentliche Anstrengung. Es kostet mehrere Milliarden, es braucht Rechtssicherheit und technische Sicherheit, und das für Jahrzehnte. Der Nuklearkonsens von 2000 zwischen Bund und Betreibern basierte auch darauf, dass letztere nicht mehr mit bösen Überraschungen wie etwa zusätzlichen Sicherheitsauflagen bedroht waren. Auf diese Weise konnten die Unternehmen fest darauf vertrauen, dass die Restlaufzeiten der Kernkraftwerke ihnen noch Gewinne bringen würden.

Die Atomkraft war für Deutschland eine ziemlich teure Angelegenheit, aber laut Ihrem neuen Buch Atomic Democracy: A History of Nuclear Energy in Germany haben wir auf ganz unerwartete Weise davon profitiert. Wie genau?

Damit meine ich die Erfolgsgeschichte des deutschen demokratischen Aushandlungsprozesses beim Bau und Betrieb von Kernkraftwerken. Blicken wir zurück: Anfang der 1970er-Jahre trieben einflussreiche Konzerne wie Siemens, RWE und Veba das Atomprojekt voran, auch die Bundesregierung spielte eine Rolle. Tatsächlich stellte sich bald heraus, dass die friedliche Nutzung der Kernenergie viel teurer und komplizierter war als gedacht. Die Projekte waren einfach überdimensioniert. Es gab einen Protest der Bürgerinitiativen. Der Weg aus der Atomkraft ist ein Beweis für die Funktionsfähigkeit der Demokratie, die sich in vielen kleinen und wenigen mittleren Schritten aus dem Schlamassel herausgearbeitet hat.

Glücklicherweise blieb die Bundesrepublik von größeren Zwischenfällen verschont. Das hätte die Situation sicher aufgeheizt.

Und das macht die deutsche Nukleargeschichte besonders. Aber auch alle anderen Probleme, die bei einem Nuklearprojekt auftreten können, sind in der Bundesrepublik nicht eingetreten. Kein Atomkraftwerksbetreiber ist zusammengebrochen, es gab keine Preisexplosionen, keine Stromausfälle.

In Großbritannien musste der britische Energiekonzern, der acht Kernkraftwerke betrieb, 2002 von der Regierung gerettet werden.

Exakt. Im Vergleich dazu sind wir glimpflich davongekommen. Aber tatsächlich hat sich durch die Atomkraft auf gesellschaftlicher und politischer Ebene in der Bundesrepublik viel getan. Auf der einen Seite die Befürworter, auf der anderen die Gegner dieser Art der Energiegewinnung. Im Streit und in der Diskussion reagierten beide Seiten immer wieder aufeinander, modifizierten ihre Vorstellungen und Ziele. Dadurch konnten sich die Hitzköpfe auf beiden Seiten mit ihren radikalen Ansichten nicht durchsetzen, und der demokratische Rechtsstaat wirkte wie ein großes Kühlbecken, um bei der Terminologie zu bleiben.

Tatsächlich hat der Atomstreit auch Rechtsgeschichte geschrieben. 1985 erließ das Bundesverfassungsgericht seine wegweisende Brokdorf-Entscheidung, die die Versammlungsfreiheit stärkte. Zuvor war eine Demonstration gegen den Bau des Atomkraftwerks im schleswig-holsteinischen Brokdorf verboten worden.

Die Brokdorf-Resolution war in der Tat ein Meilenstein. Wie Sie sehen, verhinderten Demokratie und Rechtsstaat einerseits, dass die Übereifrigen Haufen für Haufen in die Landschaft bauten, und andererseits Linksextreme, Bürgerkrieg zu spielen.

Am Ende waren die Kraftwerksbauer recht erfolgreich.

In gewisser Weise stimmt das. Brokdorf, Grohnde, Kalkar oder Wackersdorf – alle Proteststätten gegen die Atomkraft sind gebaut. Doch während in Frankreich das Atomprogramm im wahrsten Sinne des Wortes „von oben durchgezogen“ wurde, herrschte in der Bundesrepublik ein ständiger Verhandlungszwang zwischen Unternehmen, Politikern und Bürgergruppen. Das hat uns sehr gut getan und Auswüchse verhindert.

Nun gibt es zwei deutsche Atomkraft-Erfahrungen: Auch die DDR betrieb Reaktoren, und nach den Vorstellungen der SED sollen es etwa 20 sein.

Genau wie die Bundesrepublik hat auch die DDR eine grundlegende Erfahrung gemacht: Die Nutzung der Kernenergie ist nicht so einfach. Nach dem Forschungsreaktor Rossendorf, den Kernkraftwerken Rheinsberg und Greifswald hat es die DDR seit Ende der 1970er Jahre nicht geschafft, auch nur einen einzigen neuen Reaktor ans Netz zu bringen.

1975 wurde Greifswald beinahe Gau, später wurde die Anlage als „Tschernobyl Nord“ verspottet.

Öl- und Gaslieferungen aus der Sowjetunion waren unsicher, Kernkraft galt als einzig realistische Alternative zur Braunkohle. So ging es weiter mit der atomaren Träumerei. Ein Nuklearkomplex nutzt solche Schwächen brutal aus – und verspricht allerhand. Außerdem gab es in der DDR keine Opposition, die hätte eingreifen können. Das zeigt einmal mehr, wie wichtig der Protest gegen die Atomkraft für den Westen war.

Aber zurück zu Christian Lindner in Heute und seiner Atomnostalgie: Wäre es überhaupt realistisch, die Atomkraft weiter zu nutzen?

Die Frage ist eher, ob es sinnvoll wäre. Wäre die Nutzung der Atomkraft tatsächlich so einfach und kostengünstig wie einst gedacht, hätten die Gegner das nie geschafft. Nun freuen sich sogar die aktuellen und ehemaligen Kraftwerksbetreiber in Deutschland, dass dieses Kapitel zu Ende geht. Aber die Atomkraft hat auch aus ganz praktischen Gründen keine Zukunft: Woher wollen Sie das Personal nehmen? Kaum jemand würde das Risiko eingehen, seine berufliche Zukunft der ungewissen Atomindustrie anzuvertrauen.

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