Mittwoch, Oktober 27, 2021
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Bätzing vor Weltsynode: „Wir haben nur diese Chance“

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Roms Erwartungen an die bevorstehende Weltsynode seien hoch, sagt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bätzing, im Interview. Er erklärt, welche Fragen und Widersprüche die katholische Kirche angehen will.

ARD: Am Wochenende beginnt in Rom ein synodaler Prozess, der zwei Jahre dauern und alle Ebenen der katholischen Kirche einbeziehen wird. Hat die katholische Kirche überhaupt so viel Zeit?

Georg Bätzing: Der Druck, der auf den Fragen lastet, die wir synodal in der deutschen Kirche bearbeiten, ist offensichtlich. Vor allem in den letzten Tagen gab es erschreckende Ergebnisse zum Missbrauch in der französischen Kirche. Wer jetzt auftaucht und sagt, die Kirche habe kein systemisches Problem, ist blind – oder er will die Realität der Kirche nicht sehen.

Andererseits können wir nur als universale Kirchengemeinschaft eigentlich nur gründlich vorgehen. Und der Papst stellt für diesen Prozess ein bestimmtes Thema vor: Er will wissen, welche Erfahrungen mit der Synodenseelsorge in der Weltkirche bereits vorhanden sind, und will diese Erfahrungen im Grunde überhaupt erst für die Weltkirche in Bewegung setzen. Dies sind zwei verschiedene Themen mit zwei unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Aber ich sehe nicht, wie es anders sein könnte.

ARD: Die Gläubigen wurden bereits bei anderen Veranstaltungen eingebunden und befragt, zum Beispiel vor der Familiensynode oder der Jugendsynode. Am Ende des Tages hat man nicht immer den Eindruck, dass das Gewünschte in den Abschlussdokumenten auftaucht. Es gibt auch ein enormes Frustrationspotential …

Bätzing: Ich glaube, darum wird es auch im globalen Prozess gehen: Was wird aus den synodal erarbeiteten Ergebnissen? Wer erstellt und bestätigt dann ein solches Abschlussdokument? Ob das auf Dauer wirklich nur der Papst sein kann, ist eigentlich fraglich.

ARD: Aber auch der Papst hat es deutlich gemacht. Er will kein Kirchenparlament …

Bätzing: Im Gespräch mit den Verantwortlichen dieser Synode in Rom hatte ich wirklich den Eindruck: Sie treiben es voran. Sie wollen echte Ergebnisse. Und das muss auch passieren. Ich meine, demokratisch ist es auch, wenn das ganze Volk Gottes, eine Diözese und die Weltkirche miteinbezogen werden. Aber die Kirche ist in Wirklichkeit keine Demokratie, sie besteht aus einer bischöflichen Struktur, an deren Spitze der Papst steht. Und hier liegt die Entscheidungskompetenz.

Ich selbst plädiere für viel demokratischere Prozesse, die mit der hierarchischen Verfassung der Kirchen durchaus zu kommunizieren sind. Es schadet nicht, es kann nur helfen. Und genau das will der Papst schaffen: eine große Zahl von Menschen, Gläubigen aller Ebenen und Schichten aller Nationalitäten und Kulturen in die Prozesse einzubeziehen, die wir brauchen.

ARD: Haben Sie den Eindruck, dass der Vatikan in Rom sensibel genug ist für die sehr kritische Stimmung in Deutschland, die beispielsweise im Synodalen Weg deutlich wurde?

Bätzing: Ich glaube, ich nehme im Vatikan eine gewisse Angst wahr. Man muss immer wieder sagen, dass wir hier kein Spiel machen, weil wir nichts anderes zu tun haben, wir haben nur diese Chance. Und wir gehen keine deutsche Sonderroute. Es gibt auch keine speziellen deutschen Fragen, aber im Kontakt mit Kirchenvertretern in anderen Ländern wird mir immer klarer, die uns sagen: Genau diese Fragen stehen ganz oben auf unserer Liste.

ARD: Die Entscheidung des Papstes, Kardinal Woelki und Erzbischof Heße im Amt zu behalten, hat bei vielen Gläubigen in Deutschland großen Unmut hervorgerufen und wird bis heute heiß diskutiert. Hat Papst Franziskus verstanden, wie kritisch die Lage der katholischen Kirche in Deutschland ist?

Bätzing: Im Sommer hatte ich Gelegenheit, mit dem Papst und auch mit den Präfekten der jeweiligen Gemeinden zu sprechen und habe dort sehr deutlich gemacht, wie die Stimmung der Gläubigen ist. Ich habe schon den Eindruck, dass man um den Ernst der Lage und die Dringlichkeit der Lage weiß, in der wir uns befinden. Das Problem, das mir immer wieder signalisiert wird, ist: „Denke bitte auch an uns, an unsere Möglichkeiten im Inneren“ Rahmen der universellen Kirchengesetzgebung. Wir können dort nicht einfach so handeln, wie wir wollen, sondern sind an Gesetze gebunden, an die Zustimmung der Weltkirche gebunden. ‚ Hier liegt ein Widerspruch vor. Das muss ich sagen. Aber ich denke, der Papst ist sich der Situation hier bei uns sehr wohl bewusst.

ARD: Am vergangenen Wochenende gab es im Synodalen Weg in Frankfurt eine große Mehrheit für weitreichende Reformvorschläge, etwa zu Macht und Gewaltenteilung in der Kirche. Welche davon würden Sie gerne in den Synodalprozess der Universalkirche einbringen?

Bätzing: Der synodale Prozess der Weltkirche hat sozusagen eine Formalität zu bewältigen, nämlich: Wie funktioniert Synodalität? Das ist die Aufgabe des universalen Kirchenprozesses. Und natürlich werden wir auch die Beschlüsse, die wir nach Rom bringen, inhaltlich mitgeben und auch in diesen synodalen Weg einbringen. Der Punkt, dem am vergangenen Wochenende mit großer Mehrheit zugestimmt wurde – nämlich das Thema: Bischöfe können sich binden und damit Entscheidungen in die Hände gewählter Vertreter legen – das ist möglich. Dies kann in einer universellen Kirche eingerichtet werden.

Das Interview führte Tilmann Kleinjung, BR.

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