Sonntag, September 25, 2022
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BBC-Berichterstattung: Selbstzensur aus Angst vor der Regierung?

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Der frühere BBC-Moderator Maitlis wirft dem Sender aus Angst vor der Regierung Selbstzensur vor. Unparteilichkeit und Ausgewogenheit in der Berichterstattung sind nicht möglich. Die BBC weist die Vorwürfe zurück.

Auslöser der aktuellen Debatte sind Ereignisse aus dem Frühjahr 2020. Dominic Cummings, damals Chefberater von Premierminister Boris Johnson, fuhr mitten im Lockdown quer durchs Land – zu einer Zeit, als alle Bürger zu Hause bleiben mussten und nicht sogar Familienmitglieder konnten am Sterbebett begleitet werden. Die Empörung war groß. Anstatt Cummings zu entlassen, blieb Premier Johnson bei ihm.

Vor diesem Hintergrund begann die damalige BBC-Moderatorin Emily Maitlis das Politmagazin Newsnight mit den Worten: „Guten Abend. Dominic Cummings hat die Regeln gebrochen. Das Land kann das sehen und es ist schockierend, dass die Regierung das nicht kann.“

Maitlis sprach von Wut, Verachtung und Angst in der Bevölkerung. Nach dieser Moderation rief 10 Downing Street die BBC an und beschwerte sich.

Das sei an sich keine Seltenheit, machte Maitlis in einem Vortrag deutlich. Ungewöhnlich findet sie allerdings, dass die BBC sofort zu beschwichtigen versuchte und innerhalb weniger Stunden in einer öffentlichen Entschuldigung verkündete, dass „Newsnight“ gegen das Prinzip der Unparteilichkeit verstoßen habe. Maitlis sieht das bis heute anders.

„Wir zeigen unsere Unparteilichkeit, wenn wir ohne Angst oder guten Willen berichten. Wenn wir keine Angst haben, die Machthaber zur Rechenschaft zu ziehen.“

Maitlis wirft der BBC Selbstzensur aus Angst vor der Regierung vor. Sie glaubt auch, dass der ehemalige Downing-Street-Berater Robbie Gibb, ein aktiver Fürsprecher der Konservativen Partei, im Vorstand der BBC sitzt und jetzt als Schiedsrichter der BBC für Unparteilichkeit fungiert.

Es ist klar, dass die BBC unter enormem Druck steht. Sie genießt wenig Rückhalt in der konservativen Regierung und steht vor einer ungewissen Zukunft, da die Regierung die Rundfunkgebühren abschaffen will. Die BBC hat die Vorwürfe von Maitlis jedoch zurückgewiesen. Auf den Druck aus 10 Downing Street habe der Sender damals nicht mit seiner Entschuldigung reagiert und auch vom Vorstand habe es keinen Druck gegeben, heißt es.

Die Frage, die Maitlis diskutieren will, ist ohnehin größer als dieser Einzelfall. Sie beschäftigt sich damit, was Unparteilichkeit oder Ausgewogenheit in der Berichterstattung eigentlich bedeutet, wie sie umgesetzt werden kann und wie gut – oder nicht – dies der BBC gelingt.

Maitlis erinnert sich an die Brexit-Debatte im Jahr 2016, als Großbritannien begann, die großen Fragen rund um einen möglichen Austritt aus der EU zu diskutieren. „Ein kompliziertes Thema. Wir haben versucht, beide Seiten der Debatte abzubilden“, sagt Maitlis. Diese Absicht war richtig, aber sie wurde trotzdem falsch gemacht.

„Wir haben vielleicht fünf Minuten gebraucht, um 60 Ökonomen zu finden, die den Brexit fürchteten, und fünf Stunden, um einen einzigen Ökonomen zu finden, der das Austrittsprojekt unterstützte“, erinnert sie sich. „Aber als wir auf Sendung gingen, hatten wir von jeder Seite einen Vertreter.“ Dieses ungleiche Verhältnis wurde so dargestellt, als wäre es ausgewogen – aber das war es nicht. „Es erreicht ein oberflächliches Gleichgewicht, während es eine tiefere Wahrheit verschleiert.“

Maitlis gibt ein weiteres Beispiel, das die Verantwortung von Journalisten verdeutlicht, Dinge einzuordnen. Sie erwähnt ein Interview mit dem Schauspieler Robert De Niro während der Corona-Pandemie. Maitlis wollte mit ihm über die prekäre Lage in New York sprechen, doch de Niro war verärgert über die Aussage von US-Präsident Donald Trump, der die Idee, Bürgern zur Bekämpfung von Corona Desinfektionsmittel zu spritzen, interessant fand.

„De Niro sagte zu mir: ‚Es ist beängstigend. Alle sind fassungslos über das, was Trump tut. Er ist ein Verrückter.‘ – Aber mein Redakteur hat mich gehänselt und mich gedrängt, dem entgegenzuwirken, also Licht auf die andere Seite zu bringen», sagt Maitlis. Hat sie nicht – und erklärt:

„Was soll die andere Seite sein? Soll ich sagen: ‚Unsinn, Desinfektionsmittel zu injizieren könnte funktionieren? Wir werden es nicht wissen, bis wir es versuchen!‘ Oder soll ich so tun, als hätte Trump nicht einmal über Desinfektionsmittel gesprochen? Aber davon gibt es Aufnahmen! Oder soll ich sagen: ‚Nun, das sagst du nur, weil du ein liberaler, linker Demokrat bist!‘?“

Maitlis erntet nicht nur Applaus in der öffentlichen Debatte, mit ihrer Kritik steht sie auch nicht alleine da. Fakt ist, dass neben Maitlis auch andere Starmoderatoren die BBC verlassen haben. Und auch von anderen, wie Andrew Marr, ist zu hören, dass er wieder freier in seinen Präsentationen sein wollte, freier in dem, was er sagen kann.

Abgel T
Abgel T
Ich arbeite seit ca. 3 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
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