Samstag, Dezember 10, 2022
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Berlin, Dresden, Manching Museumsraub ist der neue Bankraub

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Der Manchinger Museumsraub fügt sich in ein Muster mehrerer Straftaten ein, die in den vergangenen Jahren in Deutschland begangen wurden. Offenbar hat sich der Kunstraub zu einem neuen Geschäftsfeld der organisierten Kriminalität entwickelt. Und das aus gutem Grund.

Der Diebstahl der Goldmünze „Großes Ahornblatt“ aus dem Berliner Bode-Museum, der Einbruch in das Dresdner „Grüne Gewölbe“ und nun der Raub eines keltischen Goldschatzes aus einem Museum in Manching: Deutschland hat eine Serie von aufsehenerregenden Museumsdiebstählen zu verzeichnen in den vergangenen Jahren.

Drei Männer eines bekannten arabischen Clans wurden wegen des Diebstahls der 100-Kilogramm-Münze aus dem Berliner Bode-Museum im Jahr 2017 zu mehreren Jahren Haft verurteilt. Die Münze wurde jedoch noch nicht gefunden. Allein der reine Goldwert des prestigeträchtigen Exponats betrug 3,75 Millionen Euro.

Zwei der später Verurteilten sollen 2019 an dem Überfall auf Dresden beteiligt gewesen sein. Dort erbeuteten Einbrecher im November 2019 21 Schmuckstücke von unschätzbarem kulturhistorischen Wert. Das interessierte die Täter wohl weniger als die Tatsache, dass die Stücke mit Tausenden von kleinen Diamanten und Brillanten besetzt waren. Der Versicherungswert des Schmucks betrug 113 Millionen Euro. Sechs junge Männer aus dem Berliner Clan stehen wegen der Tat seit Monaten vor Gericht. Und auch heute fehlt von diesen Beutestücken jede Spur.

Die bayerischen Ermittler stehen nun unter enormem Zeitdruck und haben ihre Suche auf den gesamten Schengen-Raum ausgeweitet. Die Chance, dass sie die wertvollen keltischen Münzen vor den Tätern oder möglichen Zäunen sichern, sinkt, je mehr Zeit seit dem Diebstahl vergangen ist. Der Sammlerwert der Beute liegt laut bayerischem LKA bei mehreren Millionen Euro.

Es ist der größte keltische Goldfund des letzten Jahrhunderts. 1999 entdeckte ein Ausgrabungsteam die Münzen, von denen angenommen wird, dass sie mehr als 2000 Jahre alt sind. Bayerns Kunstminister Markus Blume nannte den Verlust des keltischen Schatzes eine Katastrophe. „Die Goldmünzen als Zeugnis unserer Geschichte sind durch nichts zu ersetzen“, sagte der CSU-Politiker. Der leitende Sammlungsdirektor der Archäologischen Staatssammlung München, Rupert Gebhard, sprach in der „Süddeutschen Zeitung“ von einem „einzigartigen Dokument“, dessen Erforschung noch nicht abgeschlossen sei.

Es ist jedoch zweifelhaft, ob die Täter diesen kulturgeschichtlichen Wert im Sinn hatten. Auch der Verkauf solcher Kulturgüter sei „ganz besonders“, sagte ein LKA-Sprecher. In der Vergangenheit kam es zu Diebstählen von auf Bestellung gefertigten Kunstwerken, die dann für immer in Privathaushalten verschwanden. Ob es sich in diesem Fall um einen Auftrag handelt, ist völlig offen. Aber die insgesamt 483 Goldmünzen, die in der Vitrine lagen, wiegen rund vier Kilogramm. Und Polizei und Experten befürchten, dass die Münzen eingeschmolzen werden könnten. Mit vier Kilo Gold lassen sich derzeit rund 200.000 Euro erzielen.

Weil die Täter in Vorbereitung auf den Einbruch in Manching bei Ingolstadt vermutlich mehrere Glasfaserleitungen gekappt hatten, wurde kein Alarm ausgelöst und die Tat erst bemerkt, als die Museumsmitarbeiter am Dienstagmorgen das Fehlen des Goldschatzes bemerkten.

Der Einbruch fand in den frühen Morgenstunden statt und dauerte nur neun Minuten. Um 1.26 Uhr sei eine Außentür aufgebrochen worden, sagte der Vizepräsident des Landeskriminalamts, Guido Limmer. Dann stahlen die Diebe die Münzen aus zwei Vitrinen und verließen um 1.35 Uhr das Museum, das Vorgehen passt zu den anderen spektakulären Fällen in Berlin und Dresden. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur brachen die Diebe die Vitrinen aus Sicherheitsglas mit viel Gewalt auf. Aus einer zweiten Vitrine wurden drei weitere, viel größere Münzen gestohlen. Ob sie auch aus Gold sind, wie schwer und welchen Wert sie haben, ist noch unklar.

Die Täter werden erneut im Bereich der organisierten Kriminalität verdächtigt. Und das aus gutem Grund. Die internationale Polizeibehörde Interpol nennt den illegalen Handel mit Kulturgütern ein risikoarmes, hochprofitables Geschäft. Der weltweite Umsatz dieser Unternehmen wird mittlerweile auf mehrere Milliarden Euro pro Jahr geschätzt.

Die Schweizer Juristin Andrea FG Raschèr, die an der Hochschule Luzern Kulturrecht, Kulturpolitik und Compliance im Kunsthandel lehrt, nennt Museen und Kunstsammlungen eine gute Alternative zu den bisher favorisierten Banküberfällen. Letztere sind durch erhöhte Sicherheitsvorkehrungen und bargeldlosen Zahlungsverkehr mit immer größeren Risiken verbunden. Dass „Museen und Sammlungen in Europa – gelinde gesagt – nicht ausreichend gesichert sind“, ist ein offenes Geheimnis. Und selbst wenn Sicherungen vorhanden sind, müssen diese überbrückt oder abgeschaltet werden

Kunstdiebe seien mit Söldnern zu vergleichen, „die den gefährlichen Teil der Arbeit an der Front erledigen“, sagt Raschèr. Sie stammten oft aus Kriegsgebieten oder waren Angehörige militärischer Spezialeinheiten. Das könnte auch die Brutalität und Destruktivität erklären, mit der sie oft vorgingen. „Der Respekt vor Kunstwerken oder Menschenleben ist ihnen fremd.“

Auch nach früheren Einbrüchen stellte sich die Frage, ob Museen und Kunstsammlungen in Deutschland ausreichend geschützt sind. Diese Fragen sind nun noch drängender geworden und betreffen längst nicht mehr nur die renommierten Institutionen, wie der Fall Manching zeigt.

Leo V.
Leo V.
Ich arbeite seit ca. 4 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik, Unterhaltung, Technik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
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