Donnerstag, Dezember 8, 2022
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Beunruhigender Fall in Attendorn Mädchen von der Außenwelt abgeschottet "überwältigt"

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Ein Kind, das die letzten acht Jahre seines Lebens fast ausschließlich zu Hause verbracht hat, bei denselben Menschen, seiner Mutter und seinen Großeltern. Der Fall, dem die Behörden in Attendorn im Sauerland auf die Spur gekommen sind, lässt viele fassungslos zurück. Wie kam es dazu und warum hat niemand etwas bemerkt?

Wie wurde der Fall entdeckt?

Seit einiger Zeit gibt es Anzeichen dafür, dass in der Familie etwas nicht stimmt. Die Mutter des Mädchens hatte deshalb 2015 beim Familiengericht versucht, das alleinige Sorgerecht für das Kind zu bekommen. Als sie scheiterte, teilte sie den Behörden mit, dass sie mit ihrer Tochter nach Italien gezogen sei, um bei Verwandten zu leben. Bereits vor zwei Jahren und noch einmal vor einem Jahr gab es Hinweise darauf, dass Mutter und Tochter keineswegs in Italien lebten, sondern sich noch in Attendorn aufhielten. Doch die Großeltern verneinten dies bei einem Besuch des Jugendamtes, verweigerten aber auch den Zutritt zum Haus.

Im Sommer dieses Jahres suchte ein der Familie nahestehendes Ehepaar in Italien nach ihnen und konnte sie nicht finden. Daraufhin stellten die deutschen Behörden ein Amtshilfeersuchen an ihre italienischen Kollegen. Am 12. September kam die Information, dass Mutter und Tochter nie in Italien gelebt hätten. Am 23. September ordnete das Familiengericht das Jugendamt als Nachsorge an, kurz darauf durchsuchten Polizei und Jugendamt das Haus der Großeltern und fanden das Kind. Letzten Samstag machte der Vater den Fall schließlich öffentlich.

Was sagen Mutter und Großeltern?

Sie haben sich bisher geweigert, sich zu dem Geschehen zu äußern. Daher liegt das Motiv für die Isolierung des Kindes noch weitgehend im Dunkeln. Es wird vermutet, dass die Mutter den Kontakt zum getrennt von den beiden lebenden Vater vermeiden wollte. Die Staatsanwaltschaft Siegen sagt, man stehe noch am Anfang der Ermittlungen. Gegen die drei Angehörigen wird wegen Freiheitsberaubung und Misshandlung von Schutzpersonen ermittelt. Auch Zeugen werden befragt.

Wusste der Vater, was los war?

Gegen den Vater des Kindes besteht laut Staatsanwaltschaft derzeit kein Tatverdacht. Der Staatsanwalt geht davon aus, dass er sicher war, dass Mutter und Kind in Italien waren. Allerdings sind auch hier weitere Untersuchungen durchzuführen.

Was wissen Sie über die Lebensumstände des Kindes?

Die Behörden haben keine Beweise dafür gefunden, dass das Mädchen körperlich misshandelt wurde. Auch war es gut gefüttert. Insgesamt gehe es dem Kind „den Umständen entsprechend gut“, sagte Oberstaatsanwalt Patrick Freiherr von Grotthuss dem WDR. Dennoch waren seine Lebensumstände in den letzten Jahren sicherlich deprimierend. Es war komplett von der Außenwelt abgeschottet. Laut FAZ sagte das Kind den Ärzten, es habe noch nie eine Wiese oder einen Wald gesehen oder in einem Auto gesessen. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Mutter und Großeltern dem Mädchen fast sieben Jahre lang keine „Teilnahme am Leben“ erlaubten. Es hat noch nie eine Kita oder Schule besucht und weiß nicht, wie man mit anderen Kindern spielt.

Wie geht es dem Mädchen jetzt?

Die Achtjährige lebt seit ihrer Aufnahme in einer Pflegefamilie. Der zuständige Abteilungsleiter des Jugendamtes in Olpe, Michael Färber, berichtete im ntv-Interview, dass das Kind dort alle Unterstützung erhalte und auch medizinisch untersucht werde. Bisher gebe es „keine größeren Auffälligkeiten“. „Es kann lesen, schreiben und rechnen, obwohl es nachweislich weder Kindergarten noch Schule besucht hat“, sagte Färber. All das konnte sie nur von ihrer Mutter oder ihren Großeltern gelernt haben. Treppensteigen hingegen ist noch ungewohnt.

Wie hat das Kind auf die Befreiung reagiert?

Laut FAZ war das Mädchen überwältigt und erleichtert, als sie erstmals das Haus ihrer Großeltern verlassen konnte. „Sie hat es positiv aufgenommen“, sagte Farber über den Moment. Viele Dinge, die andere Menschen für selbstverständlich halten, hat sie in ihrem Leben noch nie gesehen. „Das hat ihr eine ganz neue Perspektive gegeben.“

Was hat dieser Lockdown mit dem Kind gemacht?

„Für das Kind steht jetzt die Welt auf dem Kopf. Es wird sich anfühlen, als wäre es auf einem anderen Planeten“, sagt Nicole Vergin vom Kinderschutzbund NRW. Die Grundbedürfnisse des Mädchens und grundlegende Kinderrechte auf Bildung, Spiel oder soziale Kontakte wurden missachtet. Dies wirkt sich auf die geistige, psychische und motorische Entwicklung aus.

Was kommt als nächstes?

Mutter und Großeltern dürfen derzeit keinen Kontakt zu dem Achtjährigen haben. Es gibt aber Überlegungen, wie in der Sache weiter vorgegangen werden soll. Im Mittelpunkt steht die Frage: „Was will das Kind?“ sagt Färber. Ziel ist es, das Kind auf seinem Weg in ein normales Leben behutsam zu begleiten. Es gehe jetzt nicht darum, dass das Kind Defizite schnell aufhole, sondern es müsse in erster Linie psychisch stabilisiert werden, betonte Sozialpädagogin Sabine Müller-Kolodziej vom Kinderschutzbund.

Wird der Fall Konsequenzen bei den zuständigen Behörden haben?

Der Kreis Olpe teilte am Sonntag mit, dass alle „hausinternen Verfahrensabläufe“ im Zusammenhang mit dem Fall, einschließlich der Arbeit des Jugendamts, geprüft würden. Die Staatsanwaltschaft will klären, warum etwas nicht schon früher passiert ist, so Grotthuss. Im Zentrum der Überlegungen steht die Frage, warum die italienischen Behörden nicht früher gefragt wurden, obwohl der Vater sein Sorgerecht nicht wahrnehmen konnte.

Unklar ist auch, warum es keine Möglichkeit gab, sich die bisherigen Informationen genauer anzusehen. Jugendamtsleiter Farber hatte gesagt, den beiden anonymen Hinweisen sei umgehend nachgegangen worden. Es gebe jedoch keine „schlüssigen Beweise oder konkreten Beweise“, dass sich das Mädchen im Haus ihrer Großeltern aufhielt. Sie hatten demnach keine legale Möglichkeit, das Haus zu betreten – das war auch die damalige Einschätzung der Polizei. „Wir müssen auch prüfen, ob das Jugendamt alles Erforderliche getan hat, um den Fall aufzudecken“, erklärte Oberstaatsanwalt Grotthuss. „Zwangsläufig stellt sich die Frage, ob das Kind nicht schon früher hätte gefunden werden können.“ Im Dorf weiß man meist schnell, wer bei den Nachbarn ein- und ausgeht. Es sei erstaunlich, dass das Kind so viele Jahre nicht gesehen worden sei – und zugleich ein Indiz dafür, dass der Angeklagte „sehr heimlich und sehr vorsichtig“ gehandelt habe.

(Dieser Artikel wurde erstmals am Dienstag, den 08. November 2022 veröffentlicht.)

Leo V.
Leo V.
Ich arbeite seit ca. 4 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik, Unterhaltung, Technik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
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