Freitag, Juni 24, 2022
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Bolivien: Umstrittene Kinderarbeit

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Nach UN-Schätzungen müssen rund 160 Millionen Kinder auf dieser Welt arbeiten. Seit der Corona-Pandemie steigt die Zahl wieder. In Bolivien wird seit Jahren offen darüber diskutiert, wie man am besten mit Kinderarbeit umgeht.

Neunjährige Mädchen stehen nachts vor Discos und verkaufen Zigaretten an ausländische Touristen: ein ganz normaler Anblick zum Beispiel in Ecuadors Hauptstadt Quito. Kleine Jungs, die feine Herrenschuhe polieren: Alltag in Bogotá, der Hauptstadt Kolumbiens. Und 11-Jährige, die viele schwere Säcke mit Mais, Reis oder Bohnen schleppen: Normal in Peru. Kein Land Südamerikas ist frei von Kinderarbeit und sie wird fast überall akzeptiert.

In Bolivien hat sich dagegen eine Diskussion über die Arbeit von Jungen und Mädchen entwickelt. Denn die Linksregierung unter Evo Morales hat 2014 etwas noch nie Dagewesenes getan und Kinderarbeit legalisiert. Zumindest unter bestimmten Voraussetzungen, wie Menschenrechtsanwältin Bianca Mendoza klarstellt: „Dieses Gesetz war auf die realen Lebensumstände der betroffenen Kinder zugeschnitten, die auch beratend hinzugezogen wurden.“

Außerdem durften offiziell nur Kinder über zehn Jahren arbeiten – und das auch nur, wenn sie aus extrem armen Verhältnissen stammten. Dafür wurde laut Mendoza ein Mindestlohn festgelegt. Dazu kamen Sozialleistungen und Nachtarbeit war verboten, ebenso schwere und gefährliche Arbeit wie im Bergbau oder im Zuckerrohranbau. Schulbesuch und regelmäßige Gesundheitschecks waren hingegen Pflicht.

Kinderschützer wie Mendoza begrüßten das Gesetz als fortschrittlich. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) und das Kinderhilfswerk UNICEF zeigten sich jedoch entsetzt: Sie definieren jede Kinderarbeit als Ausbeutung. 2018 zog die bolivianische Regierung auf internationalen Druck hin das Gesetz zumindest in umstrittenen Passagen zurück, weil es gegen Normen der Vereinten Nationen verstoße.

„Viele von uns glauben, dass es keine wirklichen Lösungen gibt, wenn Kinderarbeit nicht sichtbar gemacht wird, weil wir in einer Kristallkugel leben, in der wir unsere eigenen Lügen glauben“, sagt Mendoza.

Tatsächlich habe sich die Situation der Kinder nach der Aufhebung des Gesetzes nicht verbessert, sagte Mendoza. Im Gegenteil: Die Zahl der arbeitenden Kinder, die zuvor von rund 850.000 auf knapp über 740.000 gesunken war, stieg wieder an. Und das umso mehr in der Corona-Pandemie. „Wir haben Kinder im Alter von fünf Jahren, die Süßigkeiten, Kekse und Kleinigkeiten wie Haargummis, Rasiersets und mehr verkaufen“, sagt Mendoza.

Dies war früher zu sehen, beispielsweise nachts, weil es Einschränkungen gab. „Jetzt, nach der Pandemie“, sagte der Jurist, würden Kinder wieder viel öfter arbeiten gesehen. „Mit allen Risiken, die das mit sich bringt.“

Das Kinderhilfswerk UNICEF schätzt die Zahl der arbeitenden Kinder in Bolivien offiziell auf über 800.000. Der Streit um den Umgang damit geht weiter.



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