Donnerstag, Juni 23, 2022
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Bundesregierung will mehr Einfluss nehmen Erster Rücktritt nach Documenta-Eklat

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Der Vorsitzende des Documenta-Forums tritt nach seinen umstrittenen Äußerungen zum ausgesetzten Kunstwerk auf der Documenta zurück. Der Generaldirektor der Ausstellung kündigt derweil eine Untersuchung nach „weiteren kritischen Werken“ an. Die Bundesregierung fordert Konsequenzen.

Nach einem Interview distanzierte sich das Documenta Forum von seinem bisherigen Vorsitzenden. Daraufhin schied Jörg Sperling mit sofortiger Wirkung aus. In einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur hatte er zuvor kritisiert, dass das als antisemitisch empfundene Kunstwerk von Taring Padi „aufgrund politischen Drucks“ auf der Kasseler Kunstausstellung abgenommen worden sei. „Das muss eine freie Welt aushalten“, sagte Sperling. Das Documenta Forum „bedauert“ Sperlings Äußerungen „ausdrücklich“ und distanziert sich von seinen Äußerungen.

Das Interview sei nicht mit den anderen Vorstandsmitgliedern des Vereins abgestimmt worden. „Diese und alle anderen Aussagen in dem Interview geben nur die persönliche, nicht autorisierte Meinung von Jörg Sperling wieder“, hieß es. Die anderen Vorstandsmitglieder hielten „Bilddarstellungen in der Manier des ‚Stürmers‘ für absolut inakzeptabel“, teilte das Forum mit. Es setzt sich laut Documenta Forum dafür ein, „dazu beizutragen, die Rahmenbedingungen für die Documenta als internationale und unabhängige Ausstellung zeitgenössischer Kunst zu sichern und das Image und Ansehen der Documenta zu schützen“.

Jörg Sperling bestätigte seinen vom Forum mitgeteilten Rücktritt. „Ich stehe immer noch zu dem, was ich gesagt habe“, sagte er. Er persönlich habe viel positives Feedback erhalten. Er sei „nicht unglücklich“ über seinen Abgang, ebenso wenig wie über die damit ausgelöste Debatte: „Es schärft die Positionen.“

Documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann kündigte eine systematische Untersuchung der Kunstausstellung auf „weitere kritische Arbeiten“ an. „Ruangrupa wird auch ihrer kuratorischen Aufgabe gerecht werden müssen“, sagte sie der „Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen“. Das indonesische Kollektiv Ruangrupa kuratiert die Documenta Fifteen. Unterstützt wird die Gruppe inzwischen von anerkannten Experten wie Meron Mendel vom Anne-Frank-Bildungszentrum in Frankfurt. „Es ist nicht Aufgabe der Geschäftsführung, alle Arbeiten vorab zu prüfen und freizugeben“, sagte Schormann. „Das würde dem Zweck der Documenta widersprechen.“ Es ist daher auch nicht möglich, die Kunst beispielsweise vorab einem Gutachtergremium zur Genehmigung vorzulegen. Dies ist eine Kernaufgabe der künstlerischen Leitung.

Kulturstaatsministerin Claudia Roth forderte Konsequenzen für die Gestaltung der Kunstausstellung. Grundsätzlich will die Bundesregierung mehr Einfluss auf die Documenta. Beim Fünf-Punkte-Plan geht es um Verarbeitung und Konsequenzen. „Das Documenta-Management und das Kuratorenkollektiv müssen lückenlos aufklären, wie es überhaupt möglich war, ein eindeutig antisemitisches Bild aufzuhängen“, heißt es dort. „Sie müssen auch dafür sorgen, dass auf der Documenta keine anderen antisemitischen Werke ausgestellt werden.“

„Die Verantwortlichkeiten zwischen der Geschäftsführung und insbesondere den Kuratoren sowie dem Aufsichtsratsvorsitzenden und den Gremien müssen klar geklärt und Konsequenzen daraus gezogen werden“, heißt es dort. Konkrete Rücktrittsforderungen werden nicht gestellt. Der Rückzug des Bundes aus dem Aufsichtsrat im Jahr 2018 unter Beibehaltung der Bundesfinanzierung wird als „schwerwiegender Fehler“ bezeichnet. Das soll sich wieder ändern. „Zukünftig soll die finanzielle Förderung des Bundes daher an eine direkte Einbindung in die Strukturen der Documenta geknüpft werden.“

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