Donnerstag, Januar 27, 2022
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"Costa Concordia"- Unglück Was macht Francesco Schettino eigentlich?

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Ein Kapitän verlässt als Letzter das sinkende Schiff oder er macht die Schettino – und sitzt als Erster im Rettungsboot. Zehn Jahre nach den Ereignissen kämpft der Kapitän der abgestürzten „Costa Concordia“ immer noch mit dem Etikett, ein Feigling zu sein.

Dies sind dramatische Szenen, die sich am 13. Januar 2012 vor der Insel Giglio abspielen. Die „Costa Concordia“ ist gegen einen Felsen gefahren und durchgesickert. Das Kreuzfahrtschiff, das eine mehrtägige Reise durch das westliche Mittelmeer hatte, ist völlig manövrierunfähig. Der Wind schiebt ihn in Richtung Insel, mit jeder Minute wird er mehr und mehr und ist voller Wasser. 4229 Menschen sind an Bord, die in Sicherheit gebracht werden müssen. 32 von ihnen werden es nicht schaffen.

Einer der ersten, der im Rettungsboot sitzt, ist der damals 51-jährige Kapitän der „Costa Concordia“, Francesco Schettino. Damit verstößt er gegen eines der eisernen Gesetze der Seefahrt – der Kapitän verlässt als Letzter das sinkende Schiff. Seitdem sind zehn Jahre vergangen. Schettino wurde im Februar 2015 zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, die er bis heute verbüßt. Die Freiheitsstrafe von 16 Jahren und einem Monat beträgt durchschnittlich fünf Jahre wegen fahrlässiger Verursachung, zehn Jahre wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung mit fahrlässiger Körperverletzung und ein Jahr wegen Zurücklassens von Bedürftigen beim vorzeitigen Verlassen des Schiffes . Außerdem wurde er wegen unzureichender Kommunikation mit den Behörden einen Monat lang festgenommen.

Kurz vor dem Jahrestag des Unfalls meldet sich Schettino überraschend aus dem Rebibbia-Gefängnis in Rom zu Wort. Der 61-Jährigen gab der Zeitung „La Stampa“ ein Interview. „Die Leute können es nicht glauben, aber ich habe Albträume“, zitierte ihn die Zeitung. Schettino betont, dass er die Opfer der „Concordia“ nicht vergessen habe. Zwölf Deutsche, sieben Italiener, sechs Franzosen, zwei Peruaner, zwei US-Bürger sowie ein Inder, ein Spanier und ein Ungar waren auf dem Schiff ums Leben gekommen, die Überreste des letzten Opfers wurden erst bei der Verschrottung im Jahr 2014 gefunden.

„Commander Schettino“, sagt sein Anwalt, „befindet sich in Psychotherapie, was ihm nicht leicht fällt. Im Grunde ist er auch ein Schiffbrüchiger, er denkt ständig an diese verdammte Nacht und die 32 Toten.“ Vor allem aber hat Schettino noch Mitleid mit sich selbst. „Aber ich habe nicht vergessen, dass ich als Sündenbock behandelt wurde“, sagte er gegenüber La Stampa. Aber es ist nicht in Ordnung, dass er der einzige ist, der dafür bezahlt. „Sie wollten einen Schuldigen finden, nicht die Wahrheit“, sagte Schettinos Anwalt. Demnach macht sich der 61-Jährige auch heute noch Sorgen, dass von allen Angeklagten nur er hinter Gittern gelandet ist. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, bei dem Schettino 2018 gegen seine Inhaftierung Berufung eingelegt hatte, will sich noch in diesem Jahr mit dem Fall befassen.

Laut Gefängnisseelsorger Don Lucio Boldrin nutzt der ehemalige Hauptmann die Zeit im Gefängnis, um Journalismus und Jura zu studieren. Demnach glaubt Schettino, bereits vor dem Gerichtsverfahren „Opfer eines Medienverfahrens“ geworden zu sein. Sein Mandant wolle verstehen, wie es dazu kommen konnte, dass er eine „Zielscheibe“ der Medien sei, sagt sein Anwalt. Schettino wolle seine Zeit im Gefängnis nicht verschwenden, beschreibt Pfarrer Boldrin die Motivation des Häftlings. Deshalb trieb er Sport, las auf Englisch und arbeitete für die Gefängniszeitung mit.

Schettinos Zeit in Rebibbia könnte in absehbarer Zeit zu Ende gehen. Nach Verbüßung eines Drittels der Haftstrafe am 17. Mai könnte er freigelassen werden, die restliche Haftstrafe müsste er unter Hausarrest verbringen. Sein Verhalten als Gefangener steht jedenfalls nicht im Weg. Gefängnisseelsorger Boldrin nennt Schettino einen Mustergefangenen. „Er ist sehr nett zu den anderen Insassen und lässt sie nie die Rolle spüren, die er vor seiner Festnahme gespielt hat.“ Die anderen Häftlinge liebten Schettino.

Die Last dieser Nacht vor der Insel Giglio, als die „Costa Concordia“ sank, wird dem Kapitän des Unglücks in den kommenden Jahren wohl kaum leicht fallen. Nach Recherchen fuhr Schettino zu nah an die Insel Giglio heran, obwohl er keine detaillierten Karten des Küstenbereichs an Bord hatte.

Auch nach der Kollision um 21.45 Uhr dauerte es viel zu lange, bis die Evakuierung begann. Die Küstenwache erfuhr nur durch Zufall von dem Vorfall und um 22.14 Uhr bestätigte die „Costa Concordia“ lediglich einen Stromausfall. Experten kamen dabei zu dem klaren Ergebnis, dass nur dank der konzertierten Rettungsaktion mit mehreren Insel- und Großfähren sowie Helikoptern und der Tatsache, dass der Wind das Schiff auf die Insel und nicht aufs offene Meer drängte, keine mehr Menschen starben.

Gregorio de Falco war damals Offizier der italienischen Küstenwache in Livorno und für das Katastrophengebiet zuständig. Im Rettungsboot hatte er zu Schettino gesagt: „Komm wieder an Bord, verdammte Scheiße!“ Sein Fazit zehn Jahre später zu „La Stampa“ ist niederschmetternd. Wäre Schettino an Bord geblieben, „hätte er viele Leben retten können, auch sich selbst“. Aber so ist „Fare lo Schettino“ von Schettino in Italien zum Synonym für besondere Feigheit geworden.

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