Mittwoch, Mai 18, 2022
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Das Unzerstörbare

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Er ist das Comeback-Kind der deutschen Politik: Vor zwölf Jahren schien die Karriere von Hendrik Wüst beendet. Dennoch hat der CDU-Politiker gute Chancen bei der Landtagswahl am Sonntag in Nordrhein-Westfalen. Wie hat er das gemacht?

Hendrik Wüst hat in seinen 46 Jahren fast alles mitgenommen, was man im Laufe einer politischen Karriere erleben kann: von steilen Aufstiegen über Skandale und Abbrüche bis hin zu Comebacks.

Genau deshalb weiß Wüst auch, worauf es ankommt: was am Ende herauskommt. Wie das aussieht, wird am kommenden Sonntag zu sehen sein. Dann können rund 13 Millionen Wähler in Deutschlands bevölkerungsreichstem Bundesland entscheiden, ob sie den schlaksigen Juristen als Ministerpräsidenten behalten wollen. Oder seinem Herausforderer, dem SPD-Spitzenkandidaten Thomas Kutschaty, den Vorzug geben.

Wüst regiert Nordrhein-Westfalen seit Oktober, ohne vom Volk gewählt zu werden. Er folgte damals Armin Laschet nach, der nach der verlorenen Bundestagswahl vom Amt des Ministerpräsidenten zurückgetreten war. Im Landtag erhielt der bisherige Verkehrsminister Wüst 103 von 199 Stimmen – drei mehr als die schwarz-gelbe Koalition. Es war ein guter Anfang. Doch Wüst war nur einmal Landvater auf Probe.

Letzten Montag hatte er einen Vorgeschmack auf einen echten Sieg. Wüst reiste in die Zentrale der Bundespartei nach Berlin, um sich neben dem strahlenden Wahlsieger aus Schleswig-Holstein, Daniel Günther, zu zeigen. In der Hoffnung, dass seine Aura vielleicht auch ein wenig auf ihn strahlt.

In den Umfragen liegt die CDU knapp vor der SPD. Trotzdem könnte es eng werden, weil der bisherige Koalitionspartner FDP schwächelt. Im Vergleich zur letzten Wahl könnte sie fast die Hälfte der Stimmen verlieren.

Die Grünen hingegen dürften ihr letztes Ergebnis mehr als verdoppeln. Und hier liegt für Wüst die Gefahr: Wenn SPD und Grüne gemeinsam eine Mehrheit erreichen, könnte die Klimapartei versucht sein, mit den Sozialdemokraten zu koalieren. Spitzenkandidatin Mona Neubaur betont gerne, dass sie sowohl zur SPD- als auch zur CDU-Konkurrentin ein gutes Verhältnis pflegt.

Allerdings gibt es in Nordrhein-Westfalen wenig Zweifel, dass Wüst den Grünen in Koalitionsverhandlungen entgegenkommen würde – etwa wenn es darum geht, Schwarz-Grün oder eine Jamaika-Koalition mit der FDP zu verhandeln.

Das Image des jungen, mutigen Konservativen, der in der Jungen Union Karriere machte, 2005 als damals jüngster Abgeordneter in den Landtag einzog, mit 31 Jahren Generalsekretär der NRW-CDU wurde und machte Einen Namen als politischer Wadenbeißer hat Wüst längst hinter sich gelassen. Das hat auch mit dem Absturz zu tun, den er 2010 erlebte.

Damals, kurz vor der Landtagswahl, wurde bekannt, dass Unternehmen nicht nur Werbeflächen für einen CDU-Landesparteitag, sondern auch den Kontakt zu Kabinettsmitgliedern oder einen Platz am VIP-Tisch des damaligen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers angeboten bekommen hatten. Die Affäre trug den Spitznamen „Rent-a-Rüttgers“. Der Vorwurf der illegalen Parteispende stand im Raum. Dafür musste der Generalsekretär gehen. Damals hielten ihn die meisten Leute für das „Bauernopfer“.

Dennoch galt die Hoffnung für die Jugend als erloschen. Doch Wüst verfiel nicht in Schmollen. Er wurde Geschäftsführer des nordrhein-westfälischen Landesverbandes Deutscher Zeitungsverleger und pflegte den Kontakt zur Politik – durch seinen Sitz im Landtag, den er trotz seines Rücktritts mit mehr als 49 Prozent der Stimmen zurückerobert hatte.

Ab 2013 baute er zudem als Vorsitzender der Mittelstands- und Wirtschaftsunion ein stabiles Netzwerk auf. So stabil, dass Armin Laschet, als er 2017 Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen wurde, nicht mehr an Wüst vorbeikam. Er machte ihn zum Verkehrsminister, wohl wissend, dass dies einer der schwierigsten Ministerposten in dem überfüllten Bundesland ist.

Aber auch hier war Wüst robust, diszipliniert und gut organisiert. Gleichzeitig ließ er nie Zweifel an seiner Loyalität zum Ministerpräsidenten aufkommen, obwohl er nie ein besonders herzliches Verhältnis zu ihm hatte. Als Laschet gegen Friedrich Merz um den CDU-Bundesvorsitz antrat, sorgte Wüst dafür, dass sich auch die Kritiker im NRW-Wirtschaftsflügel hinter den Ministerpräsidenten stellten.

Dass er schließlich selbst Laschets Nachfolger wurde, liegt an einer anderen Tatsache: Laut NRW-Verfassung muss der Ministerpräsident auch Mitglied des Landtags sein. Andere potenzielle Kandidaten wie Bauministerin Ina Scharrenbach waren es nicht.

Als Ministerpräsident hat Wüst die letzten Reste politischen Ungestüms hinter sich gelassen. Auch rhetorisch. Heute lässt er sich nur ungern auf das „Konservative Manifest“ ansprechen, das er 2007 unter anderem mit den Unionskollegen Markus Söder, Philipp Missfelder und Stefan Mappus verfasst hat und das eine Stärkung der bürgerlich-konservativen Wurzeln der Partei fordert. Schnee von gestern. Genauso wie seine Forderung als Generalsekretär, „Killerspiele“ zu verbieten und arbeitslose Spielplätze von Hundekot und Drogenspritzen säubern zu lassen.

In der Corona-Krise hat er in der Runde der Ministerpräsidenten klarer Stellung bezogen als sein Vorgänger und war zurückhaltender als andere. So sprach sich Wüst für eine generelle Impfpflicht aus. Trotz seiner langjährigen Erfahrung tut er sich mit Rhetorik manchmal schwer. Gefährten sagen, dass er im persönlichen Kontakt meist freundlich und charmant ist. Seine Ausstrahlung entfaltet er nur bedingt bei öffentlichen Auftritten.

Auch Armin Laschet zündete kein rhetorisches Feuerwerk. Doch der Rheinländer konnte eine umgängliche Fröhlichkeit entwickeln. Dagegen wirkt der gebürtige Westfale Wüst deutlich technokratischer. Die Bilder von ihm als Gelegenheitsradler ändern sich kaum – eine Leidenschaft, die er sich aus seiner Studienzeit in der Fahrradstadt Münster bewahrt hat.

Für ein anderes Hobby, das Jagen, bleibt ihm keine Zeit mehr. Mit 16 machte er seinen Jagdschein. Er sei hineingewachsen, sagt er heute etwas ausweichend, wenn er nach der Faszination der Jagd gefragt wird. Die Mutter, die er früh verlor, war ebenso wie sein Vater ein leidenschaftlicher Jäger. Wust ist ein Familienmensch. Vor 13 Monaten wurde er Vater einer Tochter und ist begeistert von dieser neuen Aufgabe. „Die erste Stunde des Tages gehört meiner Tochter“, sagt er im Gespräch mit theaktuellenews: „Ich hole sie aus dem Bett, wechsle die Windel und füttere sie mit der Flasche. Wir starten sozusagen gemeinsam in den Tag.“ . Das genieße ich sehr.“

Bei einer Wiederwahl bleibt wohl noch weniger Zeit für die Familie. Denn eine zweite Amtszeit würde ihm nicht leicht fallen. Für die Schulpolitik der schwarz-gelben Koalition gibt es regelmäßig schlechte Noten in Umfragen – mehr als 8.000 Personalstellen sind unbesetzt, nirgends sind die Pro-Kopf-Investitionen in Bildung geringer, die Digitalisierung schleppt sich. Auch für das Kohleland Nordrhein-Westfalen ist die Energiewende eine größere Herausforderung als für andere Bundesländer. Bei Verkehrsproblemen („Stau Nummer eins“) hat Wüst den Vorteil, dass er sich mit der Materie auskennt.

Die Flutkatastrophe wirkt bis heute nach. Viele Betroffene warten noch immer auf die versprochene Hilfe. Umweltministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) musste zurücktreten, weil sie kurz nach der Katastrophe zu einer Familienfeier nach Mallorca gereist war.

Dass Hendrik Wüst schon viel früher ein solches Erlebnis hatte, kommt ihm nun zugute. Er war alt genug, um es zu lernen. Und jung genug für ein Comeback. Und diese Erfahrung könnte auch helfen, wenn am Sonntag etwas schief geht.

Portrait von Hendrik Wüst im WDR

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