Donnerstag, August 11, 2022
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Debatte um Exzessgewinne: Welche Gewinne sind zu hoch?

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Einige Unternehmen profitieren besonders von der aktuellen Krise. Der Vorwurf: Sie nutzten die steigende Inflation für ihr Geschäft. Das Wort „Gierinflation“ macht die Runde. Was ist es wirklich?

Zunächst ist es die Bundeskanzlerin, die Unternehmen kritisiert, die auf Twitter große Gewinne machen. „Das ist nicht okay“, schreibt Olaf Scholz Anfang Juli. Aus diesem harmlosen „nicht okay“ ist nun die Forderung nach einer Steuer auf überhöhte Gewinne geworden – nicht von Bundeskanzler Scholz selbst formuliert, sondern von der SPD-Fraktionschefin Saskia Esken oder der Grünen-Co-Vorsitzenden Ricarda Lang.

Nutzen Unternehmen die aktuell hohe Inflation, um praktisch im „Windschatten“ die Preise zu erhöhen und damit noch mehr Gewinn zu machen? In den USA gibt es eine Debatte unter Ökonomen, die auch einen neuen Begriff erfunden haben: „Greedflation“. Zu deutsch: „Gierinflation“. Die Inflation wird durch die Gier der Unternehmen weiter angeheizt.

EZB-Direktorin Isabel Schnabel sagte kürzlich in einer Rede: „Um es provokativ auszudrücken: Viele Unternehmen in der Eurozone, wenn auch längst nicht alle, haben vom jüngsten Anstieg der Inflation profitiert.“ Diese Aussage wurde als Kritik an Unternehmen interpretiert. Auf Nachfrage erklärte die EZB, es sei nicht Sache der Europäischen Zentralbank, den Privatsektor zu kritisieren.

Einige Ökonomen weisen darauf hin, dass in einer Marktwirtschaft die Maximierung des Unternehmensgewinns nicht als Gier bezeichnet werden kann. Einige Wirtschaftsexperten in den USA sahen kurz nach Aufhebung der Corona-Beschränkungen Anzeichen einer „Greedflation“. Die These: Die Menschen hatten Nachholbedarf, und die Preise konnten teilweise übermäßig erhöht werden.

In diesem Zusammenhang ist oft von einer Art „Corona-Nachholinflation“ zu lesen – etwa in der Gastronomie. Die immensen Gewinne etwa der Mineralölkonzerne, deren Kassen seit Kriegsbeginn in der Ukraine klingeln, stehen nun auf anderem Papier. Auch hier erwarten Beobachter, dass die Gewinne nur kurzzeitig höher ausfallen und der Markt die Preise wieder regulieren wird.

Ob Unternehmen die Preise tatsächlich aktiv in die Höhe treiben können, hängt in erster Linie von ihrer Marktmacht ab. Dadurch können Monopolisten die Preise diktieren, während Preiserhöhungen in einem Wettbewerbsmarkt immer begrenzt sind. So sieht es Volker Wieland, Professor für Monetäre Ökonomie an der Goethe-Universität in Frankfurt: „Man braucht ein Wettbewerbssystem, um zu viel Marktmacht zu verhindern.“

Vom Begriff „Gierinflation“ hält der Ökonom nicht viel. Es ist nicht verwerflich, wenn ein Unternehmen den Preis seiner Waren erhöht. „Der Wettbewerb sorgt dafür, dass Preise und Gewinne sinken“, sagt Wieland. Dem Konzept einer Überschusssteuer steht er skeptisch gegenüber und fragt: „Welcher Gewinn ist zu hoch?“ Gewinne würden in Deutschland ohnehin schon stark besteuert.

Thomas Obst vom Institut der deutschen Wirtschaft sieht die Debatte ähnlich. Auch er sieht die Politik in erster Linie in der Verantwortung, Oligopolstrukturen zu vermeiden. Aus seiner Sicht ist die Überschusssteuer jedoch ein schlechtes Instrument und zudem „verfassungsrechtlich schwierig“. Das deutsche Grundgesetz sieht strengere Regeln vor als die meisten Gesetze im Ausland.

„Gierinflation“ ist für Obst kein Phänomen, sondern ein „Vorwurf“. Jedenfalls rechnet er in den kommenden Monaten mit einer Verlangsamung der Inflation und führt dies auf einen erwarteten Nachfragerückgang zurück. Zur Debatte um die Überschusssteuer sagt Obst: „Anstatt neue Verteilungsdebatten zu entfachen, sollten wir überlegen, wie wir den Inflationsschock gemeinsam bewältigen können.“

Viele Ökonomen sehen die Notenbanken als verantwortlich für die Diskussion um die „Gierinflation“. Sie müssten die Inflation bekämpfen, indem sie die Zinssätze erhöhen. Auch der Wirtschaftsethiker Johannes Wallacher von der Hochschule für Philosophie München findet: „Die Notenbanken haben zu spät reagiert, indem sie ihre lockere Geldpolitik aufgegeben haben.“

Zu spät? Wallacher sagt, dass es keinen einfachen Weg aus der Inflation gibt, „weil viele der Faktoren, die den Preisanstieg antreiben, nicht so schnell verschwinden werden“. Die Politik muss sich darauf konzentrieren, die sozialen und wirtschaftlichen Folgen wirksam abzufedern. Doch auch der Wirtschaftsethiker ist kein Freund einer exzessiven Gewinnsteuer: „Ich würde strengere Kartellgesetze bevorzugen.“



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Abgel T
Abgel T
Ich arbeite seit ca. 3 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
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