Freitag, Juni 24, 2022
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Debatte zur Corona-Strategie: Worüber Politiker und Experten diskutieren

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Mitten im Sommer steigt die Corona-Inzidenz deutlich an – an einer Welle im Herbst zweifelt sowieso niemand. Auch im dritten Jahr der Pandemie ringen Politiker und Experten um den richtigen Kurs. Antworten auf wichtige Fragen.

Die derzeit dominierenden Omicron-Varianten scheinen oft nur leichte Symptome zu verursachen. Für ältere Menschen und Risikopatienten ist Corona jedoch nach wie vor eine potenziell tödliche Krankheit. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) geht davon aus, dass die Sommerwelle die Kliniken nicht überlastet, es bestehe also kein Grund zur Panik. Er empfiehlt jedoch, in Innenräumen freiwillig eine Maske zu tragen und Impfungen zu absolvieren, sofern noch nicht geschehen.

Portugal hat die noch kommende Welle bereits überstanden. Es gab keine Überlastung der Intensivstationen. Aber sie waren sehr voll und die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit Corona stieg stark an. In Deutschland werden die Intensivstationen weniger ausgelastet sein, vermutet Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie. „In Portugal waren viele Menschen lange vor der neuen Welle geimpft, in Deutschland ist die letzte Impfung für den Großteil der Bevölkerung noch gar nicht so lange her“, erklärt er. Dies kann zu einem besseren Infektionsschutz in Deutschland führen.

Bis Ende Juni können Sie sich noch kostenlos testen lassen. Danach will Bundesgesundheitsminister Lauterbach die Bürgertests einschränken und nur noch bestimmten Bevölkerungsgruppen kostenlos anbieten.

Auch der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, empfiehlt die Abschaffung der Bürgertests ohne Anlass. Dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) sagte er, dass solche Tests „sehr wenig bringen und viel kosten“. Einige Landesgesundheitsminister haben Lauterbachs Initiative bereits kritisiert. Sie halten kostenlose Angebote wegen der gestiegenen Infektionszahlen weiterhin für wichtig.

Das fordern die Länder Baden-Württemberg, Hessen und Bayern. Der Gesetzesentwurf zur allgemeinen Impfung ist im Frühjahr gescheitert. Der baden-württembergische Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) geht davon aus, dass im Herbst mit schwereren Erkrankungen vor allem bei älteren Menschen zu rechnen ist. Deshalb „sollten wir jetzt alle Kräfte bündeln und auf die Impfpflicht ab 60 Jahren nicht verzichten“.

Immunologisch sei es sinnvoll, alle über 60 zu impfen, sagt Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Trotzdem rät er von einer Zwangsimpfung ab. „Wir wissen nicht genau, wie groß die Impflücke bei älteren Menschen ist“, gibt er zu bedenken. „Und mit einer Pflicht dürfen wir nur Widerstand schaffen.“ Auch politisch scheint der Vorstoß der drei Bundesländer keine Mehrheit zu finden.

Diese Idee brachte der grüne Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen Mitte Juni in einem Gespräch mit der „Rheinischen Post“ auf. Bisher empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) die vierte Impfung nur für Personen über 70, Risikopatienten sowie medizinisches und pflegerisches Personal.

Eine vierte Impfung sei jedenfalls nicht schädlich, sagt der Immunologe Watzl. Eine leichte Verbesserung des Schutzes vor schweren Verläufen ist zu erwarten. Man muss nicht warten, bis Impfstoffe verfügbar sind, die besser an die Omicron-Virus-Varianten angepasst sind. Denn nichts spricht gegen eine fünfte Impfung im Herbst. „Jetzt aber weitere Impfungen zu empfehlen, würde den falschen Eindruck erwecken, dass drei Dosen nicht mehr schützen“, warnt Watzl.

„Dass wir diesmal sogar im Sommer eine Infektionswelle erleben, zeigt, wie ansteckend die aktuellen Virusvarianten sind“, sagt Carsten Watzl. Eine weitere Welle im Herbst ist daher sehr wahrscheinlich. Ob dann eine neue, gefährlichere Variante auftaucht, kann niemand vorhersagen. „Für die Überlebensstrategie des Virus ist es vor allem günstig, hoch ansteckend zu sein“, erklärt Watzl. Erkrankt der Infizierte später ernsthaft, bringt das Virus weder einen Vorteil noch einen Nachteil. „Im Moment glaube ich nicht, dass wir im Herbst wieder Lockdowns brauchen werden, aber vielleicht müssen wir drinnen Masken tragen“, vermutet Watzl.

Solche Möglichkeiten zum Schutz vor Corona sind im Infektionsschutzgesetz geregelt. Das läuft aber am 23. September aus. Viele Bundesländer fordern, dass die Arbeiten an der Gesetzesrevision so schnell wie möglich beginnen. Die Bundesregierung möchte aber zunächst eine Stellungnahme des Expertengremiums abwarten, die die Corona-Maßnahmen bewertet und Ende Juni veröffentlicht werden soll. Vor allem die FDP hatte darauf bestanden. Baden-Württembergs Gesundheitsminister Manfred Lucha warnt vor zu langem Warten. Eine Entscheidung nach der parlamentarischen Sommerpause ist für die Länder zu spät. Schließlich müssten sie die Maßnahmen zur Corona-Eindämmung umsetzen.

Zur Diskussion gehört auch, wie viel das Tragen von Masken tatsächlich bringt. Man dürfe ihre Wirksamkeit nicht überschätzen, andere Maßnahmen seien effizienter, sagt der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit. Als Beispiel nennt er im Interview mit dem RND das Arbeiten von zu Hause aus.

„An der Wirksamkeit von Masken zu zweifeln, ist rückwärtsgewandt“, sagt der Epidemiologe Hajo Zeeb. Es gibt genügend Studien, die belegen, dass Masken sinnvoll sind. Eine Maskenpflicht besser zu früh als zu spät verordnen. Wenn man wartet, bis die Intensivstationen voll sind, dann gibt es schon so viele Krankenstände in der gesamten Bevölkerung, dass es auch schlecht für die Wirtschaft ist. „Darüber sollten auch die Zweifler in der FDP nachdenken“, sagt Zeeb.

„Schulschließungen lassen sich nur mit der Möglichkeit einer Maskenpflicht und regelmäßigen Tests aller Schülerinnen und Schüler verhindern“, sagt Maike Finnern, Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Aber auch unprovozierte Tests in Schulen sind umstritten. Thomas Fischbach vom Berufsverband der Kinderärzte hält sie für unnötig. Nur wer Symptome habe, solle getestet werden, sagt er im Gespräch mit der „Rheinischen Post“. Und im Unterricht soll es nur noch in Hotspots eine Maskenpflicht geben.

„Wir müssen vor allem die Lehrer und gefährdeten Kinder in den Schulen schützen“, schlägt der Immunologe Watzl vor. Eine Möglichkeit ist, Kindern mit riskanten Vorerkrankungen Fernunterricht anzubieten. In Wissenschaft und Politik scheint Einigkeit darüber zu herrschen, dass Schulschließungen unbedingt verhindert werden sollten. Es gebe eindeutige Hinweise darauf, dass die Schließung von Schulen im Kampf gegen das Virus wirkung habe, sagt Epidemiologe Zeeb. Aber der Schaden für Kinder und Jugendliche und das Bildungssystem ist sehr groß. Es ist immer besser, Schutzmaßnahmen wie die Maskenpflicht wieder einzuführen.



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