Dienstag, August 9, 2022
StartNACHRICHTENDer Kampf um Cherson Die Großoffensive der Ukraine ist noch nicht abgeschlossen

Der Kampf um Cherson Die Großoffensive der Ukraine ist noch nicht abgeschlossen

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Mit der Offensive im Süden sprechen Teile der ukrainischen Seite von einer Wende auf dem Schlachtfeld. Doch Militärexperte Wolfgang Richter zögert noch. Auch weil es in der Region zu einem Rollentausch mit Russland kommen könnte.

Für Moskau war Cherson der erste große Erfolg. Als die Kreml-Truppen mit dem Einmarsch in die Ukraine begannen, gelang es ihnen Anfang März, die erste Provinzhauptstadt zu erobern. Seitdem hat die südukrainische Stadt einen hohen Symbolwert für beide Kriegsparteien. Berichten zufolge plant Moskau bereits, ein Referendum in der Region abzuhalten. Ähnlich wie Donezk und Luhansk soll Cherson die nächste sogenannte Volksrepublik werden. Die Besatzer sollen bereits begonnen haben, russische Pässe zu verteilen.

Für die Ukraine hingegen hätte es wohl eine enorme Signalwirkung, wenn sie die Kontrolle über die zuerst gefallene Provinzhauptstadt zurückgewinnen würde. Seit der Eroberung kam es in Cherson immer wieder zu Protesten gegen die Besatzer. Gouverneur Dmytro Butriy sagte kürzlich, dass einige Zivilisten von den Straßen verschwunden seien. Gerade wegen solcher Geschichten hat Kiew schon vor Wochen angekündigt, den Süden des Landes zurückzuerobern. Westliche Geheimdienste verzeichnen nun erste Erfolge. Ukrainische Vertreter sprechen sogar über den Wendepunkt auf dem Schlachtfeld.

Militärexperte Wolfgang Richter bleibt dagegen vorsichtig. „Im Moment gehe ich eher von taktischen Erfolgen aus, aber noch nicht von einem großen operativen Durchbruch“, sagt Oberst a. D. von der Stiftung Wissenschaft und Politik The Aktuelle News. Im Moment geht es nicht um die rund 300.000 Einwohner zählende Landeshauptstadt, sondern um das Umland. „Es wäre eine operative Wende, wenn man größere, flächenintensive Operationen durchführt, die dann ganze Regionen der Ukraine zurückerobern würden“, sagt Richter.

Dennoch kommt die ukrainische Euphorie nicht von ungefähr. Erst am Montag meldeten die Streitkräfte, dass sie seit vergangener Woche mehr als 40 Siedlungen zurückerobert hätten. Die meisten von ihnen befinden sich im Norden der Region und in der Nähe des Schwarzen Meeres im Süden. Auch die Streitkräfte nutzen die geografischen Gegebenheiten. Die Oblast Cherson wird durch den Fluss Dnipro geteilt. Auf der Ostseite liegt die gleichnamige Stadt, auf der Westseite erzielt die Ukraine ihre taktischen Erfolge.

Mit Hilfe westlicher Raketensysteme können sie russische Stellungen jenseits des Flusses aus der Ferne angreifen. „Westliche Waffenlieferungen, insbesondere die Panzerhaubitzen, spielen eine wichtige Rolle“, sagt Richter. „Und für die tieferen Ziele sind die US-HIMARS-Systeme sehr wichtig.“

Wie effektiv das sein kann, zeigt sich seit letzter Woche. Ukrainische Truppen haben damit begonnen, Russlands strategisch wichtige Versorgungsrouten über den Fluss abzuschneiden. Die wichtige Antonivka-Brücke vor den Toren der Stadt Cherson ist bereits so beschädigt, dass sie nicht mehr passierbar ist. Gleiches gilt für andere wichtige Routen über den Dnjepr. Die letzte Flussüberquerung ist eine Brücke bei Nova Kakhovka, nördlich von Cherson.

Deshalb gibt es auch in Moskau Aspirationentemporäre Pontonbrücken über den Fluss zu errichten. Denn ohne einen sicheren Weg, um logistische Güter und Reserven westlich von Cherson zu bekommen, wird es auch schwieriger, die Region zu halten. „Wenn es den Ukrainern gelingt, die russischen Versorgungsleitungen am Dnjepr abzuschneiden, können sie westlich des Flusses eine lokale Überlegenheit erreichen“, erklärt Richter. Dies erklärt die taktischen Erfolge Kiews im westlichen Cherson.

Aber die Kremltruppen reagieren darauf. Die Ukraine meldet massive Truppenbewegungen. „Dass die Russen Truppen aus dem Donbass in den Süden verlegen, ist ein Zeichen dafür, dass sie in bestimmten Gebieten mit einer relativ starken Offensive der Ukrainer rechnen“, sagte Militärexperte Carlo Masala im „Stern“-Podcast „Ukraine – die Location“. „.

Masalas Ansicht nach kann der Vorstoß der Ukraine in den Süden die Konzentration russischer Truppen im Donbass schwächen. Das betreffe auch die russische Strategie, „relativ kleine Territorien zu verteidigen oder Gebiete mit einer wahnsinnigen Konzentration an Personal und Material zu erobern“. Dafür waren die Kreml-Truppen damals zu weit auseinandergezogen. Jedenfalls, so der SWP-Experte Richter, habe die Ukraine im Donbass inzwischen zu Verzögerungstaktiken gegriffen. Nach dem Fall von Lysychansk vor einigen Wochen zogen sie ihre Truppen auf zuvor befestigte Verteidigungslinien zurück. Es hilft ihnen, wenn Russland versucht, mit weniger Kräften nach Slowjansk und Kramatorsk vorzudringen.

Zudem haben die Kreml-Truppen in den vergangenen fünf Monaten offenbar schwere Verluste erlitten. Laut Richter gibt es Überlegungen zur Teilmobilisierung. Damit sollen auch mehr Reservisten für den Süden zur Verfügung stehen. „Mal sehen, ob die Russen noch genug Reserven vor Ort bekommen“, sagt Richter. „Das heißt, am Ende stehen wir vor der Frage, wer mehr Materialreserven hat und diese schneller in den Kampf bringen kann.“ Obwohl die Russen aus den eigenen Reihen schöpfen können, ist fraglich, ob sie das Material schnell genug transportieren können. Andererseits ist die Ukraine auf westliche Waffenlieferungen angewiesen.

Darüber hinaus hat die Ukraine zwei neue Rollen zu spielen. Bislang sei die viel angekündigte Offensive Kiews im Süden operativ nicht erkennbar, sagt Richter. Die Kämpfe beschränken sich derzeit hauptsächlich auf taktische Vorstöße. „Für eine groß angelegte Offensive ist es wichtig, überlegene Kräfte zu bündeln und Feuer und Bewegung zu koordinieren“, erklärt der Militärexperte, „also Feuerstöße auch für die Vorwärtsbewegung zu nutzen.“ Ob die Ukraine dies operativ leisten kann, bleibt abzuwarten.

Das zweite Problem erwartet die Ukrainer, sollten sie die Provinzhauptstadt tatsächlich erreichen. „Es könnte ein spiegelbildliches Szenario geben“, sagt Richter, „dass die Ukraine Städte angreifen muss, die von den Russen gehalten werden. Weil sie dem Verteidiger den Vorteil der Deckung bieten, während der Angreifer seine überlegene Reichweite nur begrenzt nutzen kann, was er tun würde im Feldkampf haben.“ Das wäre die Umkehrung der Situation im Donbass. Plötzlich wären es die Russen, die die Ukrainer zu ermüdenden Häuserkämpfen zwingen würden. „Wenn man diese Vorteile nicht aufgeben und um jede Straße kämpfen will, führt das meist zur Zerstörung der zivilen Infrastruktur in den Städten.“

Wie das enden kann, zeigen bereits die zurückeroberten Siedlungen in Cherson. Der ukrainische Gouverneur Butriy sagte am Montag, dass einige dieser Städte „zu 90 Prozent zerstört“ seien und „noch heute unter ständigem Beschuss stehen“. Die humanitäre Lage in der Region bezeichnete er als „kritisch“. Vor Wochen hatte die ukrainische Militärverwaltung die Bevölkerung aufgefordert, das Gebiet um Cherson zu verlassen, was auch für die Provinzhauptstadt galt. Aber Richter sagt: „Davon sind wir noch weit entfernt.“



Leo V.
Leo V.
Ich arbeite seit ca. 4 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik, Unterhaltung, Technik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
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