Montag, Januar 24, 2022
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Der Wirecard-Skandal kommt als Schauspiel auf die Bühne

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Der Wirecard-Skandal kommt auf die Bühne: „Villa Alfons“ feiert Premiere am Staatstheater Mainz. Das Stück über Wirtschaftsbetrug hat mit der Glaubwürdigkeit zu kämpfen – weil die Wahrheit so unglaubwürdig ist.

Wirecard soll Deutschland Ansehen in der globalen FinTech-Branche verschaffen. Doch dann wurde der DAX-Finanzdienstleister zu einer gigantischen Blamage: für Wirtschaftsprüfer, für Aufsichtsbehörden, für Staatsanwälte, für Spitzenpolitiker. 23 Milliarden Euro Schaden, um ihre Ersparnisse gebrachte Kleinanleger und Whistleblower, die sowohl von deutschen Ermittlern als auch von halbseidenen Zahlen ins Visier genommen wurden. Eine traurige Anklage, die nun unter dem Titel „Villa Alfons“ auf die Theaterbühne kommt. Als Komödie.

Für den Autor, den Dramatiker David Gieselmann, ist die Katastrophe als Komödie kein Widerspruch: „Die Schauspieler einer Komödie wissen nicht, dass sie die Darsteller einer Komödie sind. Genau das ist das Dramatische.“

„Villa Alfons“ am Staatstheater Mainz amüsiert sich nicht über die Opfer des Wirecard-Skandals, sondern über das Wesen und vor allem das Auftreten der Banker. „Viel Bühnenkomödie entsteht aus der Konstellation, dass das Publikum mehr weiß als die Person auf der Bühne – zum Beispiel über den Liebhaber im Schrank.“ Im Falle von Wirecard machte sich Gieselmann diese Konstellation zu eigen und zitierte eine Figur von Woody Allen: „Comedy is tragedy plus time.“

Die Zeit heilt also alle Wunden so, dass man später darüber lachen kann? Der Heilungsprozess im Wirecard-Skandal ist weit über eineinhalb Jahre nach dem Zusammenbruch noch lange nicht vorbei: Wirecards zweiter Mann, Asien-Chef Jan Marsalek – in der Produktion heißt er „Jens Marlicek“ und wird von David Meyer gespielt – ist immer noch am Werk Internationaler Haftbefehl und Zugriff auf Millionen Euro laufen. Gegen Geschäftsführer Markus Braun – getauft im Stück „Markus Schwartz“ und gespielt von Klaus Köhler – wurde in der realen Welt keine Anklage erhoben. Die bis zu einer Verurteilung geltende Unschuldsvermutung macht es Wirecard-Opfern unmöglich, ein Geschäft mit dieser veritablen „Bad Bank“ abzuschließen. Die Wirecard-Wunde ist noch offen.

Trotzdem kann man über das Geschehen in der namensgebenden „Villa Alfons“, jener feudalen Unterkunft an einem der wichtigsten Stadtboulevards Münchens und „alternativen Firmensitz“, dem realen Setting und der Aufführung lachen. Mietpreis: 56.000 Euro. Im Monat. Hier trifft Marlicek auf obskure Zahlen, um für „Instacard“, wie Wirecard im Stück getauft wurde, jährlich 25 Prozent Wachstum zu erzielen. Dazu heißt es, Klitschen zu kaufen, BaFin-Beamte zu täuschen oder einen gewissen „Karl-Theodor von und zu Schlechtental“ eine Laudatio halten zu lassen.

Das Bühnenbild wird dominiert von einem Dachs, groß wie ein Elefant und Symbol des Deutschen Aktienindex. Schwartz will es erklimmen. Denn: „Viel besser als Sex: Wir sind im Deutschen Aktienindex“, singt er von der Bühne. „Rin in den DAX“, „Raus aus der mittelmäßigen Soße“. Am Ende – so viel sei verraten – gerät auch er in den Dachs, sehr charmant inszeniert und anders als erwartet.

Wirecard handelte. Das macht es einem Dramatiker einerseits leicht, sich die Gedanken der Protagonisten vorzustellen, lebt das Theater doch ebenso von Geschichten aus einer Scheinwelt wie der Betrüger: Der Zahlungsdienstleister kaufte Firmen in fernen Ländern überteuert als Kulisse mehr Beinfreiheit auf der Bilanz – nicht echt, aber beeindruckend; Malerische Verkaufszahlen sorgten für Theaterdonner auf dem Börsenparkett; und die Besetzung reichte bis zu testosterongefüllten Boxpromotern, die zusammen mit Anwälten, aber auch Staatsanwälten, die Kritiker einschüchterten; oder ein leitender Angestellter, der keinen Hehl aus seinem Antisemitismus machte.

„Wir haben zuerst den Text von David Gieselmann gelesen und waren absolut beeindruckt von dem, was er sich ausgedacht hat. Und dann haben wir erfahren, dass er gar nicht darauf gekommen ist. Wir saßen da und waren absolut geschockt“, sagt die Schauspielerin Kruna Savić, der sie als Journalistin Annegret Lopez wie eine Conférencière durch Wirecards Zeitreise führt.

Die Idee und Initiative, diesen unglaublichen Stoff auf die Bühne zu bringen, kam ursprünglich vom Staatstheater Mainz, erklärt Intendant Markus Müller: „Wir finden es wichtig, neuen zeitgenössischen Stoff auf die Bühne zu bringen, gerade wenn Themen uns bewegen.“ Als das Haus Gieselmann dann um die Umsetzung bat, war er wegen der komplizierten Finanzfrage zunächst skeptisch. „Irgendwann habe ich aber gesehen, dass die wesentliche Geste des Betrugs bei Wirecard eigentlich eine theatralische ist – nämlich die Behauptung. Bei Wirecard wurden Transaktionen, Gewinne, Unternehmen, Kapital, Konten und so weiter beansprucht, und wir auch.“ Ansprüche auf der Bühne geltend zu machen. Diese Parallele zu nutzen, hat mich gereizt.“

Diese Parallele droht vom Segen zum Fluch zu werden, doch die Komödie soll nicht zum Slapstick werden. Dass etwa Wirecard Schauspieler angeheuert haben soll, die Bankangestellte spielten, damit Wirtschaftsprüfer glaubten, tatsächlich in einer Bank zu sein, die für Wirecard Kapital verwaltet – das würde sofort aus jeder sinnvollen Bearbeitung am Stück gestrichen, schildert Gieselmann . „Das glaubt niemand! Aber genau das ist passiert, und es wurde auch geglaubt. In diesem Stück werden die absurdesten Dinge erzählt, die genau so passiert sind.“

So heißt „Villa Alfons“ für das Publikum zwei Stunden lang Lachen und Kopfschütteln. Dann Wut und Groll. Darüber, dass der Rechtsstaat all dies ermöglicht und bis nach China geworben hat. „Villa Alfons“ ist sehenswert – auch für Finanzexperten: Mainz verfügt über eine S-Bahn-Anbindung an das benachbarte Finanzzentrum Frankfurt. Auch die BaFin hat dort ihren Sitz.



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