Montag, Dezember 6, 2021
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Deutschlands verstecktes Impfproblem

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Der hatte mit dem Präsidenten gesprochen. „Wir haben beschlossen, ab dem 15. Juni 12- bis 18-Jährige impfen zu lassen“, sagte der französische Präsident Emmanuel Macron Anfang Juni dieses Jahres. Wie angekündigt, begann Frankreich sehr schnell, junge Menschen zu impfen. In Deutschland hingegen passierte damals gar nichts. Der Sommer kam – und die Republik wartete auf eine Entscheidung der Ständigen Impfkommission (Stiko). Am 16. August, zwei Monate nach Frankreich, empfahl die Stiko eine Impfung für 12- bis 18-Jährige.

Eine ähnliche Situation zeigt sich nun bei den fünf- bis elfjährigen Kindern. Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) hat am Donnerstag grünes Licht für die Impfung von Grundschulkindern gegeben. Wann auch der Stiko eine Empfehlung aussprechen wird, ist unklar.

In Deutschland ist die Frage der Kinderimpfung eine hochemotionale Debatte. Umso erstaunlicher, dass die Altersstruktur der Geimpften selten differenziert betrachtet wird. Dann wird klar: Für die Einschätzung der Pandemie-Situation ist es sehr relevant, wie viele Kinder und Jugendliche in einem Land leben – und wie viele davon geimpft sind.

Besonders aufschlussreich ist der Vergleich zwischen Deutschland und Frankreich. Die beiden bevölkerungsreichsten, mächtigsten und wirtschaftlich stärksten Länder der Europäischen Union unterscheiden sich in einem Punkt stark: dem Anteil der Kinder und Jugendlichen an der Gesamtbevölkerung.

Frankreich verfolgt seit den 1970er Jahren eine Politik, die darauf abzielt, den Geburtenrückgang zu stoppen. Es wurde frühzeitig in die Kinderbetreuung investiert.

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die in Deutschland erst vor rund 15 Jahren mit dem Ausbau von Kita und Elterngeld zu einem großen politischen Thema wurde, ist in Frankreich schon eine Generation länger Standard. Während Frankreich eine Geburtenrate von rund zwei Kindern pro Frau halten konnte, sank sie in Deutschland über einen sehr langen Zeitraum unter 1,5 Kinder pro Frau. Damit begann ein Prozess, der nun massive demografische Folgen hatte.

In Frankreich sind 21 Prozent der Bevölkerung unter 18 Jahre alt, in Deutschland sind es nur 16 Prozent. Frankreich hat mit rund 67 Millionen Einwohnern in absoluten Zahlen mittlerweile so viele Kinder wie Deutschland, wo rund 83 Millionen Menschen leben. Die Anteile der Altersgruppen an der Bevölkerung beider Länder weisen mittlerweile deutliche Abweichungen auf.

Während die „Alterspyramide“ in Frankreich eher einer Zwiebel gleicht – die Altersklassen der Kinder und Jugendlichen sind ähnlich stark wie die der Erwachsenen, sieht Deutschland eher aus wie ein Baum: unten ein spitz zulaufender Stamm mit schwachen Altersklassen für Kinder und Jugendliche . Die älteren Jahrgänge haben eine breite Baumkrone, die überproportional vertreten ist.

Dies hat Folgen für die Impfrate. Kinder und Jugendliche können nicht oder nicht so lange geimpft werden wie Erwachsene. Unter ihnen ist der Anteil der Geimpften naturgemäß geringer. In einem Land wie Frankreich zieht die große Zahl junger Menschen die Impfquote – noch mehr – als in Deutschland.

In Frankreich beispielsweise beträgt der Anteil der Geimpften an der Gesamtbevölkerung 77 Prozent, in Deutschland sind es 71 Prozent. Nimmt man jedoch die Kinder und Jugendlichen aus der Gleichung heraus, verdoppelt sich der Abstand fast. In Deutschland haben rund 82 Prozent aller Erwachsenen eine Grundimpfung erhalten, in Frankreich sind es 92 Prozent. Zehn Prozentpunkte mehr.

Nur acht Prozent der Erwachsenen in Frankreich haben noch keine Injektion erhalten. Es ist nicht bekannt, ab welchem ​​Anteil der Geimpften und Rekonvaleszenten in der Bevölkerung eine Herdenimmunität besteht oder ob diese überhaupt erreicht werden kann. Aber mit 92 Prozent geimpften Erwachsenen ist Frankreich diesem Ziel mit ziemlicher Sicherheit näher als Deutschland.

Darüber hinaus spricht ein zweiter Befund für eine schnellere Durchimpfung der Bevölkerung in Frankreich. Dazu muss man sich die Impfquoten der 12- bis 17-Jährigen anschauen. In Frankreich werden mittlerweile 75 Prozent dieser Altersgruppe mindestens einmal geimpft, in Deutschland sind es nur noch rund 50 Prozent.

Es stimmt, dass Frankreich zwei Monate früher als Deutschland mit der systematischen Impfung junger Menschen begonnen hat. Allerdings ist es in Deutschland nun drei Monate her, dass der Stiko seine Impfempfehlung für diese Altersgruppe herausgegeben hat – genug Zeit, um Kinder impfen zu lassen. Wäre es nur ein Aufholeffekt in Deutschland, müsste die Zahl der nur einmal geimpften Jugendlichen in Deutschland deutlich höher sein als in Frankreich.

Aber auch das ist nicht der Fall. Nur ein sehr kleiner Teil der deutschen Jugendlichen hat nur eine Impfung erhalten, 45 Prozent sind bereits zweimal geimpft. Dies könnte darauf hindeuten, dass von den Eltern, die ihre Kinder noch nicht impfen lassen, sehr viele auch nicht mehr geimpft werden.

Und es deutet darauf hin, dass Impfungen für Nachkommen in Frankreich stärker akzeptiert werden als in Deutschland. Sollte sich nach der EMA-Zulassung am Donnerstag bei den Fünf- bis Elfjährigen in den kommenden Wochen und Monaten ein ähnliches Bild abzeichnen, könnte sich der Abstand zwischen dem Anteil der Geimpften in Deutschland und Frankreich noch einmal vergrößern. Die Chance, die Pandemie mit ausreichend geimpften und rekonvaleszenten Menschen zu überwinden, dürfte im Nachbarland noch höher sein als in Deutschland.

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