Dienstag, Oktober 19, 2021
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„Die Kirche ist in der Tat keine Demokratie“

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Papst Franziskus erfindet die Synode neu: Kleriker und Laien aus 4000 Diözesen diskutieren jetzt drängende Probleme wie sexuellen Missbrauch. Aber es ist kein Umsturz.

Franziskus schickt seine Kirche auf eine lange Reise, mit Etappen und Etappen, die sie in ihrer Geschichte noch nie gesehen hat. Der synodale Weg der katholischen Weltkirche, also die Weltsynode, soll zwei Jahre dauern. Es beginnt an diesem Samstag mit einem Workshop im Synodensaal im Vatikan und am Sonntag mit einer Papstmesse im Petersdom. Auf dem langen Weg sind potenziell alle eingeladen: 4.000 Diözesen mit 1,3 Milliarden Gläubigen.

Synoden, beratende Versammlungen, gibt es seit 1965 als Bischofssynoden, bei denen sich der Papst von ausgewählten Bischöfen beraten lässt. Franziskus erfindet es jetzt neu: Diesmal sind Geistliche und Laien dabei, und die Beratung soll die ganze Welt umfassen. In der ersten Phase, die sechs Monate dauert und in einer Woche beginnt, diskutieren die Ortskirchen in ihren jeweiligen Heimatländern.

Nach den lokalen Konsultationen werden die Erkenntnisse aus allen Diözesen gesammelt, zusammengefasst und an die nächsthöhere Ebene weitergegeben. Dann wird auf kontinentaler Ebene diskutiert, ebenfalls für sechs Monate. Das Synodensekretariat leitet dann aus allen Materialien ein Arbeitspapier ab, das als Grundlage für die letzte Bischofssynode in Rom im Oktober 2023 dienen soll. Nach diesem Treffen mit seinen Bischöfen wird der Papst ein Apostolisches Schreiben formulieren. Das kann ein paar Monate dauern – und genau da geht es.

Es ist offenbar beabsichtigt, dass sich die Weltsynode mit bereits laufenden nationalen „Projekten“ überschneidet und möglicherweise kreuzt, wie der Chef des Synodensekretariats, Kardinal Mario Grech aus Malta, sie etwas unglücklich nannte. Das deutsche „Projekt“, der dort seit Dezember 2019 beschrittene Synodenweg, wird in Rom dennoch mit Argwohn betrachtet: Muss man die vielleicht etwas zu pluralistischen Deutschen fangen? Man sei bereit, die nationalen Wege zu „vernetzen“, sagte Grech immerhin.

Laut Jorge Mario Bergoglio geht es bei dieser Weltsynode nicht darum, auf bestimmte Themen in die Tiefe zu gehen. Vielmehr besteht der Papst darauf, beim Zusammensein in der Kirche einen neuen Stil zu praktizieren. Es geht mehr um eine neue Mentalität als um neue Strukturen. „Für eine Synodenkirche: Gemeinschaft, Teilhabe, Mission“ lautet das Motto.

Die vorbereitenden Dokumente, die den Weg weisen sollen, enthalten nur sehr schematische Themenvorschläge. Man greift die Diskussion um den Umgang mit Missbrauchsskandalen auf, die in Deutschland, Irland und Australien zu „nationalen Projekten“ geführt haben. Die Kirche müsse sich „der Last einer von Klerikalismus geprägten Kultur bewusst werden“, heißt es. Es gebe „Formen von Autorität, aus denen verschiedene Arten von Missbrauch hervorgehen können“.

Die Weltkirche lässt das Thema sexuellen Missbrauch nicht los. Erst vergangene Woche erschütterte ein Bericht aus Frankreich die Menschen: 216.000 Kinder und Jugendliche wurden seit 1950 Opfer sexueller Gewalt durch Priester und Ordensleute, schätzt eine unabhängige Untersuchungskommission. Er schäme sich, sagte Franziskus nach der Veröffentlichung, „schämte sich für die viel zu lange Unfähigkeit der Kirche“, die Betroffenen in den Mittelpunkt zu stellen.

Auch Kardinal Seán Patrick O’Malley, Präsident der Päpstlichen Kommission für den Schutz Minderjähriger und Erzbischof von Boston, bat „demütig um Vergebung“. Er erklärte: „Wir haben noch einen langen Weg vor uns, um Missbrauch in unserer Kirche und in der Gesellschaft insgesamt zu bekämpfen. Wir werden diesen Weg nicht müde werden.“

Allerdings: Eine Weltsynode ist kein Kirchenparlament, betonte Kardinal Grech. Am Ende entscheidet immer der Papst in seiner Rolle als absoluter Monarch. Vielleicht haben einige Hoffnungen, die dies nur ungern tun? „Die Kirche ist eigentlich keine Demokratie, sondern besteht aus einem Episkopat mit dem Papst an der Spitze“, sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, dem Bayerischen Rundfunk. Einerseits.

Auf der anderen Seite plädiert Bätzing für „viel demokratischere Prozesse“. Das ist durchaus vereinbar mit der hierarchischen Struktur der Kirche. „Es schadet nicht! Es kann nur nützen, eine große Zahl von Menschen, Gläubigen aller Ebenen und aller Nationalitäten einzubeziehen“, appelliert Bätzing an Verständnis. Er denkt wohl an den erschreckenden französischen Missbrauchsbericht, wenn er auch sagt: „Wer immer noch sagt, die Kirche habe kein Systemproblem, ist blind.“

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