Dienstag, Dezember 6, 2022
StartNACHRICHTENDie WM-Hymne nicht mitsingen: Iranische Nationalmannschaft: Ein Protest mit Folgen

Die WM-Hymne nicht mitsingen: Iranische Nationalmannschaft: Ein Protest mit Folgen

- Anzeige -

Noch ist nicht klar, was Schweigen während der Nationalhymne bei der WM für iranische Fußballer bedeutet. Nun könnten auch ihre Familien in Gefahr sein.

Selten war der iranische Nationaltrainer Carlos Queiroz so außer sich wie nach der Niederlage gegen England (2:6) bei der WM im Zelt des Khalifa International Stadium. Journalisten aus aller Welt trugen Masken, als ein Fußballlehrer zu Atem kam. „Moralisten und Lehrer, lasst die Kinder spielen. Nimmt ihnen nicht den Spaß und die Freude weg“, sagte er gegenüber Reportern.

Mit Kids meinte der 69-Jährige seine Kicker, die wirklich seine Kids sein könnten. „Es ist nicht fair, sie Dinge zu fragen, für die sie nichts tun können.“ Damit wollte er die Proteste im Iran ansprechen. Der zurückgekehrte Bundestrainer glaubt, seine Spieler könnten es angesichts der „explosiven Umstände“ (Queiroz) niemandem recht machen.

Durch Schweigen beim Abspielen der Nationalhymne – niemand bewegte die Lippen – nahm das Team eine kritische Haltung gegenüber dem Mullah-Regime ein, das nach dem Tod des jungen iranischen Kurden Mahsa Amini die Protestbewegung im eigenen Land gewaltsam unterdrückte.

Die Spieler des „Team Melli“, wie die Nationalmannschaft genannt wird, haben sich nun in eine schwierige Lage gebracht. Einerseits trafen sie vor dem Turnier Präsident Ebrahim Raisi und Hassan Abbais, den Chefstrategen der Revolutionsgarden, und vermittelten einen Eindruck von Loyalität gegenüber der Regierung. In Katar versicherten die Spieler des Trainingsgeländes des SC al-Rayyan selbst, dass ihr Job nur Fußball sei.

Das Regime sei verärgert und werde abschätzen, wie und wann Fußballer ihre Wut spüren. In jedem Fall müssen Angehörige mit Druck rechnen. Darüber sei noch nichts bekannt, sagen Aktivisten der Berliner Organisation Discover Football, die über Iran-Themen bestens informiert ist.

Die unter direktem Einfluss der Regierung stehende iranische Zeitung „Keyhan“ empört: „Die unpatriotischen Spieler haben die Nationalhymne nicht gesungen.“ Manchen Frauen im Stadion liefen damals die Tränen über die Wangen. Soziale Netzwerke zeigten, dass auch andere „Biharaf“ riefen. Das bedeutet „schändlich“ – und wird im Zuge der anhaltenden Proteste von Polizisten, Revolutionsgarden und Mullahs zur Moral aufgerufen.

Einige skandierten sogar den Namen von Ali Karimi. Zusammen mit Ali Daei ist der ehemalige Bundesliga-Profi der beliebteste Fußballer des Landes, der durch seine klare Unterstützung der Demonstranten für viele zum Nationalhelden geworden ist. Noch ist nicht klar, wie der eng mit den Machthabern verbündete Islamische Fußballverband des Iran (FFIRI) vorgehen wird.

Bundestrainer Queiroz will sich ganz auf den Sport konzentrieren und kündigt für das anstehende Spiel gegen Wales (Freitag) beherzt einen Sieg an. Sonst wäre das Aus wahrscheinlich schon vor dem politisch hochbrisanten letzten Gruppenspiel gegen die USA (29. November) besiegelt.

Es gibt erste Spekulationen darüber, was bei der Rückkehr passieren wird. Denkbar ist, dass Spieler zu Äußerungen gezwungen werden, die lauten: „Wir waren so aufgeregt und überwältigt, dass wir den Text vergessen haben.“

Das ultrakonservative Regime tat dasselbe mit der Kletterin Elnaz Rekabi, die bei den Asienmeisterschaften ihren Schleier abnahm. In der Folge wurde die Sportlerin offenbar stark unter Druck gesetzt und ihre Aussage vor laufenden Kameras des Staatsfernsehens so korrigiert, dass sie kurzfristig vorgeladen wurde und keine Zeit mehr hatte, das Kopftuch zu tragen.

Laut BBC Persian wurde sie gezwungen, sich zu entschuldigen, und die Behörden drohten, das Eigentum ihrer Familie zu beschlagnahmen.

Leo V.
Leo V.
Ich arbeite seit ca. 4 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik, Unterhaltung, Technik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
ZUGEHÖRIGE ARTIKEL

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Anzeige

Am beliebtesten

Letzte Kommentare