Sonntag, Januar 23, 2022
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Ein halbes Jahr nach dem Hochwasser Im Ahrtal ist vieles noch provisorisch

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Das Jahrhunderthochwasser 2021 vor einem halben Jahr ist eine der schlimmsten Naturkatastrophen, die Deutschland je gesehen hat. Mehr als 180 Menschen sterben, Tausende Menschen sind in Not. ntv-Reporterin Fabricia Karutz ist eine von ihnen.

Gabi Gasper liebt es, durch Altenburg zu radeln. Daran hat auch das Hochwasser nichts geändert. Helfer retteten ihr Fahrrad aus dem Schlamm und machten es wieder sauber und fit. Gabi bremst, als sie mich sieht. Unsere Familien kennen sich schon lange. Gemeinsam gehen wir durch ihr zerstörtes Dorf. „Geht es dir jetzt besser als kurz nach der Flut?“ Ich frage Sie. Gabi schüttelt den Kopf: „Nein, mir geht es aktuell schlechter als kurz nach der Flut. Wir zittern um unser Haus. Zuerst waren wir damit beschäftigt, Schlamm zu schleppen und zu entkernen. Jetzt trocknet es und wir wissen nicht, ob unser Haus stehen wird.“ kann.“

Gabi schiebt ihr Rad durch die menschenleeren Straßen, rund 90 Prozent der Häuser in Altenburg sind wegen der Überschwemmungen unbewohnbar. Wir betrachten eine Hausfassade. „Das Haus wird abgerissen, und das auch und das auch!“ zeigt sie mir wehmütig.

Von außen sieht man Gabis Haus in der Flutnacht nicht: Die Backsteinfassade wirkt unberührt, auf der Fensterbank steht noch Weihnachtsschmuck. Doch der Schein trügt. Innen: Schale – und ein stechender Geruch. Im Wasser schwimmendes Heizöl hat die Wände durchnässt. Das Ehepaar Gasper führt regelmäßig Schadstoffmessungen durch, doch wann genau eine Gesundheitsgefährdung vermutet wird und das Haus abgerissen werden muss, kann ihnen bislang kein Experte sagen.

Als das Wasser am Abend des 14. Juli weiter stieg, versuchten Gabi und ihr Mann, alles Wichtige zu retten. Zuletzt haben sie das Album mit Bildern ihres viel zu früh verstorbenen Sohnes im obersten Schrank im Obergeschoss deponiert, damit sie wenigstens noch Fotos ihres Kindes haben. Und dann kletterten sie auf die Fensterbank. „Wir blieben die halbe Nacht dort und hielten einen Baumstamm in der Hand, falls wir schwimmen mussten. Ich habe nicht einmal das Seepferdchen.“ Aber sie mussten nicht schwimmen. Das Wasser stand ihnen „nur“ bis zur Hüfte. „Verfolgt dich diese Nacht?“ Ich frage Gabi. „Nein“, sagt sie, „daran träume ich nicht mal…“ Nach einer Pause fügt Gabi mit einem Blick in die Ferne hinzu: „Wir leben…!“

180 Menschen starben in dieser Nacht. Allein im Ahrtal kamen 135 Menschen ums Leben. Für die Überlebenden hat eine neue Ära begonnen: vor der Flut und nach der Flut. Hier ist fast nichts mehr wie es war, denn das Ahrtal ist nicht mehr in erster Linie als idyllische Weinbauregion bekannt. Jetzt ist es immer ein Katastrophengebiet.

Auch in Altenahr mussten viele vom Hochwasser betroffene Häuser abgerissen werden. Die Gebäude, die stehen bleiben konnten, wurden nun in den Rohbau versetzt und brauchen nun Zeit zum Trocknen.

Ein halbes Jahr zuvor: Meine Heimatstadt Mayschoß war durch das Hochwasser von der Außenwelt abgeschnitten. Wo einst die Hauptstraße hinführte, befindet sich ein acht Meter tiefer, mit Wasser gefüllter Krater. Die Naturgewalt hat die Zufahrtsstraße weggesprengt. Wir versuchen, zu meinem Elternhaus zu gelangen, aber der Weg dorthin ist unter Schutt und Treibgut begraben. Wir fühlen uns wie auf einem anderen Planeten. Für meinen Job als Reporter habe ich aus einigen Krisengebieten berichtet. Diesmal bin ich selbst betroffen und hatte nicht vor, eine Reportage zu drehen. Aber wenn wir die enorme Zerstörung sehen, wird mir klar: Wir müssen diese unglaublichen Bilder festhalten.

Heute sind die meisten Trümmer weggebaggert und die Straßen zugeschüttet. Vieles im Ahrtal ist noch Provisorium, alle paar Meter fährt man durch Baustellen und tiefe Schlaglöcher. Dank der überwältigenden Hilfs- und Spendenbereitschaft wurde viel mehr erreicht, als die Betroffenen jemals zu hoffen wagten. Doch auch heute, ein halbes Jahr nach der Katastrophe, steht das Ahrtal vor großen Herausforderungen. Die Flut hat Menschen traumatisiert und Schäden in Milliardenhöhe hinterlassen. Jeden Tag befinden wir uns inmitten des größten Wiederaufbauprojekts, das seit dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland stattgefunden hat.

Den 20-minütigen Beitrag „Ahrtal – so fühlen sich die Menschen heute“ sehen Sie am Samstag, 15. Januar, um 8.30 Uhr auf ntv oder jederzeit online auf RTL+.

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