Freitag, Juni 24, 2022
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Ein ukrainisches Dorf wurde als Geisel gehalten

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Das ukrainische Dorf Yahidne in der Region Tschernihiw war mehr als einen Monat lang von russischen Truppen besetzt. Die Bewohner müssen nun wieder aufbauen, Minen räumen – und traumatische Erlebnisse verarbeiten.

Der alte Pedro hackt Holz im Garten vor seinem Haus. Er schwitzt etwas und schiebt seine helle Schirmmütze aus dem Gesicht. „Ich hatte vier Meter Brennholz und alles war verbrannt. Wenn der Winter kommt, brauche ich neues“, sagt er. Doch nicht nur die vier Meter Holz gingen in Flammen auf.

Pedro lebt mit seiner Familie im Norden der Ukraine. Sein Dorf Yahidne in der Region Tschernihiw war mehr als einen Monat lang von russischen Truppen besetzt. Bereits im März wurden viele Häuser dem Erdboden gleichgemacht und fast 150 der 180 Häuser beschädigt.

Während der Besetzung des kleinen Dorfes werden rund 350 Dorfbewohner im Keller der Dorfschule eingesperrt. Im Dunkeln, ohne Essen – und Demütigungen ausgesetzt. Auch der 71-jährige Pedro wird von der russischen Armee als Geisel gehalten. „Nicht alle haben reingepasst, es gab nicht genug Luft für alle und manche sind erstickt“, sagt er. „Dreizehn Menschen sind gestorben, zwei davon in meinem Alter und älter.“

Die älteste Geisel ist 93 Jahre alt. Und 77 Kinder sind im dunklen Keller der Schule eingesperrt, das jüngste ein Baby von anderthalb Monaten. Rund um die Dorfschule sind noch Zerstörungen und Spuren der Besetzung, wie Schützengräben, zu sehen.

Außerhalb des Kellers erschießen die Besatzer ebenfalls mindestens sieben Menschen. Sie plündern die Vorräte der Dorfbewohner und schlachten ihre Schweine und Hühner. Sie zerstören Fahrräder, Mühlen, das Getreide.

Menschen dürfen das Kellergefängnis nur für den dringendsten Bedarf verlassen, und auch nicht immer, sagt Anatoly Vasylchenko vom ukrainischen Katastrophenschutz, der vor der Dorfschule steht: „Die russische Armee hat viel zerstört Stellungen waren in den Wäldern und sie hatten sie hier Munitionsdepots. Wir haben genommen, was verwendbar ist, und wir entsorgen und zerstören den Rest.“

In den Wäldern, auf Feldern, auf Friedhöfen, auf Wiesen oder einfach am Straßenrand: Rund um Jahidne und in der gesamten Region Tschernihiw liegen unzählige Blindgänger – Munition, Mörsergranaten, Marschflugkörper.

Kampfmittelräumer wie Mikhail Ilyev brauchen Unterstützung aus dem ganzen Land. Er ist Chef der Pyrotechnik- und Minenräumungsgruppe des ukrainischen Zivilschutzes in der Region Tschernihiw. „Um das Dorf Jahidne herum liegt noch viel Munition, die wir sammeln müssen“, sagt Ilyev. „Wir müssen das gesamte Gebiet durchsuchen und zerstören, was wir finden.“

Im umliegenden Wald sprengen die Kampfmittelräumer einige ihrer Funde. Auf den lauten Knall folgt das Geräusch herabfallender Teile.

In Jahidne macht derweil ein Sprengstoffräumagent den Dorfbewohner Pedro auf die vielen Gefahren aufmerksam, die den alten Mann noch immer umgeben. Ein Flugblatt zeigt verschiedene Minen, die Menschen heimtückisch töten und verletzen sollen, darunter die besonders berüchtigte Antipersonenmine Pom-2, deren tödliche Stolperdrähte sich bis zu zehn Meter ausbreiten können.

Pedro zeigt das Flugblatt dann seinem Sohn. „Ich gehe sowieso nirgendwo mehr hin“, sagt er. „Als junger Mann habe ich zwei Jahre in Mariupol gelebt“, sagt er wehmütig und blickt auf die Trümmer seines Lebens.

Der Wiederaufbau von Haus und Garten wird ihm mit einer Rente von umgerechnet unter 100 Euro schwer fallen. „Ja, es gibt auch gute Leute in Russland“, wehrt er sich dann. „Aber Versöhnung unter Putin? Nein. Ich denke, der Krieg wird irgendwann enden, aber es wird keine Versöhnung geben, weil sie bis zum Ende gehen werden.“



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