Freitag, Oktober 7, 2022
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Eine Million statt 300.000? von Russland "Teilmobilisierung" könnte viel größer sein

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Offiziell handelt es sich um eine Teilmobilmachung, von der 300.000 kampferfahrene Reservisten betroffen sind. Allerdings hat die in Russland verbotene „Nowaja Gaseta“ Hinweise darauf, dass Putins Erlass im geheimen Punkt sieben eine ganz andere Zahl enthält. Kreml-Sprecher Peskow nannte den Bericht eine Lüge.

Kurz nachdem der russische Präsident die Teilmobilmachung angekündigt hatte, waren Flüge aus Russland in Länder, in die Russen ohne Visum reisen können, ausgebucht. Tickets nach Istanbul, Dubai, in die armenische Hauptstadt Eriwan oder ins kasachische Almaty gab es für die nächsten Tage entweder gar nicht oder nur zu deutlich höheren Preisen als sonst.

Behörden berichteten auch, dass an der Grenze zu Finnland mehr Verkehr als sonst herrschte, wenn auch nicht so viel wie am Wochenende zuvor. Vor allem junge Russen haben offenbar Angst davor, in den Krieg gegen die Ukraine geschickt zu werden. Bisher hat Russland seine Grenzen für Reservisten nicht geschlossen, zumindest nicht offiziell und nicht vollständig.

Die ausgebuchten Flüge sind ein Indiz dafür, dass nun auch die Söhne der russischen Mittelschicht in Moskau und St. Petersburg Angst haben, an die Front geschickt zu werden. Putin sagte am Mittwoch, dass „nur Bürger, die sich derzeit in Reserve befinden und über bestimmte militärische Berufe und einschlägige Erfahrung verfügen“, eingezogen werden sollten. In seinem Dekret wird auch ausdrücklich von einer „Teilmobilisierung“ gesprochen.

Doch der vom Kreml veröffentlichten Fassung des Zehn-Punkte-Dekrets fehlt nicht nur ein Hinweis auf das Ausmaß der Mobilisierung, sondern auch Punkt sieben in seiner Gesamtheit. Nachdem dies Journalisten aufgefallen war, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow am Mittwoch, der Absatz sei als vertraulich eingestuft worden. Der Online-Zweig der russischen Exilzeitung „Nowaja Gazeta“, die im Exil in Riga produziert wurde, will herausgefunden haben, was sie sagt.

Die Zeitung berichtet unter Berufung auf eine Quelle in der russischen Präsidialverwaltung, dass der geheime siebte Absatz es dem Verteidigungsministerium erlaube, eine Million Menschen einzuberufen. Am Vortag hatte Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu die Einberufung von 300.000 Mann angekündigt.

„Die Zahl wurde mehrfach korrigiert und schließlich auf eine Million festgelegt“, wird die Quelle zitiert. Laut Novaya Gazeta gab es in der russischen Regierung Streit darüber, ob Punkt sieben veröffentlicht wird; Vertreter des Verteidigungsministeriums hatten sich dafür ausgesprochen, die tatsächliche Zahl bekannt zu geben.

Peskow dementierte den Bericht umgehend. „Das ist eine Lüge“, sagte der Kreml-Sprecher der staatlichen Agentur Ria Novosti. Shoigu sprach von „bis zu 300.000 Menschen“. Diese würden aber nicht „auf einmal“ beschlagnahmt.

Der Präsidialerlass zur „Teilmobilisierung“ liest sich Beobachtern zufolge so, als sollten ohnehin möglichst viele Menschen rekrutiert werden. Offenbar gibt es keine rechtlichen Hürden, die Zahl von 300.000 zu überschreiten.

Dass nicht einmal die von Putin erwähnte militärische Vorerfahrung notwendig ist, zeigen Einzelfälle: Aus der russischen Republik Burjatien, die an der Grenze zur Mongolei liegt, berichtet die oppositionelle Nachrichtenseite „Mediazona“ unter Berufung auf lokale Telegram-Kanäle von Razzien in einzelnen Dörfern . Die Seite zitiert das Portal „Tayga.info“, dass ein 38-jähriger Familienvater ohne militärische Erfahrung eingezogen wurde. Dem Bericht zufolge muss Burjatien 4.000 Soldaten für den Krieg gegen die Ukraine stellen.

Russland führt seinen Krieg „zum Schutz Russlands und unseres Volkes“, wie es Putin am Mittwoch ausdrückte, vor allem mit Angehörigen ethnischer Minderheiten. „Die meisten Soldaten kommen nicht aus den urbanen Zentren, nicht aus Moskau oder St. Petersburg, sondern aus den Randgebieten des Landes, aus Städten, deren Namen die meisten Europäer noch nie gehört haben“, sagt Militärhistoriker und Oberst im Austrian Armee Markus Reisner.

Nach einer Berechnung der russischsprachigen BBC-Website vom Juli stammten die in der Ukraine getöteten Soldaten vor allem aus den Republiken Dagestan im Nordkaukasus, aus Burjatien und der südrussischen Region Krasnodar. „Das ist das schmutzige Geheimnis des russischen Militärs: Russlands Untertanen aus der Peripherie – Burjaten, Dagestanis, Tuwaner – sind Putins Kanonenfutter“, schreibt der russische Journalist Alexey Kovalev in der Zeitschrift Foreign Policy.

Viele Russen wollen das Schicksal ihrer Landsleute aus der Peripherie vermeiden. Einige von ihnen reagierten auf die Mobilisierung nicht mit der Flucht aus dem Land, sondern mit Protesten. Nach Angaben des Bürgerrechtsportals OVD-Info wurden in 42 Städten mehr als 1.320 Menschen festgenommen. Allein in Moskau gab es 537 Festnahmen.

Besonders perfide war das Vorgehen der Behörden in der russischen Stadt Woronesch, gut 500 Kilometer südlich von Moskau. Von den mindestens 17 dort festgenommenen Personen erhielten laut Mediazona mehrere Männer Vorladungen zum Militärregistrierungs- und Rekrutierungsamt für den 23. September.

Eine ganz andere Frage ist, ob es aus militärischer Sicht überhaupt Sinn macht, so viele Reservisten an die Front zu schicken. „Wenn man 300.000 Reservisten einberufen, locker ausbildet und direkt in die Ukraine schickt, ist das nicht effizient“, sagte Militärexperte Gustav Gressel im Gespräch mit The Aktuelle News. „So bekommt Russland keine mächtige Militärmaschine.“

Leo V.
Leo V.
Ich arbeite seit ca. 4 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik, Unterhaltung, Technik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
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