Samstag, Juni 25, 2022
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Eine moralische Entgleisung samt Entführungsfall zeigt die Folgen der Corona-Verschwörungsmythen

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Andreas und Anna E. entführen ihre Kinder aus früheren Beziehungen nach Paraguay. Monate später stellen sie sich der Polizei. Der Fall ist ein Beispiel dafür, dass die Corona-Verschwörungsmythen tief ins Privatleben eingreifen.

„Wir sind die Familie Egler, die jetzt weltweit gesucht wird, wie Verbrecher, wie Mörder, wie Verbrecher.“ Das sagt Andreas E. in einem Video, in dem er mit seiner Frau Anna und den gemeinsamen Kindern Lara und Clara zu sehen ist. E. und seine jetzige Frau wurden damals von Interpol gesucht, weil sie ihre Töchter ohne Wissen der anderen Eltern nach Paraguay entführt hatten. Dort werden sie Ende November 2021 verschwinden. Unter dem Druck einer Fahndung stellen sie sich schließlich den Behörden.

Das Paar teilte das Video auf Telegram und gibt damit auch einen Einblick in ihre Konstitution. Deutlich wird, dass Anna und Andreas E. ihre ehemaligen Partner und andere Eltern nicht mehr in ihr Familienkonzept einbeziehen. In einem Vatertagsvideo auf Facebook erinnerte Laras Vater Filip B. kürzlich an die Zeiten, als das Patchwork-Konzept der Familie ein anderes Leben möglich machte. Aber nach dem Verständnis von Andreas und Anna E. „die E-Familie“. anscheinend nur vier Personen.

Schon in dem mehrseitigen Brief, in dem das Paar sein Untertauchen gegenüber den Familien rechtfertigte, wurde deutlich, dass beide tief in der Welt der Verschwörungsmythen stecken. „Wir beobachten die politische Situation in diesem Land seit langem genau und sind uns jetzt sicher, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis bürgerkriegsähnliche Zustände eintreten, sowie Lebensmittelknappheit, Stromausfälle, ein kompletter wirtschaftlicher Zusammenbruch, weitere Pandemien und andere unvorstellbare Katastrophenszenarien“, schrieben sie. Sie empfanden die familiären Diskussionen über ihre Kritik an den Corona-Maßnahmen als Verachtung, sahen ihre Sorgen lächerlich gemacht, fühlten sich missverstanden und agierten zunehmend als die Einzigen, denen das Wohl ihrer Kinder am Herzen liegt.

Sektenforscher kennen das Muster aus dem Radikalisierungsprozess vieler anderer Menschen. Aus einem gemeinsamen Wir wird immer mehr ein Du und Wir, das Wir ist mit überzogenen moralischen Werten aufgeladen, die Sie zunehmend abwerten. Damit wird auch fragwürdiges Verhalten gerechtfertigt, in diesem Fall Kindesentführung. Die ES sehen Deutschland nicht nur als „Überwachungsstaat“, in dem „Angst, Krieg und Seuchen“ drohen, sondern vermuten auch ein „Menschenexperiment (…) mit bislang unbekanntem Ausgang“. Und sie sind in ihrer Lesart im Gegensatz zu ihren ehemaligen Partnern diejenigen, die bereit sind, die Kinder zu schützen.

Schon damals betonten sie, dass die Flucht mit den Kindern besprochen worden sei. „Wir hätten niemals einen von ihnen gegen ihren Willen genommen.“ Auch das Video vom 31. Mai erweckt den Eindruck, dass die zehn- und elfjährigen Mädchen für eine Flucht nach Paraguay sind. Clara E., deren Haare offenbar gefärbt waren, sagt: „Wir haben in Deutschland schon gesagt, dass wir bei Anna Maria E. und Andreas Rainer E. wohnen wollen, aber wir wurden nicht gehört.“ Der Satz wirkt einstudiert. Auch Lara B. sagt: „Bitte lasst uns in Ruhe“, Anna E. ist zu hören „Bitte trennt uns nicht“. Alle wirken erschöpft und angespannt.

Die Erwachsenen präsentieren sich eindeutig als Opfer. Bereits 2021 verwies das nordrhein-westfälische Innenministerium in einer Sonderpublikation zu Verschwörungsmythen und Corona-Leugnern auf den Topos des Helden, „der aus einem unscheinbaren Alltag herausgeholt wird, um gegen die ‚ Mächte der Finsternis‘“. Die Experten kommen zu dem Schluss, dass die mit Verschwörungsmythen aufgeladenen Geschichten geeignet sind, eine „Toleranz für Handlungen“ zu schaffen, die strafbar sein kann. Im Fall von Andreas und Anna E. handelte es sich offenbar um einen Verstoß gegen die mit den anderen Eltern getroffenen Sorgerechtsvereinbarungen.

Kein Wunder, dass sie die Kinder nach Paraguay brachten. Immer wieder gab es deutsche Einwanderungswellen im Land. Im Zuge der Corona-Pandemie haben mehrere tausend Deutsche das Land als neue Heimat gewählt, weil die Maßnahmen dort zunächst nicht so streng waren. Allein im vergangenen Jahr haben sich nach Angaben der paraguayischen Migrationsbehörden 3.440 Deutsche in Paraguay niedergelassen. Viele von ihnen waren noch nie in Südamerika und haben keine Sprachkenntnisse.

Viele der Einwanderer zieht es deshalb in die deutschsprachigen Kolonien, wo Schweizer, Österreicher und Deutsche bereits relativ isoliert von der paraguayischen Gesellschaft leben. In einer dieser Enklaven wurden die Es vermutet. Medienberichten zufolge hatten sie mit dem Bau eines Hauses in La Colmena begonnen. Ein Festnahmeversuch im Dorf scheiterte im Januar. Anna und Andreas E. waren bereits mit den Kindern geflüchtet.

Nach Angaben der Behörden wurden sie bei ihrer Flucht von diesen Emigrantengruppen unterstützt. Schnell wird klar, dass Geld wahrscheinlich eine Rolle spielen wird. Die Polizei nahm einen Mann fest, der dem Paar ein Auto verkauft hatte. Auch der vermeintlich unproblematische Kauf von Grundstücken und Häusern wird in vielen Chatgruppen immer wieder thematisiert. Gleichzeitig warnen lokale Behörden und jetzt auch das Auswärtige Amt davor, Immobilien zu kaufen, die Sie nicht besichtigt haben, und Verträge zu unterzeichnen, die Sie nicht verstehen.

Auch das Narrativ von Paraguay als dem Land, in dem es keine Corona-Maßnahmen gibt, ist ein Mythos. Obwohl zunächst kein Impfnachweis verlangt wurde, lag dies vor allem daran, dass Paraguay nicht über ausreichend Impfstoff verfügte. Deshalb ist die Impfrate auch heute noch niedrig, die Zahl der Todesfälle aber hoch. Einer von zehn der sieben Millionen Einwohner erkrankte an dem Virus, fast 19.000 starben.

Für den Impfstoff setzt das Land nun auf Quoten der Covax-Initiative. Das inzwischen verabschiedete Pandemiegesetz sieht drastische Bußgelder oder 30 Tage Sozialdienst für diejenigen vor, die der Maskenpflicht in öffentlichen Gebäuden nicht nachkommen. „Die meisten, die kommen, sind nicht geimpft“, sagte der Bürgermeister von Hohenau, Enrique Hahn, kürzlich in einem Interview über die Migranten, denen es nicht überall so gut ging. „Man muss wissen, dass es auch hier Gesetze gibt.“

Laut „Stern“ haben einige Auswanderer Paraguay bereits den Rücken gekehrt. Sprachprobleme, geringe Verdienstmöglichkeiten, das extreme Klima und Mentalitätsunterschiede treiben sie wieder zurück. Anna und Andreas E. entschieden sich schließlich, sich selbst zu stellen. Die Kinder sind in der Obhut der paraguayischen Behörden. Nach monatelanger Funkstille gelang es, mit dem Paar Kontakt aufzunehmen und wieder in einen Austausch zu kommen. „In vielen Gesprächen reifte die Erkenntnis, dass die Beendigung der Flucht die einzige Option ist – gerade zum Wohl des Kindes“, erklärten die die Lösung begleitenden Anwälte. Und vielleicht auch die Erkenntnis, dass Paraguay auch kein Rechtsvakuum ist.

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