Mittwoch, Dezember 7, 2022
StartNACHRICHTENEiner "Frage der Gerechtigkeit"? Worum es bei der Billionen Klimarechnung geht

Einer "Frage der Gerechtigkeit"? Worum es bei der Billionen Klimarechnung geht

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Es ist eines der wichtigsten Themen der Weltklimakonferenz: Wer zahlt die Rechnung für den Klimawandel? Ein Blick auf die Daten zeigt die Verantwortung, die die reichen Industrieländer tragen.

Es war ein Höchststand für Hochwasserkatastrophen in Deutschland: Als im vergangenen Sommer das Ahrtal überschwemmt wurde und 134 Menschen ums Leben kamen, richtete Finanzminister Olaf Scholz einen Hilfsfonds in Höhe von 30 Milliarden Euro ein. Mit dem Geld soll der Wiederaufbau finanziert werden. Doch was in Deutschland funktioniert, lässt sich nicht überall kopieren.

Die Erde erwärmt sich zunehmend, wodurch auch extreme Wetterereignisse zunehmen. Nicht jedes Land kann bei einer vergleichbaren Flutkatastrophe oder notwendigen Anpassungen so viel Geld aufbringen wie Deutschland. Die Frage ist seit langem umstritten: Wer zahlt die Rechnung für den Klimawandel? Diejenigen, die es lange befeuert haben, oder diejenigen, die heute schon darunter leiden? Dies wird auch unter dem Stichwort „Loss and Damage“ diskutiert. Damit sind Schäden gemeint, an die sich ein Land nicht anpassen kann. Da der Meeresspiegel weiter ansteigt, müssen einige Inselstaaten schließlich umgesiedelt werden. Die Weltklimakonferenz COP27 in Ägypten hat sich nun erneut dem umstrittenen Thema gewidmet, denn der globale Süden fordert mehr Geld und Unterstützung vom Norden. Es geht auch um Entschädigungszahlungen für Klimaschäden.

Doch was bedeutet die Debatte für Deutschland? Auf den ersten Blick erscheint der deutsche Beitrag zum weltweiten Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) überschaubar. Das Gas entsteht meist in großen Mengen bei der Verbrennung von Kohle, Öl und Erdgas sowie der Zement- und Betonherstellung. Deutschlands Anteil an den weltweiten CO2-Emissionen seit 1750 liegt bei knapp über fünf Prozent. Erst im Kontext wird deutlich, wie ungerecht dieser Output verteilt wird.

Deutschlands rund fünf Prozent bedeuten mehr CO2-Emissionen als die Gesamtemissionen der beiden Weltregionen Südamerika und Afrika. Eine solche ungleiche Verteilung sorgt in den betroffenen Ländern für Unmut. Zum Beispiel in Pakistan, das im Sommer zunächst extreme Hitze und dann verheerende Niederschläge erlebte. Infolgedessen wurde ein Drittel des Landes überflutet und mehr als 1.700 Menschen starben. Pakistan ist nicht einmal für ein halbes Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich.

Die Entwicklungsländer pochen daher auf das Verursacherprinzip. Pakistanischer Klimaminister Sherry Rehman fragte nach der Flutkatastrophe: „Warum sollten wir in Pakistan für katastrophale Überschwemmungen bezahlen, die wir nicht verursacht haben? Solche Behauptungen werden durch Daten zu den globalen CO2-Emissionen seit 1945 gestützt. Der Großteil des in die Atmosphäre emittierten CO2 wird von Industrieländern verursacht, wobei mehr als die Hälfte aus den bisher wohlhabendsten Nationen stammt.

Oft sind es die Länder, die wenig emittiert haben, die besonders anfällig für klimabedingte Wetteränderungen sind. Wie ungleich Risiko und Verantwortung verteilt sind, zeigen die Daten der University of Notre Dame im US-Bundesstaat Indiana. Die Forscher haben einen Index namens ND-GAIN erstellt, mit dem verglichen werden kann, wie anfällig Länder gegenüber Extremwetter sind. Dazu vergleichen sie die Länder in sechs Kategorien: Nahrung, Trinkwasser, Gesundheit, Ökosysteme, menschliche Behausung und Infrastruktur.

Die Karte zeigt deutlich: Die Industrieländer emittieren, die Folgen treffen vor allem die Entwicklungsländer. Dies hat auch wirtschaftliche Folgen für sie. Eine Koalition von Finanzministern, die „Gefährdeten Zwanzig“ (V20), hat dies im vergangenen Sommer mit einer Vorstudie untermauert. Demnach haben die 58 Mitglieder der Gruppe in den vergangenen zwei Jahrzehnten insgesamt rund 525 Milliarden US-Dollar verloren. Auch der Klimawandel wirkt sich negativ auf das Wirtschaftswachstum aus. Die Aussichten sind auch nicht viel besser: Laut Forschern der London School of Economics könnten die globalen klimabedingten Schäden und Verluste bis 2050 auf jährlich 1 bis 1,8 Billionen Dollar steigen.

Doch wer soll diese Kosten tragen? Bisher gibt es keine Lösung für die „loss and damage“-Folgen, also die bereits eingetretenen Klimaschäden. Ein erster Versuch, die ärmeren Länder zu unterstützen, wurde auf der Weltklimakonferenz 2009 in Kopenhagen unternommen. Dort haben sich die Industrieländer darauf verständigt, ab 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar zu mobilisieren. Mit dem Geld sollen die betroffenen Länder eigene Klimaschutzprogramme aufsetzen und Anpassungsmaßnahmen durchführen können. Laut OECD haben die Industrieländer das Ziel im ersten Jahr um fast 17 Milliarden Dollar verfehlt. Vor allem die USA hinkten bei ihren CO2-Emissionen hinterher, wie die Denkfabrik „Carbon Brief“ errechnet hat. Deutschland war damit zeitweise sogar im Plus.

Die Daten zu den Emissionen und das gebrochene 100-Milliarden-Versprechen zeigen, warum in den betroffenen Ländern viel Frust herrscht. Schon vor der COP27 sprach der gastgebende ägyptische Außenminister Samih Schukri von einem „Mangel an Vertrauen“. Die großen CO2-Emittenten blockieren bislang vor allem aus zwei Gründen „Loss and Damage“-Zahlungen: Zum einen könnte es künftig um unvorstellbare Summen gehen und zum anderen besteht die Befürchtung, dass Staaten im Falle eines Eingeständnisses haftbar gemacht werden könnten.

Es gibt noch ein weiteres Problem: China. Während die USA und Deutschland ihre CO2-Emissionen reduziert haben, passiert dort das Gegenteil – auch weil viele westliche Länder Teile ihrer Produktion und damit CO2-Emissionen nach Asien verlagert haben. Peking hat den von der Klimakrise betroffenen Ländern Hilfe angeboten – aber kein Geld.

„Unser Reichtum, der fossile Reichtum, baut auch auf den Klimaschäden auf, die wir heute erleben“, sagte Außenministerin Annalena Baerbock gegenüber RTL/ntv auf der COP27 in Ägypten. „Aber jetzt, fast 30 Jahre später, haben wir Volkswirtschaften wie China, die sich massiv entwickelt haben und allein aufgrund der Größe der Menschen zu den größten Emittenten gehören.“

Der Grünen-Politiker sagte, es sei „eine Frage der Gerechtigkeit“, dass „wir als Industrieländer sagen, natürlich müssen wir für die Schäden der Vergangenheit und für die Schäden der Zukunft aufkommen“. Aber China müsste dann auch für künftige Schäden aufkommen, „wenn sie nicht bereit sind, ihre eigenen Emissionen in Zukunft radikal zu reduzieren“.

Leo V.
Leo V.
Ich arbeite seit ca. 4 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik, Unterhaltung, Technik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
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