Sonntag, Oktober 2, 2022
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Energiekosten im Handel: Wenn jede Kilowattstunde zählt

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Inwiefern leiden mittelständische Unternehmen unter den rasant steigenden Kosten für Strom und Gas? Warum es für manche Betriebe eng werden könnte, zeigt das Beispiel einer Konditorei in Augsburg.

Der Weg zur Bäckerei der Augsburger Konditorei Dichtl ist dunkel. Schwaches Licht aus einem höher gelegenen Fenster verhindert, dass jemand auf die Treppe fällt. Es würde genug Lampen geben. Doch auf Weisung von Susanne Dichtl bleiben sie fern. Für den Chef des Traditionsunternehmens zählt nun jede nicht verbrauchte Kilowattstunde.

„Bisher zahlten wir monatlich rund 6.000 Euro für Strom. Mittlerweile sind es 18.000 Euro, Tendenz steigend“, berichtet Dichtl. Da ihr Stromanbieter ihren Strom jeden Monat direkt von der Strombörse kauft, wirken sich die Preissprünge unmittelbar auf sie aus. Inzwischen ist sie mit ihrem Produktionsleiter in der Backstube angekommen – auf der Suche nach weiteren Möglichkeiten zum Energiesparen. Sie halten an einem Abzug. „Können wir es ausschalten?“ fragt der Chef. Doch Produktionsleiter Erik Lemmermann schüttelt den Kopf. Sonst wird es zu heiß.

Konditoreien und Bäckereien gehören zu den Betrieben, die am stärksten von den explodierenden Strompreisen betroffen sind. Die Öfen und Kühlkammern fressen Energie. Ähnlich sieht es bei Wäschereien, Metallverarbeitern oder Brauereien aus. „Ich glaube, viele wissen gar nicht, was sie erwartet“, sagt Lemmermann. Ähnlich sieht es der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH): „Täglich erreichen uns Notrufe von Betrieben, die kurz vor der Schließung stehen, weil sie die enorm gestiegenen Energierechnungen nicht mehr bezahlen können“, sagt eine Sprecherin. Viele tausend Arbeits- und Ausbildungsplätze seien gefährdet: „Vor allem in den energieintensiven Handwerken wie Bäckereien, Textilreinigungen, Galvaniken und anderen. Für sie zählt jeder Tag.“

Der Zentralverband glaubt nicht, dass die Unternehmen die Kostensteigerungen an die Kunden weitergeben können. Bei den Bäckern wandern die Kunden bereits zu den Discountern ab. Das treibt auch Firmenchef Dichtl an. Sie holt ein Stück Zwetschgen-Datschi aus der Dose und legt es auf die Theke des Konditorei-Cafés: „Das Stück kostet jetzt 3,50 Euro. Wenn ich die gestiegenen Strompreise einrechnen würde, müsste ich den Preis um 30 Prozent erhöhen.“ . Dann sind wir weit über die vier Euro hinaus. Und dann wird es für den Verbraucher schwierig.“

Das Café ist immer noch gut besucht. Eine Frau möchte sich weiterhin einen Besuch gönnen. Ein Mann draußen wohl nicht: „Das Problem ist, dass ich nicht automatisch mehr Geld verdiene. Und irgendwann ist es einfach eng und ich kaufe den Kuchen nicht mehr für fünf Euro.“ Susanne Dichtl will die Preise noch nicht erhöhen. Doch ihr Spielraum schrumpft: Denn nicht nur die Strom-, sondern auch die Mehlpreise sind im Zuge des Ukraine-Krieges gestiegen. Denn ihre 70 Mitarbeiter brauchen und sollen wegen der Inflation mehr Geld bekommen. Denn die Versicherung muss bezahlt werden. Und weil mal wieder Reparaturen fällig sind.

Der Tag des Bayerischen Handwerks (BHT) beklagt, dass die Reserven in vielen Betrieben aufgebraucht seien – auch wegen der Pandemie. Und das Entlastungspaket drei der Ampelkoalition bringt den Unternehmen wenig. „Das hilft vor allem Rentnern, Studenten und Verbrauchern. Aber den Unternehmen ist das egal“, sagte der Sprecher. Und die niedrigere Mehrwertsteuer auf den Gaszuschlag nützt auch nichts. „Das ist ein Artikel, der eins zu eins an die Kunden weitergegeben wird.“ Um eine Insolvenzwelle im Handwerk zu verhindern, müsse der Staat besonders betroffene energieintensive Unternehmen schnell mit gezielten und direkten Härtefallhilfen unterstützen, fordert der ZDH. Auch kleine und mittelständische Unternehmen brauchen eine Energiepreisbremse. Und: Energiesteuern müssen so weit wie möglich gesenkt werden.

Die Handwerkskammer Schwaben plädiert für einen direkten Eingriff in den Energiemarkt. Konkret: Das sogenannte „Merit-Order-Prinzip“ muss außer Kraft gesetzt werden. Sie besagt, dass das teuerste Kraftwerk, das zur Deckung der Nachfrage noch benötigt wird, den Strompreis bestimmt. Und das sind derzeit die Gaskraftwerke, deren Strom enorm teuer ist. „Wir sagen: Subventionieren wir die Gaskraftwerke, dann sinkt auch der Strompreis“, sagt ein IHK-Sprecher – gekoppelt mit einer Gaspreisbremse.

Doch das sind alles Forderungen und Planspiele, die dem Bäckereibetreiber Dichtl vorerst nicht weiterhelfen. Stattdessen hat das Unternehmen die Kühlung um ein Grad reduziert. Und die Arbeitsabläufe wurden so verändert, dass die Öfen nur noch drei Stunden am Tag laufen müssen und nicht wie bisher fünf Stunden.

Aufgeben ist für den Unternehmer jedenfalls keine Option. Die Konditorei ist ein Familienbetrieb und wird in dritter Generation geführt. „Ich bin schon zu meiner Mama gegangen und habe sie um Rat gefragt“, sagt der Chef. „Aber so etwas wie wir hat sie in den letzten Jahren noch nie erlebt.“



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Abgel T
Abgel T
Ich arbeite seit ca. 3 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
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