Samstag, Januar 15, 2022
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Erdogans politische Gefangene – Angst und Folter: Deutsche in türkischer Haft

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Zahlreiche Deutsche sitzen in der Türkei im Gefängnis oder unter Hausarrest. Sie sind das Opfer eines Präsidenten, der seine Gegner unerbittlich verfolgt. Diese beiden Frauen haben es erlebt.

Hozan Cane und seine Tochter Gönül Dilan Örs lebten jahrelang ein normales Leben in Deutschland. Dann werden sie in der Türkei festgenommen, eingesperrt und misshandelt. Jahre später sind sie zurück – aber sie sind fürs Leben traumatisiert.

Im Juni 2018 wurde der kurdisch-deutsche Sänger Hozan Cane im westtürkischen Edirne festgenommen. Sie trat im Wahlkampf für die prokurdische Oppositionspartei HDP auf. Der Vorwurf: Zugehörigkeit zu einer terroristischen Vereinigung. Ihm werden Kontakte zur PKK nachgesagt. Er hätte nie gedacht, dass es im Gefängnis so schlimm sein würde, sagt er heute:

„Drei Wachen kamen und brachten mich in eine kleine Zelle. Sie zogen mich aus. Einer packte meinen rechten Arm, der andere packte meinen linken Arm und hielt meinen Kopf. Der dritte kniete vor mir. Er hielt meinen Rücken mit einer Hand und mit anderen tief in mich eingedrungen“ – beschreibt seine Qualen. „Warum tust du das?“ er schrie. „Und er sagte, vielleicht hast du das Heroin dort versteckt.“

Seine Tochter Gönül Dilan Örs erfuhr zu Hause in Köln von der Festnahme. Der 39-Jährige lebt und arbeitet dort als Sozialwissenschaftler. Mutter und Tochter können sich einmal pro Woche anrufen. Gönül unterstützt öffentlich die Freilassung seiner Mutter. Als es immer schlimmer wird, beschließt Gönül, in die Türkei zu gehen. Eine epochale Entscheidung: Sie wurde direkt nach ihrer Ankunft am Flughafen Istanbul festgenommen.

Nach fast vier Monaten Zwangsaufenthalt in der Türkei hält die junge Frau es nicht mehr aus. Versuchen Sie mit Hilfe der Schmuggler nach Griechenland zu fliehen. Der Fluchtversuch scheitert: Sie wird festgenommen und in das nahegelegene Edirne-Gefängnis verlegt.

Nach drei Monaten Haft wird Gönül Ende 2019 unter Hausarrest gestellt. Sie darf die Wohnung nicht verlassen und trägt eine elektronische Fußfessel. Gefangen wie in einem schlechten Film, weg von ihrem Leben in Köln. In einem damaligen Interview mit dem ZDF wird seine Verzweiflung deutlich:

Trotz der Frustration und Selbstmordgedanken, kämpfe weiter, warte weiter. Nach Monaten beginnt endlich sein Prozess. Die erste Anhörung dauert nur fünfzehn Minuten. Ergebnis: Der Hausarrest wird aufgehoben und sie darf das Land noch nicht verlassen.

Nach fast zwei Jahren in der Türkei und trotz dürftiger Beweise fordert die Staatsanwaltschaft Ende Sommer 2021 überraschend 15 Jahre Haft für Gönül. Wenige Tage später soll das Urteil fallen. Er will es nicht, er kann es nicht akzeptieren.

Er unternimmt einen zweiten Fluchtversuch nach Griechenland, mit Erfolg. Als das Gericht tagt, entschuldigt sie sich für ihre Krankheit und ist schon lange in Deutschland. Einen Monat nach Gönüls Rückkehr wurde die Ausreisesperre seiner Mutter überraschend aufgehoben. Heute leben die beiden Frauen wieder zusammen in Köln.

Das Urteil des Gönül-Gerichts war so hart wie bizarr: schuldig, zehn Jahre und fünf Monate Haft. Gleichzeitig wurde aber das Ausgangsverbot aufgehoben. Verurteilt und doch losgelassen. „Sie tun alles, um ihr Gesicht zu wahren“, sagt Gönül.

Es beweist es einmal mehr: In der Türkei sind politische Gefangene hauptsächlich politische Schachfiguren. Und Opfer eines Systems, das seine Kritiker zu Staatsfeinden erklärt. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes befinden sich noch heute Dutzende Deutsche wie Hozan Cane und Gönül Dilan Örs in der Türkei in Haft.

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