Sonntag, November 28, 2021
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EU und Seychellen: Der harte Kampf um die Fischbestände

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EU-Schiffe fischen im Indischen Ozean nach Gelbflossenthun. Forderungen nach einer Reduzierung weist die Europäische Union zurück – obwohl die Bestände nach Einschätzung von Experten kurz vor dem Kollaps stehen.

„Man muss die Fische mit Liebe und Sorgfalt behandeln“, sieht das zumindest Luta Faure. Sie ist die Qualitätskontrolleurin bei „Fish-Basket“, einem Fischexporteur auf den Seychellen. Jetzt steht sie am Kai eines kleinen Hafens in Victoria, der Hauptstadt des Inselstaates, und zeigt, was sie unter Fischliebe versteht: Die Gelbflossenthunfische werden aus dem kleinen Laderaum des Fischerbootes geholt, enthauptet und aufgesetzt die Waage mit Luta Faure. „60,2 Kilo“ zeigt sich jetzt – ein großer Fang.

Dann wird die Temperatur gemessen; Wenn die Fische bei der Landung nicht kühl genug sind, werden sie vom Markt genommen. Die nicht-industrielle Fischerei, bei der der ganze Fisch später für die globale Spitzenküche exportiert wird, hat hohe Ansprüche – aber auch hohe Verkaufspreise.

Ein paar Kilometer weiter, im wichtigsten Fischereihafen der Seychellen, geht es mehr um Quantität als um Qualität – Fischkonserven. Kräne heben Netze voller gefrorener Thunfische von großen Fischereifahrzeugen an Land. Dann fallen sie auf langen Förderbändern übereinander und wandern mit Wunden in große Behälter, bevor sie in die Dosenverarbeitung gehen.

Trotz der Drehgenehmigung im Hafen bekommt der Film es hin ARD-Ärger schnell für das Team: Schießen ist am Kai erlaubt, aber nicht in der Firma nebenan. Die größte Thunfischkonservenfabrik der Seychellen, die mehrheitlich einem thailändischen Unternehmen gehört, will offenbar keine kritische Berichterstattung.

Dass es Ängste gibt, hat mit vielen Details zu tun, aber fast immer auch mit der EU. Etwa ein Dutzend EU-Schiffe beliefern hier die Fischfabriken. Laut dem jüngsten Vertrag zwischen den Seychellen und der Europäischen Union zahlt die EU dem Inselstaat 2,5 Millionen Euro für 50.000 Tonnen Thunfisch pro Jahr – bis 2026.

Die Schiffe der EU, fast alle aus Spanien und Frankreich, fahren in diesem Abschnitt des Indischen Ozeans unter der Flagge der Seychellen und verarbeiten auf den Seychellen. Was kann daran falsch sein?

Zunächst sind die Umweltschützer entsetzt, denn Experten gehen davon aus, dass die Gelbflossenthunbestände kurz vor dem Zusammenbruch stehen könnten. Wiederauffüllungsprogramme für den Bestand, wie sie seit Jahren gefordert werden, sind zwischen der EU und den Nachbarländern umstritten.

Auf einer entscheidenden Sitzung der Thunfischkommission für den Indischen Ozean (IOTC) weigerte sich die EU, ihre Fänge um mehr als 21 Prozent zu reduzieren. Der Malediven-Archipel hatte 35 Prozent vorgeschlagen, die Bestände zu sichern. Die EU fordert zunächst Zugeständnisse von den Menschen rund um den Indischen Ozean.

„Warum hilft die EU nicht, das Problem zu lösen, das sie selbst geschaffen hat“, klagt Charles Clover von der Blue Marine Foundation. „Stattdessen kämpfen sie hart gegen die Küstenländer, die die Fischgründe des Indischen Ozeans zum Überleben brauchen.“

Streit gibt es auch über die Überfischung. Vor allem die spanischen Schiffe sollten gerne anhalten, sagen Umweltschützer mit Blick auf die Zahlen der IOTC. Das komme vor, sagt Vivian Loonela von der EU-Kommission, sei aber kein Problem: „In diesem Fall wird der überfischte Betrag von der Quote für das nächste Jahr abgezogen.“

Taschenspielertricks, sagen Umweltschützer und beschweren sich über ein weiteres Detail der EU-Fischerei: die Art des Thunfischfangs mit Ringwaden. Dabei handelt es sich um bis zu zwei Kilometer lange Netze, die ringförmig um einen Thunfischschwarm gelegt werden. Gibt es auch spezielle Geräte zum Anlocken der Schwärme (sog. FAD), lassen sich mit wenig Aufwand riesige Mengen fangen.

Allerdings gibt es große Mengen „Beifang“: zu kleine Thunfische, Schildkröten oder Seidenhaie zum Beispiel. Aid unterstützt die EU-Flotte dabei, CO2 zu vermeiden, sagt Sprecherin Vivian Loonela, „es gibt kein Schwarz und Weiß“. Damit hatte ein Vorschlag Kenias, FAD einzuschränken, vor der IOTC keine Chance.

Die EU verwundert Beobachter, weil die Fördermaßnahmen für die Fischerei viel Geld kosten. Nach Angaben des Umweltinformationsdienstes Mongabay soll die spanische Fischereiindustrie zwischen 2000 und 2010 EU-Subventionen in Höhe von rund acht Milliarden Euro erhalten haben. Große Beschäftigungseffekte sind zu bezweifeln – große Teile des Prozesses finden nicht in der EU statt.

Vier Jahrzehnte lang haben allein EU-kontrollierte Schiffe fast vier Millionen Tonnen Thunfisch aus dem Indischen Ozean gezogen, berechnen Umweltschützer wie Nirmal Shah von „Nature Seychelles“, das ist ein Drittel aller Fänge.

Welchen größeren Grund gibt es für die EU, weiter von zu Hause weg zu fischen als andere, die selbst Nachbarn sind – arme Länder wie Madagaskar? „Ich sehe Madagaskar nicht um die Welt gehen und sagen, dass es eine großartige Strategie für nachhaltige Entwicklung hat“, schreit Shah. „Sie sagen nicht, dass wir einen grünen Plan haben, einen blauen Plan – aber die EU hat einen.“ Er sieht sogar „Neokolonialismus“ am Werk.

Die EU versucht mit 2,8 Millionen Euro pro Jahr für kleine Fischereiunternehmen und regionale Gemeinschaftsprojekte eine nachhaltige Entwicklung zu fördern. Der Ansatz ist sicher gut gemeint, aber mittelfristig stehen die Insulaner auch wirtschaftlich lieber auf eigenen Beinen.

Louis Bossy, Fischexporteur und CEO von „Fish-Basket“ weiß: „Die Regierung will die Fischerei zu einem der tragenden Säulen unserer Wirtschaft machen. Es braucht Zeit – aber es geht.“



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