Donnerstag, Januar 20, 2022
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Exit vor 30 Jahren Wie Italien ohne Atomkraft auskommt

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Italien ist nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl aus der Atomkraft ausgestiegen und erneuerbare Energien sind auf dem Vormarsch. Es gibt einen Haken, aber auch einen Abgang.

Eigentlich wollte sich die italienische Regierung – anders als in Wien, Paris oder Berlin – aus der europäischen Atomdiskussion heraushalten. Dann wäre das Thema wohl schnell aus den Medien verschwunden. So war es vor einigen Monaten, als Roberto Cingolani, Minister für Digitalisierung und ökologische Wende, sich indirekt für eine Rückkehr zur Atomkraft aussprach.

Doch der Chef der rechten Lega-Partei hat das Thema für sich entdeckt. Es vergeht kein Tag, an dem Matteo Salvini nicht vor laufender Kamera oder auf Facebook sein nukleares Bekenntnis verkündet. Er fordert, dass Italien wieder in die Kernenergie einsteigt.

Die Debatte wurde am Silvesterabend von der EU-Kommission angeheizt, als sie ein Dokument veröffentlichte, das vorschlug, Kernkraft und Erdgas in die „Taxonomie“, das europäische Klassifizierungssystem für nachhaltige Energiequellen, aufzunehmen. Die endgültige Entscheidung fällt am kommenden Dienstag. Um den Vorschlag zu stoppen, müssten 20 der 27 Mitgliedsstaaten mit mindestens 65 Prozent der EU-Bevölkerung ein Nein geben – ein unwahrscheinliches Szenario.

Unter den G7-Staaten, den sieben größten Industrienationen, ist Italien das einzige ohne eigene Kernkraftwerke. Das Land hat seit mehr als 30 Jahren keinen Atomstrom mehr produziert. Die Abschaltung der Reaktoren wurde 1987, anderthalb Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl, in einer Volksabstimmung beschlossen und bis 1990 umgesetzt. 2011 bestätigte eine weitere Volksabstimmung das damalige Ergebnis.

Seitdem besteht Italiens Energieversorgung aus einem Mix aus Erdgas, Öl, Wasserkraft und anderen erneuerbaren Energien. Ein Blackout, den Atomkraft-Befürworter in Deutschland seit Jahren als Bedrohungsszenario an die Wand malen, hat es nur einmal gegeben. Das war am 28. September 2003, als um 3.37 Uhr im ganzen Land der Strom ausfiel. Einige, vor allem südliche Regionen blieben 24 Stunden ohne Strom. Was den Stromausfall verursachte, wurde nie vollständig geklärt. Die wahrscheinlichste Erklärung ist, dass in der Schweiz ein Baum auf Stromleitungen fiel, die auch Italien versorgten, was eine Kettenreaktion auslöste.

Es geht auch ohne Atomkraftwerke, sagen Atomkraftgegner. „Ich würde mit ‚Ja‘ antworten“, antwortet Davide Tabarelli im Gespräch mit The Aktuelle News hingegen auf eine entsprechende Frage. Er ist Professor an der Fakultät für Bau-, Chemie-, Umwelt- und Werkstofftechnik der Universität Bologna, außerdem ein Befürworter der Kernenergie und Präsident von Nomisma Energia, einem Forschungsunternehmen im Bereich Energie und Umwelt. „Italien ist nie richtig in die Atomkraft eingestiegen. Deshalb haben wir gelernt, auf selbst produzierte Atomenergie zu verzichten.“ 1986 gab es nur zwei funktionierende Reaktoren und einen sehr alten. Ein neues war im Bau.

Dass Italien ohne eigene Atomkraftwerke auskomme, bedeute nicht, „dass wir ein effizienteres und nachhaltigeres Energiesystem haben“, sagt Tabarelli. Denn anders als Deutschland, das mehr Strom exportiert als importiert, ist Italien auf Stromimporte angewiesen. „Wir importieren etwa 15 Prozent, hauptsächlich aus Frankreich und damit aus Atomkraft hergestellt“, sagt Tabarelli. Und ohne die Reaktoren in Frankreich und anderswo in Europa säße sowieso der ganze Kontinent im Dunkeln, ist sich der Professor sicher.

Italien ist jedoch nicht nur auf Stromimporte angewiesen. Laut einem Dokument des italienischen Wirtschaftsministeriums ist das Land zu 75 Prozent von importierten Energieträgern abhängig. Unter ihnen ist Erdgas, das für Strom, Industrie und Heizung verwendet wird, der wichtigste Energieträger. Von den 75,95 Milliarden Kubikmetern Erdgas, die 2019 verbraucht wurden, stammten 7 Prozent aus nationaler Produktion, die restlichen 93 Prozent wurden importiert. „Und das macht uns nicht nur versorgungstechnisch unglaublich schwach“, sagt Tabarelli. Italien beziehe Erdgas nicht nur aus Russland, sondern auch aus Algerien, Libyen, Aserbaidschan und sogar aus der Nordsee, „aber angesichts der geopolitischen Spannungen – sprich: Russland – könnten wir leicht zum Spielball werden“, sagte Tabarelli .

Angelo Tartaglia, Professor für Physik an der Fakultät für Ingenieurwissenschaften des Polytechnikums Turin, sieht das Thema anders. „Wir müssen weniger Energie verbrauchen“, sagt er zunächst einmal, und der stetig wachsende Energieverbrauch sei „eine Chimäre“. Das Vorhaben der EU, Atomkraft und Erdgas als nachhaltig einzustufen, hält er für anachronistisch, „genauso wie die Überlegungen von Minister Cingolani, wieder nach Erdgas zu bohren.

Tatsächlich verfügt Italien über, wenn auch bescheidene, Erdgasvorkommen in der Poebene, in der Region Basilicata und in der Adria. Das sind geschätzte 90 Milliarden Kubikmeter. Es gibt Förderanlagen, aber die liegen schon lange still.

„Natürlich können wir nicht alles, was CO2 ausstößt, von heute auf morgen abschalten“, räumt Tartaglia ein. Das heißt aber nicht, dass man in alte Strukturen zurückfallen muss, schon gar nicht in einer Region wie der Poebene, die zu den am stärksten verseuchten Europas zählt. „Italien hat in den letzten 15 Jahren enorme Fortschritte bei der Erzeugung erneuerbarer Energien gemacht. Damit decken wir mittlerweile 9 Prozent des nationalen Bedarfs. Wir müssen weitermachen, denn wir könnten locker das Doppelte erzeugen.“ (Die 9 Prozent sind Windenergie, Photovoltaik, Energie aus Biomasse und Geothermie; zählt man die Wasserkraft hinzu, kommt Italien auf einen Anteil erneuerbarer Energien von 25 Prozent.)

Einen wichtigen Beitrag könnten die sogenannten Energiegemeinschaften leisten, also Gemeinschaften, die ihren Energiebedarf selbst produzieren. Wobei Italien im europäischen Vergleich noch Nachholbedarf hat. Derzeit gibt es zwölf Energiegemeinschaften, die alle im Norden liegen. Aber etwas bewegt sich. Von den 60 Milliarden Euro, die der Nationale Wiederaufbauplan für die Energiewende vorsieht, sind 23,78 Milliarden Euro für erneuerbare Energien vorgesehen, davon 2,2 Milliarden Euro für Energiegemeinschaften. „Außerdem ist Mitte Dezember das Gemeindegesetz in Kraft getreten“, ergänzt Tartaglia. In den nächsten fünf Jahren könnte die Zahl der Energiegemeinschaften auf 40.000 steigen, wovon 1,2 Millionen Familien, 200.000 Büros und 10.000 kleine und mittlere Unternehmen profitieren, so eine Studie der Politecnico University of Applied Sciences in Mailand.

„Das muss unser Ziel sein“, sagte Tartaglia. Für ihn ist die von der EU-Kommission vorgeschlagene Taxonomie nur „Greenwashing“, die ökologische Beschönigung nicht nachhaltiger Energien. Tartaglia zitiert den berühmten Satz aus dem Buch „Der Leopard“ von Giuseppe Tomasi di Lampedusa: „Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, muss sich alles ändern.“

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