Samstag, Juni 25, 2022
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EZB kündigt Zinserhöhung um 0,25 Punkte an

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Die Europäische Zentralbank beendete ihre Anleihekäufe – der Auftakt zur von vielen herbeigesehnten Zinswende. Im Juli will sie ihren Leitzins um 0,25 Prozentpunkte anheben. Es ist der erste Anstieg seit über einem Jahrzehnt.

Nach vielen Jahren ultralockerer Geldpolitik wird die Europäische Zentralbank (EZB) ihre milliardenschweren Nettoanleihekäufe am 1. Juli beenden und damit den Weg für die erste Zinserhöhung im Euroraum seit 2011 ebnen. Der EZB-Rat hat dies heute auf ihrem Offsite-Meeting in Amsterdam beschlossen, wie die Notenbank mitteilte.

Bei der nächsten Sitzung im Juli sollen die Leitzinsen um 25 Basispunkte angehoben werden. „Die Entscheidung wurde einstimmig angenommen“, sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde. „Wir hatten eine sehr produktive Diskussion.“ Im September dürften Europas Währungswächter ihr Spiel intensivieren – bei anhaltend hoher Inflation sogar noch mehr als im Juli. Voraussetzung dafür ist, dass die hauseigenen Prognosen die Inflationsrate im Jahr 2024 bei 2,1 Prozent oder höher sehen.

Der offizielle Leitzins – der sogenannte Hauptrefinanzierungssatz – bleibt aber zunächst auf dem Rekordtief von null Prozent. Zudem müssen Banken für geparkte Gelder bei der EZB weiterhin den Einlagensatz von 0,5 Prozent zahlen.

Bereits im Mai hatten führende EZB-Vertreter wie die wichtigste deutsche Vertreterin im Notenbankrat, Isabel Schnabel, eine Zinswende angedeutet. Lagarde hatte im vergangenen Monat zudem angekündigt, dass der Kauf neuer Wertpapiere im dritten Quartal „sehr früh“ enden und die Ära negativer Leitzinsen danach relativ schnell Geschichte sein soll.

Im Zuge der weltweiten Finanzkrise, der Staatsschuldenkrise um Griechenland und später in der Corona-Pandemie befand sich die EZB jahrelang im Notmodus. Ihre extrem lockere Geldpolitik führte 2016 zu historisch niedrigen Zinsen von null Prozent und Anleihekäufen in Milliardenhöhe.

Seit 2015 kauft die Zentralbank Staats- und Unternehmensanleihen und pumpt riesige Summen in das System, um die Wirtschaft in Krisenzeiten über Wasser zu halten und die Inflation anzuheizen. Eigentlich peilt die EZB eine Inflationsrate von zwei Prozent als Idealwert für die Wirtschaft an. Jahrelang war die Inflation aus Sicht der Zentralbank viel zu niedrig. EZB-Präsidentin Christine Lagarde bezeichnete die Entwicklung der Corona-Pandemie als nur ein vorübergehendes Phänomen.

Inzwischen hat sich das Bild jedoch radikal gewandelt. Befeuert durch den Ukrainekrieg und die damit verbundenen hohen Energiepreise stieg die Inflation im Euroraum zuletzt auf den Rekordwert von 8,1 Prozent. Es lag rund viermal über dem mittelfristigen Kursziel. Denn auch Lebensmittel und viele Rohstoffe sowie Vorprodukte für die Industrie sind deutlich teurer geworden.

Die EZB hinkt bei der Straffung der Geldpolitik vielen anderen Zentralbanken hinterher. In den USA und Großbritannien wurden die Zinsen bereits vor Monaten deutlich angehoben. Kritiker werfen den europäischen Währungshütern immer wieder vor, viel zu langsam zu handeln.

Weil der wichtige Einlagenzins weiterhin bei minus 0,5 Prozent bleibt, müssen Geschäftsbanken weiterhin Strafzinsen zahlen, wenn sie überschüssige Gelder bei der EZB parken. Dies wird Bankkunden oft als Begründung für Negativzinsen gegeben.

Aus den Reihen der EZB regt sich bislang wenig Widerstand gegen Lagardes Linie. Allerdings gibt es Debatten im Detail: Einerseits scheint das Tempo der Zinsanhebung im Geldpolitischen Rat heiß diskutiert zu werden. Sogenannte „Falken“, also Befürworter einer strafferen Geldpolitik wie der Chef der österreichischen Zentralbank, Robert Holzmann, fordern eine rasche Straffung mit größeren Zinserhöhungen. Die vorsichtigeren „Tauben“ plädieren wegen der durch den Ukraine-Krieg verursachten wirtschaftlichen Unsicherheit für einen „graduellen“ Kurs mit kleineren Schritten. An den Finanzmärkten wird derzeit für das laufende Jahr mit einem kräftigen Anstieg der Zinsen um insgesamt 0,5 Prozentpunkte gerechnet.

Unklar ist auch, welches Zinsniveau die Notenbank anstrebt. Entscheidend ist die Höhe des „natürlichen“ Zinssatzes, einer Art inflations- und wachstumsneutraler Zinssatz. Für die USA wird dieser neutrale Zins derzeit auf rund 2,5 Prozent geschätzt. In der Eurozone dürfte sie unter anderem wegen der deutlich niedrigeren Kerninflation niedriger ausfallen. Auch in dieser Frage sind sich die EZB-Notenbanker nicht einig.

Einerseits machen höhere Zinsen den Euro für Investoren attraktiver, was seinen Kurs ankurbeln und damit Importe von Rohstoffen und Energie billiger machen kann. Andererseits verteuern sie Kredite, was Konsum, Investitionen und damit die Nachfrage dämpft. Beides führt laut Wirtschaftstheorie zu einer Begrenzung der Inflation.

EZB-Präsidentin Lagarde dämpfte jedoch durch die nun angekündigte Zinswende die Hoffnungen auf einen raschen Rückgang der Inflation im Euroraum. „Erwarten wir, dass die Zinserhöhung im Juli unmittelbare Auswirkungen auf die Inflation haben wird? Die Antwort ist nein“, sagte sie nach dem heutigen Treffen. „Es ist kein Schritt, es ist eine Reise.“

Gleichzeitig droht der ohnehin angeschlagenen Wirtschaft, die unter den Folgen der Pandemie, dem russischen Krieg gegen die Ukraine und Materialknappheit leidet, ein weiterer Rückschlag. Ein Anstieg der Zinsen wird zudem die Kreditaufnahme für die Euro-Staaten verteuern, was insbesondere die Haushalte hoch verschuldeter Länder wie Griechenland und Italien belasten dürfte.



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