Donnerstag, Dezember 1, 2022
StartNACHRICHTENFestrede in Goslar Angela Merkel schreibt weiter Geschichte

Festrede in Goslar Angela Merkel schreibt weiter Geschichte

- Anzeige -


Altkanzlerin Merkel tritt als Festrednerin beim Stadtjubiläum von Goslar auf. Dort wirbt sie für eine Russlandpolitik, die sie selbst einst verfolgte, und macht dem Publikum Mut: Mit genügend Kraft und Zuversicht lässt sich auch diese Krise meistern.

Hoher Besuch in Goslar: Die Stadt am Harz feiert in diesem Jahr ihr 1100-jähriges Bestehen. Goslar hat Angela Merkel zur zentralen Jubiläumsfeier in die ehemalige Kaiserpfalz geladen. Seit die Ampel an der Macht ist, ist es still um den Altkanzler geworden. Nach 16 Jahren im politischen Dauerdienst folgten Urlaubsreisen, im Sommer trat Merkel erstmals wieder öffentlich auf. Einer der Annehmlichkeiten des Ruhestands sei es, Termine selbst auswählen zu können, sagte sie in einem Interview. Diese sind in der Regel rar gesät, doch erst am Dienstagabend ehrte sie bei der Gründungsversammlung der gleichnamigen Stiftung ihren Vorgänger Helmut Kohl. Zwei Tage später geht es weiter nach Goslar.

Seit Anfang des Jahres findet dort ein wahrer Event-Marathon statt. Unter dem Motto „Wo Kaiser ihr Herz verlieren“ feiert die niedersächsische Stadt sich und ihre Vergangenheit. Im 11. Jahrhundert residierte und debattierte der mittelalterliche Adel in der Kaiserpfalz, die auf einer Anhöhe am Rande der Innenstadt thront. 1992 verlieh die UNESCO dem Gebäude den Status eines Weltkulturerbes.

Die Bürger, die im Sonntagskleid gekommen sind, freuen sich auf Merkels Auftritt auf norddeutsche Art. Am Eingang sagte ein Herr im Anzug, es sei eine Ehre, dass Merkel die Stadt besuche. Seine Frau relativiert das: „Aber vor allem geht es darum, Goslar zu feiern.“ Auch ihr Mann stellt keine hohen Ansprüche an ihre Rede: „Sie ist keine Kanzlerin mehr. Was kann sie sagen?“ Dennoch scheint es genug Interesse an Merkels Auftritt in Goslar zu geben. Neben den Ehrengästen hatte die Stadt 420 Plätze für ihre Einwohner bereitgestellt, die nach knapp zwei Tagen ausverkauft waren. Manche, die kein Ticket ergattern konnten, versammeln sich in einer Traube an der Auffahrt zur Kaiserpfalz, um vielleicht einen Blick auf Merkel zu erhaschen.

Wenig später ist der Kaisersaal gut gefüllt, von den meterhohen Wandmalereien wachen Bilder der Hohenzollern über das Publikum, das schwatzt und sich die Hand gibt – jeder kennt jeden. Goslars bekanntester Sohn, Ex-Vizekanzler Sigmar Gabriel, sitzt unter den Ehrengästen in der ersten Reihe, neben ihm der indonesische Botschafter. Als Merkel den Saal betritt, erheben sich die Anwesenden, Standing Ovations, SPD-Bürgermeisterin Urte Schwerdtner begleitet sie auf den Platz. Merkel wirkt entspannt, plaudert immer wieder mit ihrer Sitznachbarin Birgit Honé, der niedersächsischen Ministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten, ebenfalls SPD. Ein Date zum Wohlfühlen.

Allerdings fällt es ihr sichtlich schwer, die Stufen auf die Bühne zu erklimmen, sie kämpfe mit einer „schrumpfenden Knieverletzung“ und kämpfe deshalb mit ihrer Rede im Sitzen. Es ist ihr fünfter Besuch in Goslar, zuletzt war sie 2019 mit ihrem ehemaligen Stellvertreter Gabriel in der Stadt und war beeindruckt von ihrer „historischen Schönheit“. „Hier verlieren nicht nur Kaiser ihr Herz“, spielt Merkel auf den Jubiläumsspruch an und erntet Gelächter. Der 68-Jährige würdigt das historische Erbe Goslars und betont auch das politische Engagement auf kommunaler Ebene, das mit den „Herausforderungen“ dieser Zeit zu kämpfen habe. Merkel schwingt sich vom Kleinen zum Großen und erinnert damit an die Errungenschaften der kürzlich verstorbenen Königin Elisabeth II. und Michail Gorbatschow. Mit ihrem Tod sei „das 20. Jahrhundert politisch endgültig vorbei“. In dieser Rechnung wäre der von 2005 bis 2021 im Amt befindliche Altkanzler auch im langen 20. Jahrhundert politisch aktiv gewesen.

Dann spricht Merkel über den Ukraine-Krieg, der eine „tiefgreifende Zäsur“ darstelle. Russland hat seit der Krim-Annexion, spätestens aber seit dem 24. Februar, einen Völkerrechtsbruch begangen, der in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr vorgekommen ist. Aber auch wenn „langer Atem“ gefragt sei, müsse weiter „an einer gesamteuropäischen Sicherheitsarchitektur unter Beteiligung Russlands“ gearbeitet werden. Sie wiederholt eine Position, die sie zwei Tage zuvor formuliert hatte.

Merkel sagt, sie wolle sich nicht in politische Debatten einmischen. Sie beschäftigt sich eindeutig mehr mit den langen Linien der Geschichte – ihrer eigenen Geschichte, die sie mit ihren Performances schreibt. Denn die Russlandpolitik, die sie vorantreibt, hat sie selbst betrieben – mit einem Ergebnis, das heute deutlich kritischer gesehen wird als zu ihrer Regierungszeit. Deutschland habe derzeit „keinen Grund zur Selbstzufriedenheit“, sagte Merkel. Mit genügend Kraft und Zuversicht lässt sich aber auch diese Krise meistern. Das Publikum betrachtet ihre Rede mit frenetischem Applaus. Merkels Eigenverantwortung für die aktuelle Situation ist hier kein Thema.

Auf Merkels ernste Töne folgen flachere, ein Jazz-Ensemble spielt bereits „Du hast den Farbfilm vergessen“ von Nina Hagen. Hatte die entsprechende Songauswahl bei ihrem Great Tattoo für allgemeines Staunen gesorgt, wundert sich nun niemand mehr und so kommt auch das Publikum westlich der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze in den Genuss unterhaltsamer DDR-Nostalgie.

Am Ende der Formalitäten bedankt sich Oberbürgermeister Schwerdtner für das „Highlight unseres Stadtjubiläums“. Die Kapelle spielt das „Steigerlied“, Merkel hört zu und applaudiert den Solisten. Beim anschließenden Empfang hatte sie sich zuvor für ihr Fehlen entschuldigt – ihr Knie. Noch eine Ovation, dann verlässt Merkel den Raum durch den Seiteneingang. Draußen wartet noch eine Handvoll Schaulustiger, die auf einen letzten Blick auf den Ex-Kanzler hoffen. Wenn sie schon da ist.

Leo V.
Leo V.
Ich arbeite seit ca. 4 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik, Unterhaltung, Technik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
ZUGEHÖRIGE ARTIKEL

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Anzeige

Am beliebtesten

Letzte Kommentare