Montag, Februar 6, 2023
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Fleischkonsum in Deutschland Muss jetzt jeder Vegetarier werden?

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Die Deutschen sollten weniger Fleisch essen. Dies wird nicht nur von Experten, sondern auch von einem Großteil der Bevölkerung gefordert. Wie schnell und mit welchen Maßnahmen diese Änderung jedoch umgesetzt werden kann, ist umstritten. Am Ende geht es wie so oft nur ums Geld.

Seit diesem Wochenende ist es wieder soweit: Streetfood-Stände und Blumenkästen reihen sich an Infoständen und Kletterwänden auf dem Berliner Messegelände aneinander. Die Grüne Woche ist nach zweijähriger Corona-Pause zurück. Zwischen Bisonfleisch, Rosenmarmelade und Lakritzeis werden in den kommenden Tagen Hunderttausende Besucher erwartet.

Doch längst zieht die Messe nicht nur Kenner und Gartenfreunde an: Zehntausende protestierten in der Vergangenheit gegen die Veranstaltung. Es geht um Klimagerechtigkeit, Umweltschutz und bessere Tierhaltung. Das sind Themen, die auch auf der Grünen Woche präsent sind. Themen, die in der Ernährung der Zukunft eine entscheidende Rolle spielen werden.

Die Agrar- und Ernährungswirtschaft ist für rund ein Viertel der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich, der Großteil davon stammt aus der Tierhaltung. Auch in Deutschland verschlingen Schweine und Rinder viele Ressourcen: Rund 60 Prozent des in Deutschland angebauten Getreides werden an Tiere verfüttert, dazu kommen große Mengen an importiertem Tierfutter, zum Beispiel rund zwei Millionen Hektar Soja aus dem Süden Amerika pro Jahr.

Das sind Zahlen, die angesichts des Pariser Klimaabkommens kaum so hoch bleiben können. „Grundsätzlich ist klar, dass der Fleischkonsum in Zukunft zurückgehen muss“, sagt Lars Schrader vom Friedrich-Loeffler-Institut für Tiergesundheit The Aktuelle News. „Eigentlich zeigen alle Studien, dass wir zu viel Fleisch essen, auch aus gesundheitlichen Gründen. Das wäre eine Win-Win-Win-Situation: für Umwelt, Tierschutz und Gesundheit.“

Tatsächlich stehen die Wissenschaftler mit ihren Forderungen nicht alleine da: Laut Ernährungsbericht des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft halten es 82 Prozent der Deutschen für sinnvoll, weniger Fleisch zu essen. Neben Vegetariern (7 Prozent) und Veganern (1 Prozent) geben 44 Prozent an, sich flexitär zu ernähren, also nur gelegentlich Fleisch zu sich zu nehmen. Nur ein Viertel der Deutschen isst täglich Fleisch.

Das Problem: Die Realität sieht anders aus. Umfragen zeigen, dass die Menschen ihren eigenen Fleischkonsum unterschätzen. „Es ist schwierig, über sein Essverhalten zu berichten. Uns fällt es sehr schwer, uns daran zu erinnern, was man zum Beispiel vor drei Tagen zu Mittag gegessen hat“, erklärt die Psychologin Laura M. König von der Universität Bayreuth The Aktuelle News. „Das sehen wir nicht nur beim Fleischkonsum, sondern generell.“

Der Fleischkonsum in Deutschland stieg ab dem 19. Jahrhundert stetig an: Im Jahr 2000 aß der durchschnittliche Deutsche fast 60 Kilo pro Jahr. Seitdem ist der Wert weitgehend konstant geblieben. Von weniger Fleisch ist also keine Spur – und das seit fast 200 Jahren.

Muss jeder Vegetarier oder Veganer werden? Nein, darin sind sich auch die meisten Experten einig. Laut einer Analyse des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) könnte der Schutz von Klima, Umwelt und Biodiversität deutlich erhöht werden, wenn der Fleischkonsum um etwa die Hälfte reduziert würde.

Im Schnitt könnte jeder Deutsche rund 400 Gramm Fleisch pro Woche essen. Oder wie die Autoren der Analyse schreiben: „Ein Steak, ein Wiener Würstchen, drei Scheiben Mortadella pro Woche.“ Die gesamte Schweine- und Geflügelproduktion würde sich in diesem Szenario mehr als halbieren. Die von Rindfleisch würde um etwa 40 Prozent sinken, die von Getreide um etwa 30 Prozent.

Aber kann eine solche Entwicklung wirklich mehr sein als nur Spekulation und Tagträumerei? Eine Umstrukturierung der Landwirtschaft würde viel Geld verschlingen – vor allem, wenn in diesem Zusammenhang die Bedingungen für die Tierhaltung in Deutschland verbessert werden sollen.

Die Agrarpolitik der Europäischen Union könnte ein Schlüssel zur Reduzierung der Tierzahlen sein. Der Agrarhaushalt ist mit Abstand der größte in der EU, größer als Sicherheit, Wirtschaft und Außenpolitik zusammen. Die EU gibt mehr als 50 Milliarden Euro für Agrarsubventionen aus – pro Jahr.

Dabei spielt es keine Rolle, wie nachhaltig ein Landwirt arbeitet oder wie gut es seinen Tieren geht. Die Förderung richtet sich ausschließlich nach der verfügbaren Fläche. Damit geht jedes Jahr ein Drittel der Fördergelder in der EU an das oberste eine Prozent der Empfänger. Darunter sind mitunter geradezu skurrile Großgrundbesitzer wie der Energiekonzern RWE, die katholische Kirche oder früher die britische Krone.

Mit einer Förderung, die andere Anreize setzt, wäre eine artgerechtere und nachhaltigere Tierhaltung in Deutschland und der restlichen EU möglich – aber auch in diesem Fall würden die Verbraucher wohl am Ende mehr für ihren Sonntagsbraten oder ihre Bockwurst im Stadion bezahlen.

Tatsächlich sind die Deutschen in Umfragen recht offen: 80 Prozent sind bereit, für Fleisch aus besserer Haltung einen deutlich höheren Preis zu zahlen. Rund ein Drittel würde nach eigenen Angaben sogar doppelt so viel Geld hinlegen.

Allerdings stellt sich auch in diesem Punkt die Frage, ob die guten Absichten der Käufer am Kühlregal oder an der Ladentheke tatsächlich in die Tat umgesetzt würden. Als die Lebensmittelpreise im Jahr 2022 aufgrund der Inflation in die Höhe schossen, brachen die Verkäufe von Bio-Produkten ein und die Menschen wandten sich stattdessen billigeren Produkten zu.

„Wir verwenden beim Einkaufen nicht so viel Energie darauf, unsere Entscheidungen abzuwägen. Und dann landen Lebensmittel im Einkaufskorb, die wir nicht geplant hatten“, erklärt Psychologe König. „Wir wissen, dass Preiserhöhungen zu einem Rückgang des Konsums führen können, aber wir wissen noch nicht, wie stark sich dies auf Fleisch auswirken würde.“

Experten zufolge sollen daher sogenannte Tierwohlprämien, mit denen der Staat Fleisch aus besserer Tierhaltung subventioniert, eine zentrale Rolle spielen: „Der Markt allein wird die Mehrkosten nicht finanzieren können“, sagt Schrader. „Es gibt eine Lücke zwischen dem, was die Bürger wollen, und dem, was die Verbraucher tun, also denke ich, dass diese Belohnungen angemessen sind.“

Eine große Sorge der deutschen Landwirte bleibt jedoch: Wenn Deutschland höhere Standards in der Tierhaltung einführt, könnte die Produktion ins Ausland verlagert werden. Tierschutz und Klima wäre nicht geholfen, viele deutsche Landwirte könnten bankrott gehen.

„Während der Schweinebestand in Deutschland in den letzten zehn Jahren um 5,8 Millionen gesunken ist, hat er in Spanien um 7,4 Millionen zugenommen. So kann es nicht weitergehen“, sagte der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied „Augsburgischer General“. „Wir sind dabei, den Tierhaltungsstandort Deutschland zu zerstören!“

Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat deshalb ein Programm angekündigt, mit dem jährlich rund eine Milliarde Euro für den Stallumbau und für laufende Tierwohlprämien ausgeschüttet werden sollen. Den Mitgliedern des Kompetenznetzwerks Nutztierhaltung (auch bekannt als Borchert-Kommission) gehen diese Schritte jedoch nicht weit genug. Die Eckpfeiler des Ministeriums seien „unzureichend“, heißt es. Langfristig würden jährlich vier bis fünf Milliarden Euro benötigt.

Landwirtschaftsminister Cem Özdemir verfolgt derweil bereits weitere Pläne, um den Verzehr tierischer Lebensmittel in Deutschland zu reduzieren. Der Grünen-Politiker will die Mehrwertsteuer auf Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte abschaffen. Eine gute Ernährung dürfe nicht am Geldbeutel scheitern, sagt er.

Das Land, dessen Schweineproduktion in den letzten Jahren so stark gestiegen ist, könnte als Vorbild für Özdemirs Modell dienen: In Spanien fällt seit dem 1. Januar für viele Produkte keine Mehrwertsteuer mehr an. Die Regelung umfasst Obst, Gemüse, Brot, Eier und Milchprodukte – aber kein Fleisch.

Leo V.
Leo V.
Ich arbeite seit ca. 4 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik, Unterhaltung, Technik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
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