Samstag, Oktober 1, 2022
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Folgen des Klimawandels: Wenn Tropenkrankheiten heimisch werden

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Wärmere Sommer, feuchtere Winter: Aufgrund des rasanten Klimawandels könnten sich Tropenkrankheiten auch in Deutschland häufiger ausbreiten. Welches ist es?

Infektionen mit Tropenkrankheiten sind in Deutschland insgesamt selten. Meistens sind sie reisebedingt. Ein Sonderfall ist das West-Nil-Virus. 2019 wurden die ersten Fälle von West-Nil-Fieber bekannt, bei denen sich Menschen in Deutschland angesteckt haben und nicht wie bei anderen Tropenkrankheiten im Urlaub oder am Flughafen. Laut Robert-Koch-Institut ist damit zu rechnen, dass sich das Virus hier weiter festsetzt und es zu saisonalen Infektionen kommt.

Eine RKI-Sprecherin sagte, diese Tropenkrankheit sei bisher die einzige, die in Deutschland in relevantem Ausmaß aufgetreten sei. Krankheitserreger wie Malaria-Plasmodien, das Dengue-, Chikungunya- oder Zika-Virus werden selbst in Südeuropa meist nur sehr sporadisch übertragen und nicht durch heimische Stechmücken in Deutschland.

Im Zusammenhang mit dem Klimawandel und einer möglichen Häufung in Deutschland seien aktuell auch Dengue- und Chikungunya-Fieber relevant, erklärt eine RKI-Sprecherin. Denn die potenzielle Überträgermücke Aedes albopictus, die Asiatische Tigermücke, breitet sich zunehmend in Deutschland aus. Die Sprecherin betont, dass Übertragungen von Dengue und Chikungunya in Deutschland zwar theoretisch möglich, aber praktisch derzeit unwahrscheinlich seien.

Laut RKI-Meldestatistik gab es 2022 in Deutschland keine Chikungunya-Erkrankungen, dafür aber 139 Fälle von Dengue-Fieber. Beide Erkrankungen werden durch sogenannte Flaviviren verursacht und äußern sich meist durch grippeähnliche Symptome. In schweren Fällen führt Dengue-Fieber zu inneren Blutungen und Chikungunya-Fieber zu schweren Knochen- und Gelenkproblemen, teilweise mit chronischem Verlauf.

In jüngerer Vergangenheit kam es auch in Deutschland zu vereinzelten Fällen von „Flughafen-Malaria“. In diesen Fällen hatten sich Flughafenmitarbeiter, die nicht selbst ins Ausland gereist waren, infiziert und wurden daher in Deutschland von einer Mücke infiziert.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Malaria in Deutschland noch weit verbreitet, viele infizierten sich vor allem im Rheintal. 1974 wurde sie in Europa für ausgestorben erklärt. Nach Angaben des RKI treten in Deutschland jährlich etwa 500 bis 600 Malariafälle nach Reisen auf.

Christoph Lübbert, Leiter der Abteilung Infektiologie/Tropenmedizin am Universitätsklinikum Leipzig, hält eine endemische Ausbreitung der Malaria in Deutschland auch bei steigenden Temperaturen dieser Tage für unwahrscheinlich. In fast allen Fällen führt eine Malariainfektion zu einer fieberhaften Erkrankung: „Und wir haben ein leistungsfähiges Gesundheitssystem“, so der Tropenmediziner weiter, „irgendwann gehen die Menschen zum Arzt, werden diagnostiziert und behandelt.“

Wie der Weltklimabericht gezeigt hat, schreitet die Erderwärmung noch schneller voran als bisher angenommen. Insgesamt war das vergangene Jahrzehnt rund 1,1 Grad wärmer als im Zeitraum zwischen 1850 und 1900. Nach Auswertungen der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) ist die Temperatur in Deutschland sogar um 1,6 Grad gestiegen.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Überträger wie Zecken oder Mücken hierher gebracht werden. Wenn die klimatischen Bedingungen jedoch günstig sind, könnten sie sich hier niederlassen. Ein Beispiel ist die Hyalomma-Zecke, auch „Riesenzecke“ genannt. Diese Zeckenart wird regelmäßig durch Vogelzug nach Deutschland eingeschleppt, konnte sich hier aber noch nicht etablieren. Die Hyalomma-Zecke kann unter anderem das Krim-Kongo-Virus übertragen. Das Krim-Kongo-Fieber ist normalerweise grippeähnlich. Es besteht jedoch die Gefahr innerer Blutungen, die ein Multiorganversagen auslösen. Die Sterblichkeitsrate liegt bei etwa 30 Prozent.

In einer in der Zeitschrift Nature Climate Change veröffentlichten Studie identifizierten Forscher der University of Hawaii mehr als 1.000 verschiedene Möglichkeiten, wie der Klimawandel Krankheitsausbrüche fördern könnte.

Denn nicht nur Überträger wie Mücken oder Zecken fühlen sich in einem wärmeren Klima wohl. Auch Bakterien können sich bei warmen Temperaturen besser vermehren. Laut der Nature-Studie könnten beispielsweise auch Stürme und schwere Überschwemmungen die Kanalisation beschädigen und den Zugang zu sauberem Trinkwasser erschweren. Dürren könnten die Menschen auch dazu zwingen, verschmutztes Wasser zu trinken. Dies kann die Ausbreitung verschiedener Krankheiten begünstigen.

Die Ausbreitung von Tropenkrankheiten ist laut Lübbert besonders gefährlich für Risikogruppen. Dazu zählen insbesondere ältere Menschen und Menschen, die aufgrund einer Vorerkrankung immungeschwächt sind. Aber auch für Kleinkinder sei beispielsweise Malaria deutlich gefährlicher als für einen kerngesunden Erwachsenen, erklärt der Oberarzt. Kleinkinder haben ein unreifes Immunsystem, das sich noch entwickelt.

Neben der Ausbreitung von Tropenkrankheiten bringt der Klimawandel weitere Gesundheitsrisiken mit sich, die sich auch gegenseitig bedingen können. Laut der Nature-Studie würden beispielsweise Ernteausfälle aufgrund von Dürre zu Hunger führen – allein das verursacht großes Leid und schwächt neben der Hitze das Immunsystem.

Der wohl erfolgversprechendste Weg, die weitere Ausbreitung von Tropenkrankheiten zu verhindern, ist die Bekämpfung von Stechmücken. In Deutschland gibt es dafür bereits vereinzelte Strukturen. Denn Mückenplagen sind auch hier keine Seltenheit. Damit haben vor allem Rheinkommunen in Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz zu kämpfen. Die Bürgerinitiative zur Bekämpfung der Stechmückenplage (KABS) kümmert sich seit 1976 um die Stechmückenbekämpfung vor allem im Rhein-Neckar-Gebiet. Durch die Maßnahmen konnte die Mückenzahl in den behandelten Bereichen um bis zu 96 Prozent reduziert werden. Auch der Kampf gegen die Asiatische Tigermücke gehört mittlerweile zu den Aufgaben des Vereins.

Es gibt mehrere Strategien, um die Ausbreitung von Mücken zu verhindern. Dazu gehören der Einsatz biologischer Mittel, die gezielt Mückenlarven bekämpfen, Insektizide oder gentechnisch veränderte Mücken. Paaren sich diese mit wilden Mücken, stirbt der gesamte weibliche Nachwuchs.

Für die meisten durch Mücken übertragenen Viren gibt es noch keine für Menschen zugelassenen Impfstoffe. Um hier voranzukommen, brauche es Fördergelder, fordert Lübbert. Und die fehlen oft.

Dass Tropenkrankheiten und ihre Bekämpfung bisher vernachlässigt wurden, liegt auch daran, dass sie in der Vergangenheit vor allem ärmere Länder des globalen Südens betrafen. Industrieländern, die Präventions- und Behandlungsmöglichkeiten entwickeln könnten, mangelt es oft an Engagement. Das sieht man am Beispiel der COVID-19-Pandemie, erklärt Lübbert: „Bisher sind die Impfquoten in Afrika mit Abstand am schlechtesten. Das liegt vor allem daran, dass viel zu wenig Impfstoff dorthin gegangen ist. Viele Länder können das nicht.“ Zahlen Sie die Impfdosen selbst.“ Sie würden aus dem COVAX-Programm oft nur noch Nachschub bekommen, „wenn wir den Impfstoff hier in zwei, drei Monaten vernichten müssten, weil er abgelaufen ist“.

Welche Regionen in welchen saisonalen Phasen durch Stechmücken-Erreger gefährdet sind, erklärt eine Sprecherin des RKI unter anderem anhand von Wetter- und Klimadaten, die in Deutschland sehr gut verfügbar sind. Es gibt auch ein Mückenmonitoring, um die Ausbreitung von Mücken zu erfassen. Bislang sei dies in Deutschland nicht sehr eng strukturiert, so die Sprecherin weiter. Es ist jedoch bekannt, wo heimische und invasive Mückenarten vorkommen, die als Vektoren für bestimmte Krankheitserreger fungieren können.

In Bezug auf das West-Nil-Virus informiert das RKI jedes Jahr über das aktuelle Endemiegebiet. So auch im Epidemiologischen Bulletin von Ende Juni. Seit 2016 sind neben Malaria auch Infektionen mit allen sogenannten Arboviren meldepflichtig. Dazu gehören alle Viruserkrankungen, die von blutsaugenden Arthropoden – Mücken und Zecken – übertragen werden. Laut der Sprecherin des RKI sollten Infektionen beim Menschen beachtet werden.

Auch im Kampf gegen Tropenkrankheiten verfolgt die WHO einen sogenannten One-Health-Ansatz. Das bedeutet, dass unterschiedliche medizinische Disziplinen und zum Beispiel politische Entscheidungsträger eng zusammenarbeiten.

Im Bereich der durch Stechmücken übertragenen Erreger bewertet das RKI diese Zusammenarbeit auf Anfrage als gut. Im Rahmen der Nationalen Expertenkommission „Mücken als Überträger von Krankheitserregern“ arbeiten wichtige Institutionen der Branche eng zusammen. An der Entwicklung von Konzepten und Strategien seien laut RKI-Sprecherin auch die Ministerien und die Bundesländer beteiligt.

Der Austausch mit anderen Ländern erfolgt über internationale Netzwerke, die beispielsweise vom European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) koordiniert werden. Ein Blick in andere europäische Länder könnte sich lohnen, so Lühken. Der Gruppenleiter Arbovirus-Ökologie am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) berichtet von Forschungsprojekten in Deutschland, die untersuchen, wie beispielsweise Griechenland und Italien mit dem West-Nil-Virus umgehen. Ausbrüche seien in diesen Ländern häufiger vorgekommen und man könne von ihren Strategien lernen, sagt der Forscher.



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Abgel T
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Ich arbeite seit ca. 3 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
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