Freitag, Juni 24, 2022
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Ford entscheidet sich gegen E-Auto-Bau in Saarlouis

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Ford wird seine neuen Elektroauto-Modelle in Valencia produzieren. Die Entscheidung fiel gegen das Werk Saarlouis, wo nach 2025 keine Autos mehr vom Band rollen sollen. Die 4600 Beschäftigten sind empört. Ihre Zukunft ist offen.

In einer Halle auf dem Ford-Werksgelände in Saarlouis mischt sich das rhythmische Klatschen von Papierfächern der IG Metall, das Kreischen von Pfeifen und das Dröhnen von Druckluftfanfaren. Es ist ein ohrenbetäubender Lärm, mit dem die Mitarbeiter des Autobauers auf einer Betriebsversammlung ihrem Frust Luft machen. „Die Geschäftsleitung hat uns leere Versprechungen gemacht. Wir fühlen uns von der Ford Europa-Führung belogen und betrogen“, sagte Betriebsratsvorsitzender Markus Thal.

Nach einem harten Bieterverfahren entschied sich die Ford-Gruppe für den Standort im spanischen Valencia. Es wird in Zukunft zwei neue Elektroautomodelle produzieren. Damit ist seine Zukunft gesichert. Das Werk im Saarland mit seinen rund 4.600 Mitarbeitern und rund 2.000 weiteren Nahversorgern geht leer aus.

Ford-Europa-Chef Stuart Rowley sagte in einer telefonischen Pressekonferenz, die Entscheidung sei nach einem umfassenden Konsultationsprozess mit beiden Standorten gefallen. Der Konzern investiert zwei Milliarden Dollar in die Produktion von Elektroautos am Standort Köln. Ende nächsten Jahres soll dort die Produktion anlaufen. Ford habe sich zum Ziel gesetzt, ein nachhaltiges Geschäft in Europa aufzubauen, begründete CEO Jim Farley die Entscheidung in einer Erklärung. „Dies erfordert Konzentration und harte Entscheidungen.“

Das Werk in Valencia sei das „am besten positionierte Werk für die Produktion von Fahrzeugen, die auf einer Ford-Elektrofahrzeugarchitektur der nächsten Generation basieren“, heißt es. Ab 2026 will der US-Autobauer jährlich mehr als zwei Millionen Elektroautos in Europa bauen und eine bereinigte operative Marge von zehn Prozent erreichen.

Rowley betonte, dass die Entscheidung für Valencia als „bevorzugter Standort“ nicht das Aus für den Standort in Saarlouis bedeute. Der Konzern hat eine Task Force eingerichtet, um mit der Belegschaft und der Landesregierung Lösungen zu finden, wie das Werk weitergeführt werden kann. Konkrete Vorschläge hat er allerdings noch nicht gemacht. Nach 2025 sollen jedenfalls keine Autos mehr vom Band rollen.

Beiden Standorten würden erhebliche Umstrukturierungen bevorstehen, so der Ford-Europa-Chef. Denn um Elektroautos zu bauen, braucht es weniger Menschen. Wie viele Stellen abgebaut werden, nannte er auch nach mehrmaliger Aufforderung nicht.

Am Nachmittag demonstrierten fast 2.500 Beschäftigte vor dem Werk in Saarlouis. Sie fürchten um ihre Existenz, wenn Mitte 2025 die Produktion des Verbrenner-Modells Ford Focus endet. „Die Metaller werden sich mit allen Mitteln gegen die Liquidation des Ford-Standorts wehren“, sagte Jörg Köhlinger, Leiter des IG-Metall-Bezirks Mitte. Wenn das Management nicht einlenke, werde Ford „den Widerstand eines ganzen Bundeslandes“ spüren.

Der Konzern hat seinen Mitarbeitern in den vergangenen Jahren einiges abverlangt, um trotz Pandemie und Halbleiterknappheit wettbewerbsfähig zu bleiben: Keine Nachtschichten mehr, Kurzarbeit und laut Betriebsratsvorsitzendem Thal eine Kürzung um 2.500 Arbeitsplätze. „Ohne Perspektive für Saarlouis werden wir die Entscheidung des Konzerns nicht hinnehmen“, sagte der Hauptgeschäftsführer der IG Metall Völklingen, Lars Desgranges.

Auch von der Politik kommt scharfe Kritik. „Die Entscheidung von Ford ist eine Farce“, sagten die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger und Wirtschaftsminister Jürgen Barke. „Nach allem, was wir wissen, können wir mit Zuversicht sagen: Unter dem Strich liegt der Standort Saarlouis klar vorne. Das erweckt den Eindruck, dass der Prozess nie fair war.“

Mitte Mai reisten die beiden SPD-Politiker an die Konzernspitze nach Detroit, USA, um für den Standort zu werben. Das Angebot hatte nach Angaben des Ministerpräsidenten ein Gesamtvolumen von knapp einer Milliarde Euro.

Rehlinger sagte, er sei weiterhin offen für eine Zusammenarbeit mit Ford, aber der Konzern müsse das auch wollen. „Wir haben immer um Jobs gekämpft – nicht in erster Linie für einen Autohersteller. Wenn die dazu nicht mehr bereit oder in der Lage sind, werden wir uns nach Alternativen umsehen.“ Der saarländische Landtag will morgen zu einer Sondersitzung zusammentreten. Die Ängste der Mitarbeiter gehen weiter.



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