Donnerstag, Dezember 8, 2022
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Fotos auf Güterwagen Ein Selfie bei 15.000 Volt – der tödliche Trend

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Nachts auf einen Güterwagen steigen, schnell ein Selfie machen und in den sozialen Medien gefeiert werden – Bahn und Polizei bekämpfen mit Präventionsteams einen teilweise tödlichen Trend. Denn vielen Jugendlichen ist nicht bewusst, wie gefährlich solche Aktionen sind.

Die beiden jungen Männer riskieren mitten in der Nacht ihr Leben für ein Selfie. Sie steigen auf einen Güterwagen bei Kaiserslautern. Als einer von ihnen sich aufrichtete, verfing er sich vermutlich mit dem Arm in der Oberleitung und erlitt einen schweren Stromschlag. Das teilte die Bundespolizei im Sommer nach Zeugenbefragungen mit. Der 17-Jährige wird aus dem Waggon geschleudert und bleibt regungslos am Boden liegen. Sanitäter reanimieren ihn. Er ist schwer verletzt.

Solche Unfälle sind in Deutschland keine Einzelfälle. Fast jeden Monat verunglücken Kinder, Jugendliche und Heranwachsende, aber auch Erwachsene, weil sie einer Oberleitung zu nahe gekommen seien, sagte eine Sprecherin der Bundespolizei Potsdam. „Die Ursachen dieser Unfälle sind meist das Besteigen von Güterwagen und Strommasten oder das Surfen in der S-Bahn.“ Die Bundespolizei führt einen „überwiegenden Teil der Unfälle“ darauf zurück, dass jemand ein Selfie von sich oder ein Foto auf einem Eisenbahnwaggon machen wollte – teils wegen einer Mutprobe oder einfach aus Leichtsinn. „Fast alle Unfälle endeten mit Schwerverletzten oder dem Tod“, sagt die Sprecherin.

Adrian verlor seinen Freund bei einem solchen Unfall. Die beiden Jugendlichen stiegen 2019 im bayerischen Landkreis Deggendorf auf einen Güterwagen. Dann der Stromschlag. Adrian überlebte schwer verletzt. „Ich weiß nicht, wie der Unfall passiert ist. Der Tag ist vorbei“, sagte er ein Jahr später dem Bayerischen Rundfunk, immer noch sichtlich gerührt. Er musste wieder laufen lernen. „Auf der Intensivstation wollte ich immer aufgeben.“

Wie können solche Unfälle verhindert werden? Einen Zaun um alle Bahnanlagen zu ziehen, ist aus Sicht der Bahn wegen der vielen Bahnhöfe und des riesigen Gleisnetzes von der Nordsee bis zu den Alpen einfach nicht möglich. Angehörige verunfallter Kinder und Jugendlicher fordern dies schon lange und geben sich mit Warnschildern und Plakaten nicht zufrieden. Eine Bahnsprecherin stellt klar: „Das Betreten von Bahnanlagen ist verboten.“

Damit weniger Menschen ihr Leben verlieren oder schwere gesundheitliche Schäden erleiden, sehen Bahn und Bundespolizei vor allem einen Weg: Bildung. „Seit April vergangenen Jahres haben wir unsere Aufklärungsbemühungen noch einmal verstärkt“, sagt die Sprecherin der Deutschen Bahn. Sechs Präventionsteams sind bundesweit an Bahnhöfen, Gleisanlagen, in Schulen und Kindergärten unterwegs. „Gemeinsames Ziel ist es, durch frühzeitige Information Unfälle zu vermeiden.“

An einem verregneten Septembertag stehen die Schüler der sechsten Klasse des Gymnasiums in Gröbers in Sachsen-Anhalt auf Gleis 8 des Hauptbahnhofs in Halle. Viele der Zwölfjährigen seien für den Schulweg auf die Bahn angewiesen, sagt Lehrerin Maxi Klupsch. Bastian Peter ist Präventionsbeauftragter der Deutschen Bahn. Beim Eintreffen des ICE 703 erklärt er den Schülern die Gefahren der Stromleitungen und Gleisanlagen. Es geht um die Sogwirkung fahrender Züge. Laut Peter unterschätzen viele Jugendliche die Gefahr, Selfies auf den Gleisen oder vorbeirauschenden Zügen zu machen sowie auf stehende Waggons zu klettern.

„Durch die Stromleitungen fließen bis zu 15.000 Volt. Man muss die Leitungen nicht einmal berühren, um einen Stromschlag zu bekommen, mit lebensgefährlichen Folgen“, warnt der 34-Jährige. „Das ist 65-mal mehr als in der heimischen Steckdose“, sagt die Sprecherin der Bundespolizei Potsdam. Stromschläge passieren, wenn der Mindestabstand von 1,50 Metern nicht eingehalten wird. „Strom ist in der Lage, die Luft zu überspringen und über den Körper in einem Bogen zur Erde zu gelangen“, warnt die Bundespolizei in einem Flyer. Der menschliche Körper, der zu zwei Dritteln aus Wasser besteht, ist dann das „leitfähige Objekt“. „Wer denkt, dass Klettern auf Eisenbahnwaggons cool und harmlos ist, der irrt gewaltig“, sagen sie.

Und doch werde die Gefahr „meist aus Unwissenheit oft völlig unterschätzt“, räumt die Sprecherin ein. Die Polizei weiß nur zu gut, dass Bahnanlagen und Waggons „verlockende Orte“ sind. Das Handy ist griffbereit. Es wird ein Selfie aufgenommen, das in soziale Netzwerke wie Instagram hochgeladen wird. Das bekommt in der Regel viele Likes. „Die genießen dann mehr Respekt“, sagt Medienpsychologe Frank Schwab von der Universität Würzburg. Weil viele diese waghalsigen Aktionen per Handy miterleben, führt dies zu einem Statusgewinn. Ein höheres Ansehen lässt sich laut dem Experten auf diese Weise leichter erreichen, als wenn jemand mit einem Streich vor der Schulklasse auf sich aufmerksam macht. „Wo früher 10 positive Rückmeldungen waren, sind es jetzt 10.000.“

Doch mit Fotos und Selfies auf der Leiter eines Kesselwagens gefährden Kinder und Jugendliche laut Schwab nicht nur sich selbst: „Das führt dazu, dass die Idee nachgeahmt wird.“ Freunde und Bekannte könnten jedoch gegensteuern, wenn „andere Selbstdarstellung uncool finden und eine andere Haltung einnehmen“. In drei Viertel aller Fälle gehen Männer das Risiko ein. „Männer haben eine getrübte Risikowahrnehmung“, sagt Schwab. Das fängt mit der Pubertät an und endet mit der Familiengründung, die dann auch den Testosteronspiegel beeinflusst.

In Halle hört der 12-jährige Paul den Ausführungen des Bahn-Präventionsexperten zu. Er sagt, seine Eltern hätten ihm viel beigebracht. Einige seiner Freunde waren bereits über die Gleise gelaufen. „Ich werde ihnen sagen, wie gefährlich es ist.“

Leo V.
Leo V.
Ich arbeite seit ca. 4 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik, Unterhaltung, Technik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
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